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Von: Bernd Stegemann

 

Wer das Sagbare bestimmt, beherrscht auch das Denkbare. Die Political Correctness ist die neue Waffe im Kampf um die begehrtesten Plätze, von denen aus man das Sprechen der anderen überwachen darf.

Die Geschichte der Political Correctness fängt in den Seminarräumen europäischer und nordamerikanischer Hochschulen an. In den 1960er Jahren wurde als Folge der performativen Wende dort ein Gedanke verstanden, den das Theater schon seit über zweitausend Jahren vorführt: Worte können verletzen, mit Sprache kann gehandelt werden und Kommunikation ist immer auch ein Kampf.

Die verspätete Einsicht führte bei den Dozenten und ihren Studenten als Erstes dazu, dass aus ihnen DozentInnen und StudentInnen wurden. Niemand sollte sich mehr durch die männliche Sprachform ein- oder ausgeschlossen fühlen.

Indem man diesen Gedanken für alle sozialen Gruppen und Milieus durchdeklinierte, bemerkte man, dass derjenige oder diejenige, der oder die über die Worte und ihre Verwendung entscheidet, ein wichtiges Mittel der Macht hat. Von nun an wurde der Kampf, der in zivilisierten Kulturen nicht mehr mit körperlicher Gewalt, sondern mit den Mitteln der Sprache geführt wird, auf einen Kampf um die Waffen der Sprache ausgeweitet. Die überraschende Einsicht für die Entdecker von Aggressionen, die in Worten stecken, war, dass auch ihr Kampf um die korrekte Sprache eine Menge Gewalt benötigt, um die falschen Worte aus den Köpfen zu verbannen.

Schandsäulen am Fließband

So öffnete sich ein Widerspruch, der bis heute das Feld der Political Correctness auseinanderreißt. Auf der einen Seite nimmt die Zahl derjenigen zu, die mit immer feineren Ohren den Diskriminierungen nachhorchen. Und auf der anderen Seite schwellen Shitstorm und Hatespeech zu einem Orkan an, wenn jemand bei einer politischen Unkorrektheit ertappt wird. Dünnhäutige produzieren öffentliche Schandsäulen am Fließband.

Legendär ist der Fall einer Frau, die vor ihrer Abreise nach Afrika einen Tweet losschickte, der während ihres Fluges zu einer weltweiten Empörung führte, so dass sie bei der Landung nicht nur die am meisten gehasste Frau der Welt war, sondern auch ihren Job und alle Freunde verloren hatte. Der Tweet lautete:

„Ich fliege nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein Aids. Nur Spaß. Ich bin weiß.“

Es lohnt sich also, über die Widersprüche der Political Correctness nachzudenken. Der Abgrund zwischen der Hypersensibilität auf der einen Seite und der brutalen Bestrafung auf der anderen führt zu immer groteskeren Aktionen. Deren Häufigkeit und Vehemenz ist nicht zufällig, sondern die Ursache für das Anschwellen der Empörung liegt im Sprachverständnis der PC-Anhänger.

Geht man von der richtigen Beobachtung aus, dass Sprechen ein Handeln ist, das auch verletzen kann, so ist es folgerichtig, dass bestimmte Worte, die als Waffe taugen, umsichtig gebraucht werden müssen. Alle Kulturen haben Tabus errichtet, mit denen sie das Sprechen regulieren. Der Respekt gebietet einen höflichen Umgang miteinander und jede Erziehung besteht in der Vermittlung von Werten, die in der Sprache aufgehoben sind.

Die Macht des Opfers

Was passiert aber, wenn eine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft die Macht bekommt, die Regeln für das Sagbare bestimmen zu dürfen? Totalitäre Regime haben schon immer gewusst, dass derjenige, der das Sagbare bestimmt, auch das Denkbare beherrscht. Die Regulierungen der Political Correctness bringen einen postmodernen Spin in die Herrschaft durch Sprache. PC begründet die Macht, Sprache regulieren zu dürfen, nicht mehr mit einer Machtposition, sondern mit der Opferposition. Dadurch entsteht eine neue Art der Legitimation: Zum einen wirkt PC dadurch wie ein Befreiungskampf von unterdrückten Minderheiten, zum anderen beruft man sich darauf, dass jedes Opfer das moralische Recht einklagen darf, sich über seinen Status zu beschweren.

