Von: Heiner Flassbeck

Publiziert: Telepolis (8-8-2017)

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São Paulo. Foto: F J Jarabeck / CC BY 2.0

Auch große Schwellenländer wie Brasilien mit einer eigenständigen Tradition in kritischer Ökonomik können sich dem neoklassischen Mainstream und einer ultraorthodoxen Zentralbank nicht widersetzen. Das treibt ungeahnte Blüten

Entwicklungs- und Schwellenländer müssen nicht nur mit den Produkten leben, die ihnen der Norden permanent aufzwingt (McDonalds lässt grüßen), sondern sie sind leider auch nicht immun gegen den intellektuellen Fast Food, den ihnen der Norden dauernd um die Ohren schlägt und dessen sie sich kaum erwehren können.

Die Erkenntnisse, die aus dem Norden kommen, sind doch in den besten Instituten und Universitäten ausgebrütet worden und können daher gar nicht falsch sein. Wie könnte ein Schwellenland behaupten, es brauche die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des Nordens nicht, weil es sich das alles selbst und viel besser erarbeitet hat. Dass das in ökonomischen Fragen ganz anders ist, wird immer noch nicht verstanden.

Ich war am Wochenende in Sao Paolo zu einer wissenschaftlichen Konferenz eingeladen, bei der es um makroökonomische Steuerung im weitesten Sinne ging. Zwar waren die meisten der Ökonomen auf dieser Konferenz kritischen Schulen zuzurechnen, die nicht einfach Neoklassik nachbeten. Aber auch in Brasilien wird an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in erster Linie Neoklassik gelehrt, wie mir viele der anwesenden Studenten leidgeprüft versicherten.

Die Auswahl der Professoren verläuft an brasilianischen Universitäten nicht anders als an europäischen und amerikanischen, was heißt, dass nur derjenige eine Chance hat, eine Professur zu bekommen, der Veröffentlichungen in den berühmten Journalen nachweisen kann. Wer dort veröffentlichen will, muss aber Neoklassik bis zum Exzess betreiben, weil die dort Verantwortlichen und die Referees die formale Schönheit neoklassischer Modelle für die einzige Form wissenschaftlicher Ökonomik halten.

Welche Blüten das treibt, kann man leicht erkennen, wenn man einen Standardsatz des auch dort herrschenden Mainstream hinterfragt. Mehrfach und von verschiedenen Seiten wurde auf der Konferenz festgestellt, dass in Brasilien unter anerkannten akademischen Ökonomen die Auffassung weit verbreitet ist, Brasilien könne auch mit einem Leistungsbilanzdefizit gut zurechtkommen, denn das bedeute ja nichts anderes, als mit den Ersparnissen des Auslandes zu wachsen.

Könne man dann gleichzeitig noch feststellen, dass das Land einen Zufluss ausländischer Direktinvestitionen verzeichnet, sei alles in bester Ordnung. Und zwar auch dann, wenn es vorher eine starke reale Aufwertung der eigenen Währung gegeben habe.

Wir haben schon oft erklärt (hier zum Beispiel), dass diese Vorstellung aus einer anderen Galaxie stammt und mit den Verhältnissen auf der Erde nichts zu tun hat. Ich muss das nicht noch einmal ausführlich wiederholen. Nur so viel: Leistungsbilanzdefizit heißt nicht, dass Ersparnisse fließen, die man im Land irgendwie verwenden könnte. Sondern nur, dass das betroffene Land sich verschuldet, um einen Teil der Importe zu finanzieren.

Das ist ein Prozess, der der inländischen Wirtschaft schadet und nicht nutzt. Jedenfalls dann, wenn er auf einer ungerechtfertigten realen Aufwertung der Währung beruht wie das in Brasilien eindeutig der Fall ist. Direktinvestitionsimporte mag es gleichzeitig geben, aber die darf man nicht einfach gegenrechnen und sagen, die zeigten, dass tatsächlich per Saldo ausländisches Kapital ins Land geflossen sei. China etwa hatte über Jahrzehnte eine hoch positive Direktinvestitionsbilanz (also per Saldo hohen Zufluss), aber gleichzeitig hohe Überschüsse in der Leistungsbilanz.

