Publikation: Konjunktion, 14-11-2017

Am vergangenen Samstag gingen eine Millionen Katalanen in Barcelona auf die Straße, um für die Freilassung katalanischer Politiker zu protestieren, die im Zuge der Unabhängigkeitserklärung Kataloniens durch die spanische Zentralregierung in Madrid verhaftet worden waren. Ganz auf Linie mit Madrid und Brüssel fand diese Massendemonstration so gut wie nicht in unserer Lückenpresse statt.

Madrids Verhalten, die Augen vor der weiter anwachsenden Unabhängigkeitsbewegung bzw. dem Willen der Menschen zu verschließen, ist die logische Fortsetzung der Politik der Zentralregierung, die Ende Oktober die Kontrolle über die autonome Region Katalonien übernommen hatte und Anfang November acht führende Köpfe der katalanischen Regierung für die Ausrufung der Unabhängigkeit verhaften ließ.

Dass dieses Vorgehen so gut wie unkritisch in der Hochleistungspresse kommentiert wurde, darf und wird sicherlich niemanden verwundern. Auch dass dieser Millionen-Protest nicht auf der ersten Seite der Lückenpresse außerhalb Spaniens zu finden war. WikiLeaks-Gründer Julian Assange zur spanischen Berichterstattung:

(Sehen Sie sich dieses Video des letzten Abends an, in dem rund eine Million Menschen protestieren, die Spanien auffordern, katalanische politische Gefangene freizulassen.

Dann folgen Sie diesem Link, um zu sehen, wie diese riesige Menschenmenge auf den Titelseiten von Spaniens größten „Zeitungen“ dargestellt wurden.

[Watch this video of last nights protest of around a million people calling for Spain to release Catalan political prisoners.

Then follow this link to see how this vast crowd was depicted on the front pages of Spain’s biggest „newspapers“.])

Spanische Medien - Bildquelle: diverse Screenshot-Ausschnitte, Julian Assange

Auch die Betitelung der Artikel in den spanischen Mainstreamblättern zeigt, dass hier Realität und transportierte Nachricht mehr als weit auseinander liegen (sollen?):

  • Katalonien muss das Gesetz, die Koexistenz und die Wahrheit wiederherstellen
  • Das Ende des Prozesses
  • Der enthauptete Separatismus
  • Die meisten Katalanen unterstützen die Neuwahlen

Kein Bezug zu den Forderungen der Demonstranten nach Freilassung der verhafteten Politiker oder zur weiterhin eingeforderten Unabhängigkeit Kataloniens.

Twitter - Frederic Bosquerol - Bildquelle: Screenshot-Ausschnitt Twitter

Während die Hochleistungspresse also wieder einmal nicht gewollte Inhalte lückenhaft darstellte, beeilte sie sich die letzte Stellungnahme des katalanischen Präsidenten Carles Puigdemont „omnipräsent aufzubereiten“, der in einem seiner letzten Äußerungen „durchblicken ließ“, dass „eine andere Lösung als die Unabhängigkeit möglich ist“.

Zahlreiche Tweets gehen auf die bewusst „unterzeichnende Berichterstattung“ der spanischen Presse ein, die natürlich keine Luftaufnahmen der Proteste abdruckte, sondern nur Ausschnitte:

Twitter - Raül Sabate - Bildquelle: Screenshot-Ausschnitt Twitter

Auch in Deutschland arbeitet die Hochleistungspresse gerne mit diesem „Stilmittel“, wenn es um das „Kleinschreiben von Protesten“ geht, die der gewünschten Linie nicht entsprechen (Stichwort TTIP-Demonstrationen). Hätte ein solcher Protest in beispielsweise Syrien oder dem Iran stattgefunden, in denen sich die Bürger gegen die Politik der eigenen Regierung aussprechen, hätte unsere Hochleistungspresse sicherlich Sondersendungen und eine 24/7-Berichterstattung vorgenommen.

Wir sehen mit Katalonien das beste Beispiel dafür, wie in einer repräsentativen Demokratie (die nichts anderes als eine Scheindemokratie darstellt, siehe auch den aktuellsten Vortrag von Prof. Dr. Mausfeld) mit den Forderungen der Bürger umgegangen wird. Je größer die Proteste werden, desto stärker werden diese Proteste auch medial unterdrückt. Lückenpresse und Politik Hand in Hand gegen die Bürger.

Die gerne als „Vierte Säule der Demokratie“ bezeichneten Medien kommt wieder einmal ihrem Auftrag einer neutralen, offenen und umfassenden Berichterstattung nicht nach. Doch mittels sozialer Medien (von denen ich grundsätzlich nicht viel halte) geben den Menschen die Möglichkeit ihre Stimme millionenfach zu erheben und ihren Forderungen Gehör zu verschaffen, so dass die Diskrepanz zwischen „medialer Begleitung“ und Realität offensichtlich(er) wird.

Twitter - The Pileus - Bildquelle: Screenshot-Ausschnitt Twitter

Der Vertrauensverlust in die alteingesessene Medienlandschaft wird daher weiter zunehmen. Und sowohl Auflagen als auch Einschaltquoten werden weiter sinken. Solange bis wir gezwungen sein werden, auch diese Medien per staatlicher Zwangsabgabe zu alimentieren. Wollen wir wetten?

Quellen:
Media Silent as a Record 1 Million Protesters March in Spain to End Gov’t Corruption
‚Political prisoners‘: More than 750,000 march for release of Catalan leaders
Spain dissolves Catalan parliament and calls fresh elections
Twitter – Julian Assange
Twitter – Frederic Bosquerol
Ousted Catalan leader appears to backpedal on independence bid
Twitter – Raül Sabate
Twitter – The Pileus