Die politische Frage, die mit dieser Begründung verdrängt wird, besteht jedoch darin, welche Instanz darüber entscheidet, wer als Opfer Forderungen stellen darf und wer nicht. Die Folge dieses blinden Flecks führt zum ersten dialektischen Umschlag der Political Correctness. Je mehr die Macht der Sprachregulierungen anwächst, desto wertvoller wird die Position des Opfers. Nur wer diese innehat, kann sich selbst von den Regulierungen der PC befreien und anderen vorschreiben, wie sie zu sprechen haben.

Der blinde Fleck dieses Legitimationsdiskurses funktioniert so gut, weil er sich auf den moralischen Konsens stützt, demzufolge nur das Opfer entscheiden kann, wodurch es sich beleidigt fühlt. Indem das Gefühl des Opfers die Letztbegründung ist, verfügt es nun über die Macht, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Das Opfer wird durch PC zum Kläger und Richter in einer Person.

Jeder, der sich durch etwas in seiner Umwelt unangenehm betroffen fühlt, kann mit Hilfe der PC sein Gefühl zur Waffe gegen die Verursacher seines Unwohlseins machen. Die Parallele zu allen Formen der Denunziation ist leicht zu erkennen. Dass jemand eine Hexe, ein Verräter oder ein Feind ist, lässt sich am unwiderlegbarsten mit dem Gefühl begründen, dass einem irgendwie unwohl in dessen Nähe ist. Die Geschichte der Grausamkeiten zeigt, dass immer, wenn das Gefühl der Betroffenheit zur Legitimation einer gesellschaftlichen Ächtung taugte, es zum Freibrief für Willkür wurde: Ich fühle mich verletzt, also muss derjenige, der mich verletzt hat, dafür bestraft werden.

Je zuverlässiger dieser Mechanismus funktioniert, desto begehrter sind die Freibriefe des Opferstatus, und wie um jedes knappe Gut, das gesellschaftliche Vorteile verschafft, entbrennt hierum ein Kampf. Die Pointe an dem Kampf um den Opferstatus unserer Zeit liegt darin, dass er wiederum mit den Mitteln der Political Correctness geführt wird. Der Diskurs, der einst dazu führen sollte, die Waffen der Sprache menschlicher zu machen, ist die neue Waffe im Kampf um die begehrtesten Plätze, von denen aus man das Sprechen der anderen überwachen darf.

Gründungsparadox des identitätspolitischen Diskurses

Dieser dialektische Umschlag ist kein Zufall, sondern die notwendige Folge eines Widerspruchs, der die Political Correctness seit ihrer Erfindung begleitet. Der Widerspruch besteht darin, dass auf der einen Seite behauptet wird, jede Identität sei die Folge von kulturellen Verabredungen, weswegen die Gewalt der Sprache vor allem darin liegt, Identitäten festzulegen. Wer also die Festlegungen auflösen will, muss das Sprechen verändern, um die Menschen aus der Gefangenschaft der Zuschreibungen zu befreien.

Gleichzeitig wird vom selben Diskurs aber auch das Gegenteil behauptet, wenn durch ihn Identitäten festgeschrieben werden, die jenseits von sprachlicher Macht existieren sollen. In diesen Fällen ist also nicht mehr die Sprache das Problem, sondern der Mensch mit seiner Identität. Diese festgeschriebenen Identitäten werden vom PC-Diskurs dann auf beiden Seiten der Front verortet. Opfer wie Täter verfügen über einen unhintergehbaren Kern: Rassisten sind böse Menschen, sie wurden nicht dazu gemacht. Und Opfer sind auch dann noch im Recht, wenn sie schon lange ihre Opferrolle dekonstruiert haben. Man wird zwar von der Gesellschaft zur Frau gemacht, doch darf aus der Position der Frau nur diejenige sprechen, die auch biologisch eine Frau ist. Andererseits hilft, wenn man z. B. als Rassist erkannt ist, kein Sprechen mehr, um sich davon zu befreien.