Interessant finde ich, dass sich eine solche Sichtweise, getrieben von einigen neoliberalen Akademikern in einem Land durchsetzt, in dem man den reichen Familien und den Unternehmen noch viel mehr Einfluss auf die Politik zuschreibt als bei uns. Denn das Ergebnis einer solchen Auffassung ist eindeutig unternehmerunfreundlich.

Die langjährige Aufwertung des Real und die hohen Zinsen (siehe hier einen dreiteiligen Bericht dazu über Brasilien und Argentinien), die zu dieser Aufwertung geführt haben, gingen sicher in erster Linie zulasten der Reichen – wenngleich die trotzdem noch reich und mächtig sind.

Man hätte schließlich mit einer einfachen Maßnahme die Aufwertung in Grenzen halten können, nämlich durch eine konsequente Intervention der Zentralbank. Eine Zentralbank kann jederzeit durch Aufkauf ausländischer Währungen eine Aufwertung der eigenen Währung verhindern, denn die ausländischen Währungen kauft sie ja mit eigener Währung, von der sie beliebig viel besitzt. Die Schweiz hat jahrelang gezeigt, dass das möglich ist (vgl. dazu einen Artikel hier).

Ob die Zentralbank dabei die Zinsen hätte so hoch halten können, wie sie seit langem sind, ist eine offene Frage, ist aber unwahrscheinlich. Da aber die Inflation in den letzten Jahren sehr stabil ist, hätte auch ein niedriger Zins daran mit großer Wahrscheinlichkeit nichts geändert. Auf diese Weise hätte man den schweren Wirtschaftseinbruch jedoch mit ziemlicher Sicherheit verhindern können.

Das ist nicht gemacht worden, weil die brasilianische Zentralbank seit langem, also auch während der Zeiten der “sozialistischen Regierungen” fest in der Hand von ultraorthodoxen Monetaristen ist. Hinzu kommt in Brasilien eine fast schon panische Angst vor den Kapitalmärkten und den Ratingagenturen, die von den Ultraorthodoxen natürlich geschürt wird. Diese Kombination verhindert schon seit vielen Jahren, dass man sich energisch und mit Hilfe der eigenen Zentralbank auch einmal gegen diese Märkte stellt.

Wie stark der Glaube an die unbeschränkte Macht der Finanzmärkte bis in höchste Regierungskreise ist, wurde mir in Gesprächen mit früheren Mitgliedern der Kabinette von Präsident Lula und Rousseff klar. Deswegen haben es weder Präsident Lula noch Präsidentin Rousseff gewagt, die Zentralbank als entscheidende Institution in ihre Hände zu bringen. Einige vermuten sogar, dass für das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Rousseff wichtiger als die offenen Vorwürfe ihr Versuch war, angesichts der kritischen Situation der Wirtschaft die Zentralbank zu Zinssenkungen zu bewegen.

Man muss sich das plastisch vorstellen: Eines der größten Schwellenländer und zudem ein Land mit einem ungeheuren Potential an Menschen und Möglichkeiten, wird von der eigenen (unabhängigen!) Zentralbank als Geisel genommen, so dass selbst demokratisch gewählte Präsidenten nicht tun können, was notwendig ist, um die eigenen Potentiale zu erschließen. Unter dem jetzigen, mehrfach in Korruptionsskandale verwickelten Präsidenten Temer (der Rousseff ohne Wahl verdrängte) ist übrigens der langjährige Präsident der Zentralbank Finanzminister geworden.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung von der Website makroskop übernommen. Deren Herausgeber Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt sehen ihre Aufgabe darin, “das massive Versagen der Politik zu thematisieren und Lösungswege aufzeigen, die sich auch am Interesse derjenigen orientieren, die in der Gesellschaft keine eigene Stimme haben”.