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Von: Markus Pfeifer

 

David Humes Quantitätstheorie ist keineswegs so selbstevident, wie ihre Verteidiger oft meinen. Experimente mit dem Freihandel unter dem Goldstandard waren keine große Friedensära, sondern die Fortsetzung des Merkantilismus mit anderen Mitteln.

In der Ära der Kolonisierung war die vorherrschende Praxis der größten Staaten, Exporte billig und Importe teuer zu machen. Diese Praxis, die sich meist ad-hoc ergab und kaum theoretisch begründet wurde, nennt man heute Merkantilismus. Für die europäischen Mächte indes war diese Praxis von Vorteil: auf verschiedenen Wegen verdiente man an den Exporten mit und konnte sich so größere Heere und größere Prachtbauten leisten als der Nachbar.

Die Kehrseite war, dass teure Importe sowie die staatlich gesetzten Anreize, Waren lieber zu exportieren als sie im eigenen Land zu verkaufen, den Lebensstandard der Massen limitierte. Trösten konnte man sich nur mit dem Elend, das in den Ländern herrschte, die man (teils mit Gewalt) zur umgekehrten Politik zwang.

Die Theorie des Freihandels wurde ursprünglich als Kritik an dieser Praxis entworfen. Schon früh gab es aber auch Kritik am Freihandel selber: die bisher merkantilistisch agierenden Staaten fürchteten, selbst in die Position des ewigen Nettoimporteurs zu geraten. Die Proponenten des Freihandels mussten also einen plausiblen Mechanismus anbieten, der dieses Risiko ausschließt.

Diesen Mechanismus lieferte – in der Theorie – David Hume 1752:

„Gesetzt den Fall, dass über Nacht vier Fünftel des gesamten Geldes in Großbritannien vernichtet würden, (…) was könnten die Auswirkungen sein? Der Preis aller Arbeit und Waren müsste entsprechend sinken und so preisgünstig wie zu damaligen Zeiten verkauft werden.

Es stellt sich die Frage, ob dann eine Nation mit uns auf ausländischen Märkten in Konkurrenz treten oder zu vergleichbaren Preisen Schifffahrt betreiben oder Waren verkaufen könnte, damit ausreichend Profit erzielt werden kann. In welchem Zeitraum könnte dann das Geld, welches verloren gegangen war, wieder zurückgebracht werden, um uns auf die Stufe aller benachbarten Nationen zu heben? Wenn wir diese aber erreicht hätten, würde aller Vorteil durch billige Arbeit und Waren verloren gehen und der weitere Geldfluss durch Fülle und Sättigung gebremst.

Würde man weiterhin vermuten, dass sich das gesamte Geld Großbritanniens über Nacht um das Fünffache vermehren würde, könnte dann der entgegengesetzte Effekt eintreten. Alle Arbeit und Waren würden in unendliche Höhen steigen und keine benachbarte Region wäre im Stande, unsere Waren zu kaufen. Wiederum würden ihre Waren so billig, dass sie uns damit überschwemmen und unser Geld entziehen würden. Die Folge wäre, dass wir auf eine Stufe mit den Ausländern sinken würden und die große Überlegenheit im Reichtum verlieren würden, welche uns solche Nachteile eingehandelt hätte.“ [1]

Der beschriebene Wirkmechanismus basiert auf dem Goldstandard: Die Geldmenge in einem Land sollte mehr oder weniger an der Goldmenge im selbigen hängen – sei es dadurch, dass man direkt mit Gold zahlt oder dadurch, dass die Währung mit Gold gedeckt wird, also eine zentrale Instanz (heutzutage Zentralbanken) sich verpflichtet, eine bestimmte Menge Geld in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen.

Damit funktionierte der Goldstandard gleich einem dauerhaft fixierten Wechselkurs wie im Eurosystem, weswegen die Frage nach der Funktionsweise des Mechanismus heute wieder an Relevanz gewinnt.

Hume behauptete: Fließt Gold aus Großbritannien ab, so sinken die Preise britischer Waren; dadurch ist die britische Wirtschaft so wettbewerbsfähig, dass wiederum Gold nach Großbritannien fließt. Automatisch würden die Preise erneut ansteigen. Langfristig ergibt sich ein Gleichgewicht.

Hume argumentierte also mit einer Theorie, die wir heute unter den Sammelbegriff „Quantitätstheorie“ einordnen würden. Schon Günther Grunert und Heiner Flassbeck haben diese Theorie wiederholt kritisiert (hier und hier). Worauf beruht nun diese Theorie?