Das Gründungsparadox des identitätspolitischen Diskurses führt in der Gegenwart zu immer absurderen Folgen. Zugleich entfernt es sich dadurch immer weiter von den Fortschritten, den die Gesellschaften durch die dialektische Bestimmung des Menschen erreicht hatten. Nach diesen wurde man in bestimmte Verhältnisse geboren, doch sollte man davon so wenig wie möglich in seiner Entwicklung behindert werden. Gegen die einfache Wahrheit, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und darum alle zusammen gegen die Zwänge des Seins kämpfen müssen, stellt die Identitätspolitik nun das Paradox der Vereinzelung.

Wenn Populisten einen Konflikt zwischen Eliten und Volk behaupten, nutzen inzwischen auch die so angesprochenen Eliten die paradoxe Argumentation der PC für ihre Verteidigung. Wenn die liberalen Eliten fordern, dass z. B. Rassisten keinen Raum bekommen dürfen, ziehen sie damit eine Grenze, über die nicht verhandelt werden darf. Ihr Motto lautet dann: Rassismus ist keine Meinung! Jede Bereitschaft, die anderen zu verstehen und ihnen damit das gleiche Recht auf eine Meinung zuzugestehen, wäre nach dieser Logik eine Kapitulation vor dem Bösen und stünde mit mindestens einem Bein selbst schon im Rassismus.

Ganz im Gegensatz dazu steht jedoch ihre Begründung, warum sie selbst auf keinen Fall als liberale Eliten bezeichnet werden dürfen. Denn dadurch würden sie in unstatthafter Weise zu einer Gruppe zusammengefasst, wo sie doch Individuen sind. Als solche stehen sie zwar gemeinsam gegen die Rassisten, doch wollen sie auf keinen Fall als Gruppe von den Populisten identifiziert werden.

Keine Elite, kein Volk, keine Klasse

Das Paradox der Political Correctness wird so zum strategischen Vorteil des liberalen Milieus, da es für sich in Anspruch nimmt, dass alle Individuen sind, die nur zufällige Gemeinsamkeiten mit anderen haben. Ihr Credo ist: Wir sind die Gemeinschaft, die keine Gemeinschaft ist. Nach dieser Logik gibt es also keine Elite, so wie es kein Volk oder keine Klasse geben darf. Den anderen jedoch, die z. B. als Gruppe von Rassisten festgelegt sind, wird eine klare Identität zugeschrieben, die keine Entschuldigung kennt.

Die liberalen Individuen, denen ihre Einzigartigkeit besonders am Herzen liegt, sprechen sie zugleich dem Anderen ab. Rassist ist man von Natur aus.

Der Wettbewerbsvorteil eines solchen doppelten Standards liegt für diejenigen auf der Hand, die ihn anzuwenden verstehen. Der gebildete Mensch kann die eigene Identität oder Gruppenzugehörigkeit, wenn sie von außen als solche bezeichnet wird, sofort dekonstruieren. Er verbittet sich dann augenblicklich eine solche Festlegung, indem er die Bezeichnung z. B. als Elite als populistische Gewalt anprangert.

Der PC-geschulte Zeitgenosse verfügt damit über eine gut funktionierende Paradoxie, mit der er seine eigene Identität immer so darstellen kann, wie es seinen Interessen dient. Zugleich kann er die Identität der anderen so festlegen, wie es ihnen am meisten schadet. Man selbst bleibt Herr seiner Individualität, während die anderen zu Gruppenidentitäten vereinigt werden können.

Wer diese Technik am virtuosesten beherrscht, hat die Definitionsmacht und ist zugleich selbst unangreifbar, da er jede Festlegung als Aggression empfindet, womit man wieder am Anfang der PC-Begründung wäre. Man selbst ist immer die Ausnahme, aus der man keine Regel ableiten darf. Die anderen hingegen sind nur ein Beispiel für eine Regel, die bekämpft werden muss.

