Florian Rötzer

Publiziert: Telepolis, 6-9-2017

audience_ho-3c9dd4fcb0971f33.jpeg

Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass kleine Gruppen am besten richtige Entscheidungen treffen können

Die durchaus der Demokratie zugrunde liegende Idee wurde vor allem auch angesichts der Methode der Online-Enzyklopädie Wikipedia verbreitet, dass dann, wenn viele Menschen gemeinsam etwas entscheiden, dies besser sei, als wenn dies wenige oder gar nur ein Einzelner macht. Die “Weisheit der Vielen”, man könnte auch vom Verhalten von Herden und Schwärmen sprechen, wurde propagiert, die sich gegen die überkommene Kultur stellte. Einst war schließlich der kollektive Wille gefürchtet, die Masse galt als enthemmt und irrational. Ein schwieriges Thema jedenfalls, schließlich hat der Ameisenstaat zwar eine funktionierende kollektive Intelligenz, aber ist er klüger als ein Primat?

Mehr Meinungen sollen Falsches oder Vorurteile ausmerzen und Irrtümliches korrigieren. Wer die Weisheit der Vielen vertritt, dürfte auch Anhänger von Volksentscheiden sein. Dabei dürfte aber auch klar sein, dass die Weisheit der Vielen oder die kollektive Intelligenz durchaus eingeschränkt sein kann. Auch Viele, zumal wenn sie aus einem Land, einer Kultur, einer Schicht etc. kommen, können Vorurteile pflegen. Abweichendes ignorieren oder einen Paradigmenwechsel (Thomas Kuhn) verhindern, weil sie glauben, dass das, was mehrheitlich geteilt wird, auch richtig ist, oder fürchten, eine abweichende Meinung zu äußern.

Ein klassisches Beispiel für die Weisheit der Masse hat Sir Francis Galton im Jahr 1907 gemacht, als er beobachtete, wie 787 Dorfbewohner das Gewicht eines Ochsen schätzten. Keiner fand das richtige Gewicht, aber im Durchschnitt kamen alle diesem ziemlich nahe. In einem Beitrag über kollektive Entscheidungen in den Proceedings of the Royal Society B. weisen die Evolutionsbiologen Albert B. Kao und Iain D. Couzin auf Condorcet hin, der 1785 argumentierte, dass Individuen, wenn sie statistisch unabhängig raten, eine Wahrscheinlichkeit von 0,5 haben, sich zwischen einer von zwei Optionen zu entscheiden. Je mehr Menschen sich entscheiden, desto eher würde eine korrekte Entscheidung möglich werden. Demgemäß müsste eine unendliche große Masse die genaueste Entscheidung treffen können.

Die beiden Wissenschaftler wollten dies anhand eines vereinfachten Modells für tierisches Verhalten untersuchen. Es basiert darauf, dass sich jedes Individuum auf der Grundlage von sensorischen Hinweisen auf Futterquellen aus seiner natürlichen “realistischen” Umgebung für eine von zwei Optionen entscheidet. Aus den individuellen Entscheidungen ergibt sich dann eine Mehrheitsmeinung. Unterstellt wird, dass die kollektive Entscheidung nahe der einfachen Mehrheit liegt, das hätten auch andere Untersuchungen ergeben. Versucht wird, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass sich eine Gruppe in einer gegebenen Umgebung mit einer bestimmten Abstimmungsstrategie, einer bestimmten Zahl von Hinweisen und einer bestimmten Gruppengröße richtig entscheidet.

In einem Szenario mit zwei Informationen, von denen eine allen bekannt ist (korrelierte Information) und die andere nur einigen Gruppenmitgliedern (nicht korrelierte Information), zeigt sich, dass die richtige Entscheidung bei einer kleinen Gruppengröße am höchsten ist und desto ungenauer wird, je mehr Individuen der Gruppe angehören. Große Gruppen wären danach keine Garantie, eine richtige Entscheidung zu treffen, die Weisheit der Vielen wäre demnach eher eine Weisheit der Kleingruppe oder der Horde. Am besten entscheiden sich Gruppen mit 5 bis 20 Mitgliedern, sie können die beiden Informationen am besten zusammenbringen, um eine richtige Entscheidung zu treffen.

Dabei soll das Rauschen eine Rolle spielen, das bei der Abwägung der korrelierten und nichtkorrelierten Informationen auftritt und je stärker wird, je mehr Individuen am Abstimmungsprozess beteiligt sind. Mit der steigenden Zahl der Individuen würde nämlich die nichtkorrelierte Information, die nicht allen zugänglich ist, zunehmend ausgeblendet, was dann von der Weisheit zur Dummheit der Massen führen würde.

In kleineren Gruppen, die zufälliger seien und daher stärker “rauschen”, hätten hingegen auch weniger verbreitete Informationen eine größere Chance. In diesem Fall soll Rauschen nämlich förderlich sein und die kollektive Entscheidung positiv beeinflussen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, wie etwa bei Fischschwärmen zu beobachten sei, die Zahl der Individuen, die eine Entscheidung treffen. Es kann eine kleine Gruppe sein, die das Verhalten der großen Gesamtgruppe prägt.