Von: Peter Mühlbauer

Publikation: 30-9-2017

 

98109d26248221c6
Grafik: TP

Der ehemalige Google-Roboterautoentwickler Anthony Lewandowski hat eine neue Religion gegründet

In der Vergangenheit machte der von Google zu Ubers Otto-Projekt gewechselte und inzwischen auch dort ausgeschiedene Roboterfahrzeugexperte Anthony Levandowski vor allem damit Schlagzeilen, dass er beschuldigt wurde, 14.000 geheime Dokumente seines alten Arbeitgebers zum neuen mitgenommen zu haben, weshalb Google Uber auf eine Milliardensumme verklagte (vgl. Kalifornien erlaubt Roboterauto-Testfahrten ohne menschlichen Aufpasser). Nun fand Wired heraus, dass der Multimillionär in den USA eine religiöse Organisation mit dem Namen “Way of the Future” angemeldet hat, deren Zweck es den Anmeldepapieren nach ist, “die Verwirklichung einer Gottheit zu entwickeln und zu fördern, die auf Künstlicher Intelligenz basiert” und “durch das Verstehen und Verehren der Gottheit zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen.”

Dass dieses Projekt von Levandowski stammt, überrascht dabei mehr als die Tatsache, dass es entstand. Menschliche Gottvorstellungen passten sich in der Vergangenheit regelmäßig technologischen und ökonomischen Entwicklungen an: Die der Jäger und Sammler unterschieden sich von denen der Ackerbauern und Viehzüchter ebenso wie vom Uhrmachergott-Deismus des 18. Jahrhunderts. Und über eine Künstlichen Intelligenz (KI) als werdender Gott wird schon seit Jahrzehnten spekuliert (vgl. Christentum 2.0).

Neben eher bescheiden-bodenständigen Vorstellungen zur Optimierung des menschlichen Lebens, wie sie aktuell in China Konjunktur haben, gibt es auch ambitioniertere, die eine Erfüllung von immer mehr Materie mit Bewusstsein zum Inhalt haben. Der englische Science-Fiction-Autor Charles Platt prägte den Ausdruck “Infomorphe” für verteilte Wesen, die keine dauerhaften Körper aber trotzdem Informationen verarbeiten.

Am Ende vieler solcher Vorstellungen steht die “Theogenese”, der “werdende Gott”, ein – wie Alexander Chislenko es 1996 in Telepolis formulierte – “superintelligentes Wesen […], das das gesamte Universum bis auf die Quantenebene hinunter und mit vielen emergenten Eigenschaften durchdringt” (vgl. Vernetzung im Zeitalter des Geistes). Ein Bild, das dem russischen Transhumanisten zufolge “eine verblüffende Ähnlichkeit mit der gewöhnlichen Vorstellung eines allgegenwärtigen, allwissenden und allmächtigen Wesens” hat.

In Dan Simmons Hyperion-Romanzyklus wird der werdende Gott so mächtig, dass er schließlich auch die Zeit und damit die menschliche Vergangenheit beherrscht und in Ken MacLeods Fall-Revolution-Serie entwickelt sich ein neuer Superorganismus nach der “Entrückung der Nerds” – einem massenhaften Upload von Individualbewusstsein in haltbareres Material im Weltraum. An solchen Metaphern sieht man, dass diese Vorstellungen nicht nur Schnittstellen zur Religion aufweisen, sondern – neudeutsch gesagt – durchaus als “upgedatete” Version des Christentums angesehen werden können.

Die wichtigste personelle Schnittstelle zwischen Christentum und globalem Gehirn ist der 1955 verstorbene Pierre Teilhard de Chardin, dessen Werke aufgrund eines kirchlichen Veröffentlichungsverbots erst nach seinem Tod erscheinen konnten. Der Jesuit und Paläontologe, dem Hollywood im Film In den Schuhen des Fischers ein Denkmal setzte, sah die Evolution mit der Entstehung der Menschheit nicht an einem Endpunkt angekommen, sondern dachte sie weiter: Aus der Kultur als kollektivem Gedächtnis, durch das angesammelte Erfahrung zum Erbgut der Menschheit wird, und der Emergenz eines Nervennetzes, das die ganze Erde umspannt, entwickelt sich seiner Ansicht nach ein “gemeinsames Sehen”, das “jenseits der stetigen und statischen Welt der allgemein verbreiteten Vorstellungen in ein phantastisches und dennoch zu meisterndes Universum atomisierter Energie eindringt”. Möglich wird dies seiner Ansicht nach, weil ein Wachsen neuronaler Vernetzung eine Steigerung der Komplexität bedeutet, die wiederum zu einem Mehr an Bewusstsein führt.

Der Jesuit dachte sich eine Noosphäre als “Befreiung” des Bewusstseins. Entropie sah er lediglich als “statistischen Effekt” und “kein Gesetz wie die anderen”. Die Evolution ändert diesen Effekt – durch sie erfolgt die Verteilung von Energie und Materie nicht zum wahrscheinlichen, sondern zum unwahrscheinlichen Zustand. Das Leben ist eine Umkehrung der Entropie. Teilhard de Chardins Formel kann als Überwindung der Entropie verstanden werden. Eine neue denkende Einheit löst ihm zufolge eine aus zahlreichen Individuen bestehende Menschheit ab.

Durch das Wachsen der Noosphäre, so Teilhard, würde schließlich der ganze Planet mit Denken und Bewusstsein überzogen. In diesem Zusammenhang spricht er von der “Evolution, die sich ihrer selbst bewusst wird”. Belebte Materie erlangt die Fähigkeit zum Denken und “konvergiert” – das führt zum Endpunkt des Universums. Zur Unterstützung seiner Vorstellung einer Konvergenz der Welt mit Christus im Zentrum beruft sich der Jesuit auf die Christogenese bei Paulus und Johannes: Gott wird für ihn über die Durchdringung der Materie mit Bewusstsein “Fleisch”.

Ebenfalls quasi-religiös, aber aus einer ganz anderen Perspektive, stellt sich der PayPal- Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk die Entwicklung künstlicher Intelligenz vor. Er sieht sie als “Herbeirufen eines Dämons”, den er für gefährlicher als Kernwaffen hält. (Peter Mühlbauer)