Gepubliceerd door: RT-Deutsch (12-7-2017)

Pro Monat 30.000 Meldungen: Google finanziert Roboterjournalismus

Google-Illustration
Der Siegeszug der künstlichen Intelligenz erobert nun auch die Welt der Medien. Im Rahmen der Digital News Initiative fördert Google nun den Einsatz von Bots im Medienbereich. Neben einer britischen Nachrichtenagentur sollen auch deutsche Medien profitieren.

Das Wort des digitalen Journalismus ist bereits seit geraumer Zeit in aller Munde. Google wiederum engagiert sich bereits seit zwei Jahren im Rahmen seiner gemeinsam mit elf Verlagen und Medienorganisationen entwickelten Digital News Initiative. Deren Zweck ist, so heißt es offiziell, neue Wege auszuloten, um Journalismus auch im 21. Jahrhundert zum Wohl der Rezipienten und Medienhäuser gestalten zu können.

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Projektförderung erhielt nun auch die britische Nachrichtenagentur Press Association. Bei dem britischen Medienhaus handelt es sich um die 1868 gegründete, größte Nachrichtenagentur Großbritanniens. Der Fokus des etablierten Medienhauses liegt dabei auf der lokalen Presse.

Erst nur sehr grundlegende Meldungen

Nun sollen so genannte Bots, also Computerprogramme, die bestimmte Aufgaben automatisiert und selbstständig ausführen, schon bald etwa 1.000 Meldungen pro Tag produzieren. Diese enorme Summe entspricht folglich 30.000 Meldungen im Monat, die mithilfe Künstlicher Intelligenz produziert werden sollen. Der entsprechende Output wäre mit der aktuellen Belegschaft des Medienunternehmens niemals zu bewerkstelligen.

Zumindest für Press Association (PA) wäre dies also eine Win-Win-Situation: Ohne die Einstellung zusätzlicher Journalisten mehr Output generieren zu können, scheint eine finanziell vielversprechende Entwicklung darzustellen.

Das Geheimnis lautet erneut Big Data. Die eingesetzten Bots analysieren enorme Datenmengen und “schreiben” anschließend basierend auf den gefilterten Informationen, Keywords und Vorlagen [templates] die gewünschten Meldungen in einem nie gekannten Tempo. Ob dies noch als Journalismus zu bezeichnen ist, diese Frage im weiteren Verlaufe der Zeit ihre Antwort finden. Zumindest aktuell scheiden sich die Geister bei der entsprechenden Frage noch. Die jeglicher persönlichen Note entbehrenden, artifiziell erzeugten Nachrichten werden sich dabei zunächst auf sehr grundlegende Meldungen fokussieren.

RADAR soll künstliche Meldungen mit Lokalkolorit generieren

Nun springt auch Google auf den anscheinend nicht mehr aufzuhaltenden Datenzug auf. Das US-Unternehmen mit Sitz im kalifornischen Silicon Valley stellt dem entsprechenden Projekt der Briten dabei 706.000 Euro aus seiner prall gefüllten Schatulle zur Verfügung. Das Geld fließt dabei in das Projekt Reporters And Data And Robots (RADAR), dass PA gemeinsam mit dem Daten-Startup Urbs Media entwickelte. Im Rahmen von RADAR sollen demnach künstliche Meldungen über lokale Themen wie etwa Kriminalität, Gesundheit und Arbeitsmarkt erzeugt werden.

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Im Rahmen seiner Digital News Initiative stößt der Branchenprimus Google dabei vor allem auf den offensichtlich reizvollen deutschen digitalen Medienmarkt vor. So erhielten deutschen Medienunternehmen in der dritten Förderrunde den Zuschlag über 3,7 Millionen Euro für acht Projekte und sieben Medien-Prototypen. Dabei verweist Deutschland Italien mit 2,8 Millionen Euro, Großbritannien (2,5 Mio.), Spanien (2,0 Mio.) und Frankreich (1,6 Millionen) mit Abstand auf die Plätze.

Zu den deutschen Nutznießern zählt dabei auch die Deutsche Welle. Gefördert mit 437.000 Euro baut der deutsche Auslandsnachrichtensender das Projekt news.bridge auf. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die eine Mischung aus Standardwerkzeugen für die automatische Übertragung, Übersetzung, den Voiceover und Zusammenfassungen von Video- und Audio-Inhalten in etlichen Sprachen anbietet.