Die moralische Kraft der offenen Gesellschaft schwindet

Die Folgen dieser Sprachherrschaft sind für die öffentliche Kommunikation fatal. Die paradoxe Konstruktion der Political Correctness hat sie zu einer wirkungsvollen, aber schwer zu bedienenden Waffe gemacht. Man muss schon einige Semester in den entsprechenden Seminaren zugebracht haben, um dieses Sprachspiel zu beherrschen und für seine eigene Lebenssituation die richtige Opferrolle gefunden zu haben.

Die intellektuellen Eliten haben die Sprachüberwachung und ihre Codes so hegemonial ausgebaut, dass man sie als die höfische Sprache unserer Zeit bezeichnen kann. Es braucht lange, um sie zu erlernen und man benötigt ein sehr entwickeltes moralisches Sensorium, um die feinsten Diskriminierungen erspüren zu können. Daraus hat sie ein fein differenziertes Vokabular entwickelt und sie dient immer demjenigen, der das Paradox am besten beherrscht. Dagegen wirkt der Aufstand mit den rhetorischen Mistgabeln der Populisten so ungeschlacht wie seinerzeit die Sprache der Bauern und ihrer Wortführer gegenüber dem Latein der Kirchenfürsten.

Doch es ist nicht schwer vorauszusagen, dass auch der heutige Feudalismus an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen wird. Im Moment ist die offene Gesellschaft in eine historische Phase geraten, wo ihre größten Siege ihre größten Niederlagen sind. Die Methode, mit der alle Feinde der offenen Gesellschaft gebannt wurden, funktioniert nicht mehr. Es gibt keine eindeutigen Diskursgrenzen mehr, mit denen die Rechten von den guten Menschen gesondert werden können, und die Stigmatisierung von allem, was auf der rechten Seite der Grenze lebt, erzeugt immer mehr Wut.

Die moralische Kraft der offenen Gesellschaft reicht nicht mehr aus, um alle diejenigen auszugrenzen, die an ihr Kritik üben. Die Verbindung von Stigmatisierung und Schweigespirale löst sich auf und verdreht sich ins Gegenteil. Je überheblicher die Moral auftritt, desto mehr Menschen werden dadurch in die Arme der Populisten getrieben.

Wenn die Eliten noch etwas tun wollen, um den Liberalismus und nicht nur ihre eigenen Privilegien zu retten, dann sollten sie anfangen, ihre Herrschaftssprache von den Paradoxien der Political Correctness zu befreien. Die anderen sind nicht dumm, nur weil sie nicht im PC-Duktus reden. Und nur weil man es geschafft hat, die Privilegien der Elite zu genießen, ohne dafür zur Verantwortung gezogen werden zu können, ist man kein guter Mensch. Sprechen bedeutet nicht nur, die Kontrolle über die Sprache des anderen haben zu wollen.

Wie wäre es, wenn die entwickelte Intelligenz ihr geschärftes Sprachgefühl nicht nur zur Verteidigung der eigenen Privilegien nutzt, sondern sich um diejenigen kümmert, deren Stimme nicht so leicht gehört wird, weil sie vielleicht Worte gebrauchen, die den höfischen Ohren wehtun? Warum wendet sich die Aggression der Political Correctness nicht gegen einen sehr viel mächtigeren Feind, als es ein Mensch ist, der weniger Glück mit seiner Herkunft hatte und weniger Geld für seine Bildung ausgeben konnte? Warum traut sich die ganze Armee der PC-Könner nicht an die Sprachspiele des Kapitals?

Denn ist die Diskriminierung durch Armut nicht eine ebenso brutale Ausgrenzung wie die durch Race und Gender? Die global produzierte Ungleichheit wäre doch ein lohnendes Ziel für das Gerechtigkeitsempfinden der entwickelten Intelligenz. Und der Klassenrassismus, der sich in unzähligen Formulierungen findet, wäre es wert, einmal dekonstruiert zu werden.

