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Ein Geflecht aus Konzernen und Politik ist verantwortlich für die Situation der deutschen Autoindustrie. Das sagt der Ökonom Rudolf Hickel. Er warnt vor einem „riesigen Glaubwürdigkeitsverlust für den Industrie-Standort Deutschland“. Der Linken-Politiker Herbert Behrens kritisiert die „falsche Industriepolitik“ der Regierung.

Ökonom Hickel spitzte seine Analyse im Gespräch mit Sputnik zu: „Es gibt einen Auto-Industriellen Komplex in unserem Land, nach dem Vorbild des Militärisch-Industriellen Komplexes in den USA. Das bedeutet Zusammenarbeit zwischen Rüstungsunternehmen einerseits und Politik andererseits. In unserem Land sind es die Auto-Konzerne und die Politik. Begonnen hat das mit ‚Auto-Kanzler‘ Gerhard Schröder (SPD). Dieser Auto-Industrielle Komplex muss demontiert werden, sonst kommen wir aus der Krise nicht heraus.“Der Bremer Ökonom glaubt, dass sich die Vorwürfe gegen die Autoindustrie durch die gegenwärtigen Untersuchungen von Europäischer Union (EU) und Bundeskartellamt bestätigen werden. Beide Institutionen ermitteln aktuell gegen die großen deutschen Auto-Konzerne Volkswagen (VW), Audi, Porsche, BMW und Daimler.

Die „Großen Fünf“ im Visier

„Ich gehe davon aus, dass sich die Vorwürfe gegen die ‚Big Five‘ bewahrheiten werden“, so der Ökonom.

„Das sind die fünf größten deutschen Auto-Unternehmen. Ich sehe eine große Vertrauenskrise bei den Kunden, einen Riesenskandal für die Auto-Konzerne und einen gigantischen Glaubwürdigkeitsverlust für den Industrie-Standort Deutschland. Ich denke, dass die Automobil-Industrie dadurch Schäden angerichtet hat für Deutschland, die weltweit wahrgenommen und ganz sicherlich auch negative Folgen haben werden.“

Die deutschen Automobile seien technologisch nicht schlecht, so der Wirtschaftsexperte. „Aber Sie müssen sehen, dass es massiven Betrug gegeben hat. Das beispielsweise die Käufer von Dieselfahrzeugen von VW oder von Daimler getäuscht worden sind. Dadurch verlieren die Automobile in den Augen der Kunden an Wert.“

Internationale und nationale Folgen des Skandals

Für den Ökonom ist die Frage, inwieweit dieser Vertrauensverlust die Konkurrenzposition der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt schwächt. „Das ist derzeit sehr schlecht zu sagen. Es gibt mit Opel einen Auto-Hersteller, der theoretisch von der deutschen Auto-Krise profitieren könnte. Aber der krisengeschüttelte Opel-Konzern kann nie und nimmer die Marktbedeutung von beispielsweise Daimler ersetzen. Der Weg wird jetzt ein anderer sein.“ Der gesamte Skandal müsse schonungslos“ offengelegt werden. Die Verantwortlichen müssten sich „zu ihrer Schuld bekennen“, forderte er. Auch hohe Geldstrafen seien ein probates Mittel. „Und dann kann ich der Automobil-Industrie in Deutschland nur einen guten Neustart wünschen, der muss aber politisch erheblich mehr kontrolliert werden.“

US-Präsident Donald Trump sei unterdessen daran interessiert, alles zu tun, um den Absatz der „US-Autoindustrie auch in Europa erheblich zu steigern.“ Letztlich seien die Auto-Konzerne in den USA jedoch auf dem Weltmarkt zu schwach. Ob die deutsche Auto-Krise der US-Wirtschaft entgegenkommen würde, sei derzeit aufgrund struktureller Unterschiede noch nicht abzusehen. „Ich bin mir relativ sicher, dass deutsche Auto-Produkte in den USA langfristig nicht verdrängt werden.“

„Gleiches Muster wie beim VW-Abgasskandal“

„Die verantwortlichen Politiker, sei es die Kanzlerin, sei es das Verkehrsministerium unter Dobrindt, sagen: ‚Wir wussten davon nichts, das wird sich schon aufklären‘.“, sagte der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens (Linksfraktion) gegenüber Sputnik. „Das ist so nicht hinzunehmen. Die Politik nimmt auch in diesem Fall die Autoindustrie nicht an die Kandare.“

Der verkehrspolitische Sprecher der Linksfraktion sitzt für diese als Obmann im Verkehrsausschuss des Bundestages und verfolgt schon länger die Entwicklung der deutschen Autobauer. Er sieht in der aktuellen Krise „das gleiche Muster wie auch beim VW-Abgasskandal“. Er unterstrich: „Die deutsche Regierung betreibt eine falsche Industriepolitik. Sie schützt weiterhin den Diesel und setzt nicht auf zukunftsfähige Technologien. Damit gefährdet sie auch Arbeitsplätze in Deutschland.“ Behrens geht wie Hickel nicht davon aus, dass durch die gegenwärtige deutsche Krise die US-Autoindustrie profitieren könnte. „Der Automarkt der USA ist stark von japanischen und koreanischen Anbietern dominiert. Die US-Autoindustrie ist nicht so stark, wie sich das manchmal anfühlt.“

Das Interview zum Nachhören mit Prof. Dr. Rudolf Hickel

Das Interview zum Nachhören mit MdB Herbert Behrens