Von: Markus Kompa

Publiziert: Telepolis (4-8-2017)

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John F. Kennedy in Dallas Minuten vor seiner Ermordung. Bild: Penn Jones Photographs. Baylor University Collections of Political Materials. Gemeinfrei

(Bild: Geheimdienste, John F. Kennedy, )

Bürgermeister von Dallas war CIA-Agent

Seit einigen Tagen veröffentlichen die USA erste Akten aus dem JFK-Material, das spätestens zum 26.10.2017 vollständig freigegeben werden muss. Bislang spektakulärster Fund ist die Tatsache, dass der Bürgermeister von Dallas höchstpersönlich CIA-Agent gewesen war – und dass diese Information ein halbes Jahrhundert lang als geheimhaltungsbedürftig eingestuft wurde.

Earle Cabell (1906-1975) stammte über zehn Vorfahren von der legendären Indianerin Pocahontas ab. Bereits Cabells Vater und Großvater hatten jeweils in Dallas das Bürgermeisteramt ausgeübt. Cabell versuchte sich zunächst als Unternehmer und Investmentbanker. Zu seinen Freunden gehörte der ultrarechte Ölbaron Jack Chrichton. Dieser war ein politischer Weggefährte von George Herbert Walker Bush, dem Sohn des Unternehmers und “Geheimdienstkontrolleurs” Prescott Sheldon Bush – einem engen persönlichen Freund von CIA-Chef Allen Dulles (Die magische Kugel des Allen Dulles).

Wie nun bekannt ist, wurde Earle Cabell seit 1956 als CIA-Agent geführt. In seiner Eigenschaft als Unternehmer hätte er Informationen liefern oder Tarnung für CIA-Operationen bieten können, wie dies damals viele patriotische Industrielle etwa aus der Dulles-Clique taten. 1961 setzte Charles Cabell die Familientradition fort und wurde ebenfalls Bürgermeister von Dallas.

Seine Verbindung zur CIA war jedoch noch enger: Cabells Bruder Charles, der im Zweiten Weltkrieg beim Militär Karriere machte, hatte es zum Vizedirektor der CIA gebracht. Die damalige Führung der CIA hatte ein elitäres Selbstverständnis, Dulles sah sich sogar über dem Präsidenten. Folgerichtig betrog Dulles Roosevelt, Truman, Eisenhower und Kennedy, um im Ausland die Interessen der Wallstreet durchzusetzen und hintertrieb mehrmals deren Politik.

Major General Charles Cabell war seinerzeit mit Staatsgeheimnissen wie dem ultrageheimen Spionageflugzeug U2 befasst gewesen. So hatte er persönlich mit Adenauer um die Erlaubnis verhandelt, die U2 in Wiesbaden zu stationieren und von dort die Sowjetunion illegal überfliegen zu lassen. Es war das U2-Programm gewesen, mit dem es CIA-Chef Allen Dulles gelang, den Friedensgipfel zwischen Chruschtschow und Eisenhower zu sabotieren.

Wie andere Südstaaten beherbergte auch Texas geheime Stützpunkte, an denen die CIA Exilkubaner für die Invasion in die Schweinebucht vorbereitete. Chefplaner des Unternehmens war der weitere CIA-Vizedirektor Richard Bissell. Nach dem desaströsen Scheitern der vorgetäuschten Konterrevolution, welches die USA vor der Welt als aggressive Nation erscheinen ließ, entließ Kennedy sowohl Bissell und Cabell als auch CIA-Chef und -Übervater Allen Dulles. Während der Kuba-Krise legte sich der Leiter des CIA-Programms für Staatsstreiche und Attentate William King Harvey mit den Kennedy-Brüdern an und wurde daraufhin nach Rom strafversetzt (William King Harvey und die Lizenz zum Töten).

Texas war in vielerlei Hinsicht Kennedy-feindliches Terrain. So residierten dort die ultrarechten Ölbarone Clint Murchison und H. L. Hunt, damals die reichsten Männer der Welt. In Dallas gehörte Hass auf Kennedy, den auch die örtliche Presse befeuerte, quasi zum guten Ton. Einige Wochen vor dem Attentat auf Kennedy reiste Allen Dulles, der nach seiner Entlassung die CIA aus seinem Privathaus einfach weiter dirigierte, mit unbekannter Agenda nach Texas.

Auch der nun in Italien stationierte Harvey unternahm Wochen vor dem Kennedy-Attentat eine Reise in die USA, über deren Anlass sich Harvey seinen Kollegen in Rom gegenüber ausschwieg. Lediglich von einer “großen Sache” war die Rede, was er nie auflöste. Seine Reisepläne gehören zu dem einen Prozent der Kennedy-Akten, die bislang gesperrt sind.

Bürgermeister Earle Cabell war seinerzeit für die Route des Autokonvois verantwortlich, die sehr kurzfristig geändert wurde. Unklar ist, warum diese nun ausgerechnet an jenem Grashügel mit erhöhter Schussposition vorbeiführte, nach einer Kurve, welche die Fahrt ohnehin verlangsamte. Unklar ist ferner, wie “Alleintäter” Lee Harvey Oswald Wochen vor dieser Änderung die Route gekannt haben könnte, als er die Arbeit im Schulbuchverlag annahm. Unklar ist auch, warum entgegen den sonstigen Gepflogenheiten die Dallas-Polizei geöffnete Fenster an der Route akzeptierte, auf eigene Scharfschützen verzichtete, auf der Dealey-Plaza kaum Polizisten hatte und die seitlichen Motorräder strich.

Die Verantwortlichen wurden nie belangt, auch nicht der politische Vorgesetzte des Secret Service, der für den Schutz des Präsidenten verantwortlich war – ein enger Freund der Familia Dulles. Kurz nach dem Attentat trat Cabell vom Bürgermeisteramt zurück, um fortan im Kongress zu wirken, gemeinsam mit Ölunternehmer und späteren CIA-Chef George Herbert Walker Bush, dem eine Verwendung als CIA-Agent während der Schweinebucht-Mission nachgesagt wurde.