Von: Ulrich Heyden

Publikation 4-10-2017

Panzer schießen am 4. Oktober 1993 auf das Weiße Haus in Moskau. Bild: fair use

Präsident Boris Jelzin ließ Panzer vor dem gewählten Parlament auffahren und schießen. Der Westen bezeichnete es als notgedrungene Maßnahme

Die ganze Welt schaute am 3. und 4. Oktober auf Moskau. In diesen Tagen endete die Auseinandersetzung zwischen den beiden Flügeln der russischen Elite, dem westlich orientierten Flügel, der die sowjetischen Wirtschaftsstrukturen mit eiserner Hand zerschlagen wollte, und dem Flügel, der nicht gegen die Marktwirtschaft, aber gegen eine Schocktherapie war. Boris Jelzin ging aus dieser Auseinandersetzung als Sieger hervor.

Fast alle deutschen Korrespondenten schrieben, dass Jelzin der Präsident ist und Aleksandr Ruzkoj, der Vize-Präsident, nur ein Aufständischer. Ich habe damals keinem von beiden vertraut. Ich war nicht gegen die Demokratisierung in Russland. Aber mich schockierte damals, wie stark diese Wende die Menschen in die Armut geworfen hatte. Und auf ein gewähltes Parlament zu schießen, war das ein Zeichen einer neuen Epoche, ein Zeichen von Demokratie? Das waren die Gründe, warum ich Zweifel hatte.

An einem Abend besuchte ich den Platz vor dem russischen Weißen Haus, wo das Parlament damals seinen Sitz hatte. Die gesamte Front des Gebäudes war mit Barrikaden versperrt. Die Menschen, die sich da im kalten Oktober versammelt hatten, standen um Lagerfeuer und sangen Lieder von einem großen Land und dem Sieg. Ich sah Männer mit düsteren Gesichtern und Fellmützen und Frauen, die Zeitungen mit den Emblemen eines aufgelösten Landes verkauften. Durch den Rauch der Lagerfeuer sah ich die gelb-weiß-schwarzen Fahnen der Monarchisten und rote Fahnen.

In den Oktober-Tagen gab es viele Demonstrationen der Jelzin-Gegner. Nach den Märschen hallten sowjetische Lieder durch die großen Säle der U-Bahn. “Steh auf du großes Land!” Es waren ältere Frauen, die da sangen. Sie fühlten, dass etwas nicht stimmt. Dass man sie betrügt und über den Tisch zieht.

Ich war damals hin- und hergerissen. Ich verstand diese Frauen, die fühlten, dass die Ordnung, die ihnen einen minimalen sozialen Schutz gab, zerbricht. Ihre Lieder waren wie ein Schrei der Seele. Genossen, werft nicht alles fort, haltet ein! Das – so schien mir – war ihre Botschaft.

Doch der patriotische, anti-westliche Impuls spülte damals auch einiges zweifelhaftes an die Oberfläche. Auf den Demonstrationen der Linken sah ich damals nicht selten Plakate gegen die “Schidi” (Juden), die angeblich an der ganzen Armut und dem Zerfall des Landes die Schuld haben. Ist das möglich, fragte ich mich. Kann es sein, dass Russland in eine antisemitische Richtung abgleitet? Wo sind sie, die normalen Linken?

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Foto des Weißen Hauses nach dem Beschuss. Bild: Ulrich Heyden, 1993

Als am 4. Oktober um 9:30 Panzer auf Befehl von Präsident Boris Jelzin auf das Weiße Haus schossen, schrieb die deutsche Presse, das sei eine notgedrungene Maßnahme. Jemand hatte vor dem Weißen Haus hundert Anhänger eines damals bekannten Faschisten, Aleksandr Barkaschow, gesehen. Angeblich griffen sie nach der Macht in Russland.

Wurde das Parlament wegen dieser 100 Faschisten beschossen? Wohl kaum. Der westlich orientierte Flügel der russischen Elite hatte es sehr eilig mit dem Umbau des Landes. Berater der USA hatten in den Hotels von Moskau Quartier bezogen. Es ging darum, eine ganze Volkswirtschaft nach westlichen Bedürfnissen umzumodeln.

Die Panzer schossen auf die oberen Etagen des Weißen Hauses. Dort begann ein Brand. Über dem Gebäude kreisten Kampfhubschrauber. Am Abend wurden die Führer des widerständigen Parlaments, Vizepräsident Aleksandr Ruzkoj und Parlamentssprecher Ruslan Chasbulatow verhaftet. Sie kamen zusammen mit anderen Aufständischen ins Gefängnis, wurden aber später im Rahmen einer Amnestie freigelassen.

Je weiter weg von den Ereignissen, vor allem in anderen Ländern, desto dramatischer waren die Schilderungen, was da in Moskau passierte. Aber niemand schrieb, dass dieser Kampf zwischen Jelzin und dem widerständigen Parlament sich nur im Zentrum von Moskau abspielte. Im gesamten übrigen Russland war die Lage ruhig. Die Menschen saßen vor den Fernsehern und warteten. Die Leute hatten damals keine Lust auf Demonstrationen. Sie verstanden den Konflikt nicht. Warum schlagen sie sich in Moskau?, fragten sich die Menschen. Wir brauchen Arbeit und Einkommen. Wir wollen einfach leben.

In den beiden tragischen Tagen des Oktober 1993 starben nach offiziellen Angaben 160 Menschen, nach Angaben der KPRF war es weit mehr, nämlich 1.600.

In Moskau gibt es in diesen Tagen zwei kleinere Gedenkkundgebungen auf öffentlichen Plätzen. Russland denkt nur ungerne an den Oktober 1993 zurück. Das liegt wohl daran, dass es sehr viele schmerzliche Fragen und keine eindeutige Lehre aus den Ereignissen gibt. (Ulrich Heyden)