Von: Diego Fusaro

Publiziert: Telepolis, 28-8-2017

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Wir sind nur Waren mit Verfallsdatum

Innerhalb der entfremdeten Grenzen der Konsumgesellschaft bewahrheiten sich unheilvolle Prophezeiungen. Bereits Dante hatte auf aristotelischer Basis vor der Dynamik der maßlosen Reichtumsanhäufung gewarnt:

Als falsche Verräter stellen die Reichtümer immer in Aussicht, wenn sie in genügender Zahl beisammen sind, denjenigen, der sie zusammengescharrt, vollauf zu befriedigen. Auf diese Weise verlocken sie den menschlichen Willen zum Laster der Habsucht.
Dante Alighieri: Das Gastmahl

Als höchste Stufe des Kapitalismus in seiner absoluten Phase ist die postmoderne Religion des Konsumismus das neue Opium für das Volk. Libertär und sans frontières basiert der Konsumismus selbst auf Unsicherheit und Instabilität, auf Flexibilität und der Auflösung alles Festen.

Ethische Solidität und Stabilität in allen Bereichen (im Berufsleben, in der Gefühlswelt, in den existenziellen Fragen, etc.) stellen für seine Liturgie und fatale Zirkularität, die zu seinem Fortbestand und zur Verstärkung der Marktgesellschaft alles dynamisiert und umwandelt, ein Hindernis dar. Das habe ich auch in meinem Buch “Minima mercatalia. Philosophie und Kapitalismus” (Bompiani 2012) angedeutet.

Konsumismus und unsichere Arbeitsverhältnisse gehen nicht nur Hand in Hand, weil beide auf einer Regelung universeller Vergänglichkeit aufbauen, die aus kurzlebigen “Einweg-Momenten” besteht, sondern auch, weil der globale Bürger gegen das aus der Unsicherheit stemmende Leid allein die Therapie des Konsumgenusses zu haben scheint, eine Art des “neo-säkularen Hedonismus” der Konsumgesellschaft, wie Pasolini ihn nannte.

In der Vorgehensweise des Konsumismus verflechten sich die Instanzen der unsicheren Arbeitsverhältnisse, des Individualismus und der totalen Kommerzialisierung. Das Konsumismus-Regime ist von Natur aus prekär, da es der programmierten Veralterung der Mode und dem unaufhörlichen Ersatz von Waren im Umlauf unterliegt; so sehr, dass es in einer Zeit der universellen Flexibilität kein Seiendes gibt, das nicht als unmittelbar hic et nunc zum Konsum bereitstehendes Produkt erscheint.

Das Ideal des Aere perennius (dauerhafter als Erz) von Horaz wird durch den konsumistischen “Wegwerf-Imperativ” (Serge Latouche) ersetzt, der sowohl für das Reich der Dinge als auch für Menschen eingesetzt werden kann, die selbst zu kurzfristigen Waren reduziert wurden.

Das Konsummodell ist auch Ausdrucksfunktion des Individuums, das die intersubjektive Beziehung mit anderen und mit der Gemeinschaft durch die Verbindung zu Waren ersetzt hat und somit jede weitere Beziehung aufgegeben hat. Das ist unsere Gegenwart: Wir sollten ihr Wesen verstehen, um ihre Geometrien neu zeichnen zu können.