Im Rahmen der RADAR-Initiative arbeitet nun ein Team, bestehend aus fünf Journalisten, daran, Informationen für die lokale Anpassung heranzuziehen und entsprechende Templates, also Vorlagen, zu erstellen. Dies geschieht durch den Rückgriff auf frei zugängliche Datenbanken von Verwaltungseinrichtungen und Behörden. Die entsprechend digital produzierten Meldungen sollen anschließend allen Verlagen und Medienhäusern mit lokalem Angebot zugutekommen, da diese für ihre jeweilige lokale Zielgruppe zugeschnittene Meldungen enthalten.

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Der Startschuss für RADAR soll Anfang des Jahres 2018 erfolgen. Die auf Nachrichten aus dem digitalen Segment fokussierte Nachrichtenseite Silicon.de verweist auf ein Beispiel der entsprechenden Anwendungsgebiete:

So könnte etwa mithilfe des RADAR-Algorithmus im Bereich der landesweiten Unfallzahlen eine herkömmliche Meldung verfasst werden, die den durch die Bots entsprechend generierten lokalen Informationen für die Kreis- oder Kommunalebene angepasst werden. Durch dieses Vorgehen würden die auf Lokalebene relevanten Informationen im Vordergrund stehen. Wie jedoch Daten-Missbrauch oder Manipulation ausgeschlossen werden soll, bleibt bislang unerwähnt.

Soros-geförderter “Faktenchecker” soll omnipräsent werden

Noch etwas komplexer ist die Frage nach der Informationshoheit und deren Deutung. Diese drängt sich bei einem weiteren von Google geförderten Projekt auf. So etwa bei der in London ansässigen Organisation Fullfact. Diese hat sich das anspruchsvolle Ziel gesetzt, Tatsachenbehauptungen auf deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Auf diese Weise soll den vermeintlich omnipräsenten Fake-News der Garaus gemacht werden.

Das Vorgehen firmiert dabei unter dem Begriff “Automated fact-checking“.

Neben einer Zuwendung von 500.000 Dollar durch die Omidyar- und die Open Society Foundation des George Soros erhielt Fullfact auch von Google im Jahr 2016 im Rahmen seiner Digital News Initiative Unterstützung. Technologieunternehmen und Milliardärs-Stiftungen mit ihren ganz eigenen politischen oder wirtschaftlichen Zielen und Interessen als digitale Paten für die Verifizierung von Informationen: Wo es dem einen aufgrund der erahnten Manipulations- oder Missbrauchsmöglichkeiten eiskalt den Rücken runterläuft, frohlocken die anderen.

Das erste Fact-Checking-Instrument des Unternehmens nennt sich Live. Der Live-Initiative liegt die durchaus auffällige Annahme zugrunde, dass etwa Politiker sich immer wieder aufs Neue bei ihren Aussagen wiederholen, so dass eine Behauptung, die falsch oder ungenau sei, dennoch wiederholt werde. Sobald Fullfact die entsprechende Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft habe, wird die nach Ansicht des Algorithmus zutreffende Tatsache hinter der Behauptung in die Unternehmens-Datenbank eingespeist. Somit könne gewährleistet werden, dass die “wahre” Information immer dann zur Verfügung stehe, wenn vermeintlich falsche Aussagen getätigt würden.

 

Das ist der Punkt, an dem es laut Fullfact-Manager Mevan Babakar richtig interessant wird:

Wir schaffen wir es, den Fakten-Check so anzulegen, dass er im großen Maßstab zur Verfügung steht”, fragt sich der Fullfact-Mitarbeiter.

Auch deutsche Akteure im DNI-Netzwerk

Der Google-Konzern selbst hat für seine Digital News Initiative zwischenzeitlich über 200 weitere Partner gewonnen. Zu den DNI-Gründungsmitgliedern zählen dabei auch deutsche Medienhäuser wie Spiegel-Online und etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Die Zeit. Dazu kommen der Bauerverlag und Nachrichten-Seiten wie Golem und Heise.com.

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Trotz der Big-Data-Algorithmen von Press Association oder etwa Fullfact wird der Beruf des Journalisten nicht unmittelbar aussterben, doch die “Roboter-Journalisten” werden ihm auf Dauer erhebliche Konkurrenz machen. Ob auch der US-Konzern für die Einführung des Mindestlohns plädiert, ist aktuell nicht bekannt. Er würde sich jedoch im Silicon Valley damit in durchaus guter Gesellschaft befinden. Dort gehört es zwischenzeitlich zum guten Ton, dem Mindestlohn das Wort zu reden. Dass sich aktuell gerade auch US-Konzerne zu dessen Fürsprechern machen, geschieht dabei nicht von ungefähr.