Folgen der postmodernen Dekonstruktion

Einige ungewollte Folgen haben sich für die liberalen Gesellschaften aus dem Paradox der Political Correctness ergeben. Erstens führt die Übersensibilität bei allen Themen, die die Identitätspolitik betreffen, dazu, dass jede dümmliche Provokation zu einem übergroßen medialen Echo führt. Der gute Wille, die böse Sprache zurechtzuweisen, um ihr damit keinen Raum zu geben, bewirkt das genaue Gegenteil, da die rechten Populisten diesen Pawlowschen Reflex schon lange erkannt haben. So nehmen die Empörungskurven noch immer den gleichen Verlauf, Provokation und Gegenreaktion schaukeln sich in vorher berechenbarer Weise hoch. Der Nutzen liegt jedoch vor allem bei den rechten Provokateuren. Der Wahlsieg Donald Trumps ist der erschlagende Beweis für die ungewollte Wahlkampfhilfe der liberalen Medien.

Die zweite, nur oberflächlich dazu im Gegensatz stehende Folge besteht darin, dass sich viele von den Sprachregelungen der Political Correctness eingeschüchtert fühlen, so dass sie in der Öffentlichkeit verstummen. Immer mehr Formulierungen und Worte werden aus dem öffentlichen Sprechen verbannt, so dass es immer schwieriger wird, die eigenen Erfahrungen mitteilen zu können. Der innere Zensor lässt immer mehr Menschen schweigen, da sie beobachtet haben, dass sie sonst der öffentlichen Ächtung anheimfallen.

Über beiden Tendenzen breitet sich die postmoderne Behauptung aus, nach der sowieso keine Realität existiert, sondern nur Interpretationen davon. Das Feld wird damit den Provokateuren und den Sprachpolizisten überlassen, die ihre ritualisierten Kämpfe austragen. Je enger sich der Raum der Meinungsfreiheit anfühlt, desto eindimensionaler wird die öffentliche Meinung. Und genau diese Verarmung bereitet das Feld vor, auf dem der Populismus sich mit schlichten Thesen als besonders mutige Stimme etablieren kann.

Und drittens schließlich ist die aktuelle Beschwerde über das postfaktische Zeitalter ebenfalls eine Folge der postmodernen Dekonstruktion. Nachdem jahrzehntelang jede Darstellung von sozialer Ungleichheit dadurch ausgehebelt wurde, dass man Statistiken und Tatsachen zu Interpretationsfragen erklärt hat, muss man sich heute nicht wundern, wenn genau diese Leugnung des Offensichtlichen auch von rechten Parteien kopiert wird. Das postfaktische Sprechen ist keine Erfindung der Populisten, sondern des Neoliberalismus.

Die liberale Form des öffentlichen Sprechens hat sich durch seine Kollaboration mit dem moralischen Arm der Postmoderne so weit in die Sackgasse gebracht, dass nur noch eine radikale Befreiung helfen kann. Das Projekt der PC ist schon lange an einem Punkt angekommen, wo es objektiv das Gegenteil von dem bewirkt, wofür es mal angetreten war. Was Diskriminierung bekämpfen wollte, produziert Ausschluss aus dem öffentlichen Sprechen, und was die Waffen der Sprache zivilisieren wollte, hat zu einer gewalttätigen Sprachpolizei geführt, vor der sich immer mehr Menschen fürchten, und was die Gesellschaft gleicher machen wollte, hat zu einem Diskurs geführt, der die Eliten vor jeder Kritik schützt.

Dieser Beitrag ist ein leicht überarbeiteter Auszug aus dem Buch „Das Gespenst des Populismus. Ein Essay zur politischen Dramaturgie“.

Bernd Stegemann studierte Philosophie und Germanistik sowie Schauspieltheater-Regie. Er war Chefdramaturg am Frankfurter TAT, dann Dramaturg am Deutschen Theater Berlin. 2005 wurde er zum Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch berufen. Seit 2008 ist er Dramaturg (2009 bis 2011 Chefdramaturg) an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin.