In einem Interview mit dem ZDF-„Heute-Journal“ räumte Nordkorea-Experte und Politikwissenschaftler Wolfgang Nowak mit einigen Mythen über die politische Führung des Landes auf.

Für viele Menschen im Westen ist Nordkorea ein skurriles Land mit einem irren Führer, der das Land in einen aussichtslosen Krieg mit den USA zu treiben scheint. Zu dieser Wahrnehmung trägt wesentlich die oberflächliche Berichterstattung der westlichen Medien bei, die gar nicht erst den Versuch unternimmt, die tieferen Ursachen für das Verhalten der nordkoreanischen Regierung zu ergründen. Eine erfreuliche Ausnahme ist das Interview mit Wolfang Nowak, das vor wenigen Tagen im „Heute-Journal“ des ZDF ausgestrahlt wurde.

Drohungen sind „geplantes Kalkül“

Die zahlreichen und für westliche Beobachter unverständlichen Provokationen in Form von Atomwaffentests seien laut Nowak Teil einer sorgsam geplanten „Versicherungsstrategie“. Da die USA und Südkorea ungebremst aufrüsten würden und sich Nordkorea ein Wettrüsten mit diesen Mächten nicht leisten könne, müsse es deshalb auf Abschreckung setzen. Diese sei eine „Versicherung zum Bestand des Landes“ und für die nordkoreanische Regierung auch wirtschaftlich die einzig sinnvolle Lösung.

Lösung des Konflikts liegt in Verhandlungen

Um die derzeit aussichtslos erscheinende Situation lösen zu können, müsse man verstärkt auf Verhandlungen und weniger auf Sanktionen und Bedrohungsszenarien setzen, so Nowak. Ein wesentlicher Punkt sei dabei die Einstellung der südkoreanischen und amerikanischen Militärmanöver zur Erntezeit, die das Land massiv bedrohen und unter Druck setzen würden. Erst dann könne man über einen Friedensvertrag oder Waffenstillstand verhandeln. Keineswegs habe Nordkorea eine irrationale und völlig unzugängliche Führung, vielmehr handle diese „sehr rational“.

Europa sollte Rolle als Moderator übernehmen

Da das gegenseitige Misstrauen derzeit jedoch enorm hoch sei, würde es an europäischen Staaten wie Deutschland oder Frankreich liegen, die entscheidende Rolle als Moderator zwischen den vielfältigen Interessen zu übernehmen. Das Atomwaffenprogramm könne zu Beginn der Verhandlung auch nicht zur Disposition stehen, da Nordkorea derzeit „kein Vertrauen in das gegebene Wort Amerikas oder des Westens“ habe. Dennoch müsse das langfristige Ziel ein atomwaffenfreies Süd- und Nordkorea lauten.