Heutzutage nutzt man als Ausgangspunkt die sogenannte Quantitätsgleichung. Betrachtet man, wie oft in einem Jahr eine Geldeinheit durchschnittlich zum Kauf von Waren und Dienstleistungen benutzt wurde und multipliziert das mit der Anzahl an Geldeinheiten (was auch immer „Geld“ sein mag), die in diesem Jahr in der betrachteten Volkswirtschaft existierten, dann weiß man, in welchem Wert Waren und Dienstleistungen verkauft wurden. Auf das gleiche Ergebnis kommt man, wenn man den Durchschnittspreis aller verkauften Waren betrachtet und diesen mit der Anzahl an Transaktionen multipliziert. Es ergibt sich:

Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Preisniveau x Transaktionszahl

Diese Gleichung ist nach Definition der Größen korrekt. Zur Quantitätstheorie kommt man nun, indem man die Umlaufgeschwindigkeit und die Transaktionszahl als konstant annimmt. Dann hängen Preisniveau und Geldmenge direkt miteinander zusammen.

Wie aber begründet man eine solche Annahme? Die Annahme, dass die Transaktionszahl konstant ist, bedeutet, dass die Anzahl an Waren, die wir kaufen, ebenfalls konstant ist – nicht nur pro Kopf, sondern absolut. Schon Schwankungen in der Bevölkerungszahl können die Transaktionszahl damit verzerren. Nicht ahnen konnte Hume die immense Anzahl und Vielfalt an Waren, die durch die Industrialisierung entstanden.

Noch fragwürdiger aber ist die Annahme, dass die Umlaufgeschwindigkeit konstant ist. In ihr verbergen sich zahlreiche soziale Verhältnisse wie die Höhe der Steuern oder die Höhe der Löhne. Packen besonders reiche Menschen ihr Geld lieber in einen Bunker oder schieben es beim Glücksspiel an der Börse untereinander hin und her als Waren und Dienstleistungen zu kaufen (oder Lohnarbeit anständig zu bezahlen, damit die Arbeitnehmer Waren kaufen können), dann sinkt die Umlaufgeschwindigkeit.

Anders ausgedrückt: Beim Preisniveau kommt es nicht auf die Geldmenge an sich an, sondern auf die Menge an Geld, die auch tatsächlich zum Einkaufen verwendet wurde. Diese wird durch eine Vielzahl an Faktoren beeinflusst. In einer Wirtschaft, deren Währung nicht an Gold gebunden ist, sondern von bestimmten Instanzen (zum Beispiel Banken) flexibel geschaffen wird (was heutzutage in weiten Teilen der Welt der Fall ist), kann es sogar passieren, dass das Preisniveau, das sich auf den Märkten herausbildet, die Geldmenge bestimmt.

Kurzum: die Quantitätstheorie ist keineswegs so selbstevident, wie ihre Verteidiger oft meinen. Dies erklärt, warum das 19. Jahrhundert, in dem größere Experimente mit dem Freihandel unter dem Goldstandard unternommen wurden, keine große Friedensära war, sondern immer wieder soziale Härten, Aufstände, Revolutionen, Nationalismus und schließlich sogar Kriege hervorbrachte.

Tatsächlich geschah, wie auf Makroskop bereits dargestellt, unter dem Goldstandard folgendes: Die Länder, in denen das Preisniveau zu hoch war, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, gerieten tatsächlich in eine Krise und die Preise gerieten unter Druck. Während Hume jedoch offenbar annahm, eine solche Krise gehe zügig und ohne großen gesellschaftlichen Schaden vorbei, waren die Krisen oft lang und schmerzhaft.

Mehr noch: In den Ländern, in denen die Preise niedrig waren, gab es kaum Druck, die Preise zu erhöhen. Warum auch, wenn man vorher immer wieder die Erfahrung machen musste, dass genau das zur Krise führt (eine Frage, die man auch Österreichs Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny stellen sollte)?

Die niedrigen Preise stabilisierten so zwar die eigene Wettbewerbsposition, erhöhten aber den Druck auf die Krisenländer. Auf diese Weise verwehrten sich die wettbewerbsfähigen Länder nicht nur selbst die Chance, mehr zu konsumieren, sondern sorgten mit ihrem Verhalten für just die internationalen Spannungen, wegen denen die frühen Freihandelstheoretiker den Merkantilismus ursprünglich kritisiert hatten.

Der Freihandel unter dem Goldstandard (und somit unter dem funktional äquivalenten Euro), so muss man schließen, war also keineswegs die Überwindung des Merkantilismus, sondern die Fortsetzung des Merkantilismus mit anderen Mitteln.


Literaturverzeichnis

[1] David Hume: Politische und ökonomische Essays, Übersetzung von Susanne Fischer, S. 234; 235 ; David Hume, Political Discourses, S. 82; 83
Markus Pfeifer arbeitet zur Zeit an seinem M.Sc. im Fach Mathematik an der TU Darmstadt. Auf makroökonomische Themen wurde er 2015 durch einen Vortrag von Heiner Flassbeck aufmerksam. Seitdem beschäftigt er sich mit den mathematischen, gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems.