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Zum Verständnis der aktuellen politischen Lage in Spanien

Der Katalonien-Konflikt hält Europa in Atem. Von kategorischer Ablehnung der katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen über genervtes Wegschauen bis zu russischer Begeisterung über das europasprengende Potential der Veranstaltung ist im Strauß der Reaktionen alles vorhanden. Unser Autor – Katalonien-Kenner und bisheriger Gegner der Unabhängigkeit – erzählt die Geschichte eines rebellischen Völkchens und versucht sich dem katalanischen Selbstverständnis anzunähern.


Von: Felix Hau

Publiziert 16-11-2017

Am 27. Oktober verfolgen Katalanen in Barcelona die Parlamentsabstimmung über die Unabhängigkeit. - Foto: © curto / Fotolia.com
Am 10. Oktober 2017 verfolgen Katalanen in Barcelona die Ansprache des katalanischen Präsidenten. – Foto: © curto / Fotolia.com

Am Abend des 11. November verwandelten in Barcelona rund 750.000 Menschen die Calle Marina – eine breite Verkehrsstraße, die vom Zentrum auf den Hafen zuläuft – auf drei Kilometern Länge in ein Lichtermeer; alle hatten die Taschenlampen-Funktion ihres Handys aktiviert. Die Katalanen lernen bereitwillig und schnell – vor allem aus eigenen Fehlern: Einige Wochen zuvor waren 250.000 Menschen mit Kerzen auf die Straße gegangen, was am Folgetag zu einem kosten- und personalintensiven Einsatz der Stadtreinigung nebst Verkehrschaos geführt hatte; das wollte man diesmal selbstverständlich vermeiden.

Zu den Großdemonstrationen hatten die beiden katalanischen Bürgerbewegungen Omnium Cultural und ANC (Assemblea Nacional Catalana) aufgerufen. Der Anlass: Wegen der Geschehnisse rund um das vom spanischen Verfassungsgericht als verfassungswidrig bewertete Referendum am 1. Oktober und der symbolischen Ausrufung der katalanischen Unabhängigkeit am 27. Oktober hatte der spanische Staatsgerichtshof Mitte Oktober die Präsidenten dieser beiden Organisationen und Anfang November dann auch acht Mitglieder der zuvor abgesetzten katalanischen Regionalregierung in Untersuchungshaft genommen. Ein Großteil der Katalanen betrachtet diese Maßnahmen als ungerechtfertigt und überzogen, obwohl längst nicht alle die Unabhängigkeit für eine gute Idee halten. Und in einem solchen Fall tun sie eben, was sie schon seit Jahren tun: Sie gehen auf die Straße und protestieren – stets friedlich, aber entschlossen und in großer Zahl.


Eine abgesetzte Regionalregierung, Inhaftierungen, ein vor der spanischen Justiz nach Brüssel geflohener (Ex-)Präsident und eine katalanische Gesellschaft, die in manchen Belangen sehr einig, in anderen aber tief gespalten ist: Wie konnte es zur Eskalation des derzeit Europa erschütternden Konfliktes zwischen Katalonien und der spanischen Zentralregierung kommen? Was wollen die Katalanen eigentlich?

Der Status Quo

Katalonien ist eine Region im Nordosten der Iberischen Halbinsel und gehört heute sowohl territorial als auch politisch zum Königreich Spanien. Sie erstreckt sich in einem Dreieck vom Val d’Aran entlang der in den Pyrenäen liegenden Grenzen zu Frankreich und Andorra bis zur Mittelmeerküste und dort gen Süden bis ins Ebro-Delta an der unteren Spitze der Provinz Tarragona.

Katalonien ist innerhalb Spaniens eine so genannte „autonome Region“. Sie darf sich in bestimmtem Maß selbst verwalten; ihre Verfassung ist via Organgesetz gleichzeitig Teil der Verfassung Spaniens. Die gepflegten kulturellen Traditionen der Katalanen sind nicht nur folkloristischer Natur, sondern umgreifen auch ein kooperatives Verhältnis zwischen Bürgern und Staat, das Rechtssystem und die gesellschaftlichen Institutionen. Die katalanische Sprache hat sich – wie das so genannte „Spanische“, das korrekt eigentlich „Kastilisch“ heißt – eigenständig aus der regionalen Variante des Vulgärlatein entwickelt und ist seit dem 9. Jahrhundert nachweisbar.

Aber beginnen wir vorne.

Eine stets rebellische Schicksalsgemeinschaft

In seiner wechselvollen Geschichte, die bis vor die Römerzeit zurückreicht, war das Gebiet Katalonien nacheinander ein Zusammenschluss der Ländereien der Grafen von Barcelona, Teil der das Mittelmeer beherrschenden Krone Aragoniens und fiel dann durch Heirat unter den Königshäusern an Kastilien, wobei es später, unter Napoleon, sogar kurzzeitig zum französischen Kaiserreich gehörte.

Über all die Jahrhunderte und unter wechselnden Herrschern nahmen die Bewohner des Transitlandes Katalonien sich zunehmend als geographische Schicksals-, Sprach-, Kultur- und Interessensgemeinschaft wahr, die schon früh gewisse Besonderheiten aufwies. So war beispielsweise bis ins Mittelalter der gotische Rechtskodex aus dem 7. Jahrhundert in Gebrauch; später stritt man stets für politische und institutionelle Eigenständigkeit, die selbst nach der Vereinigung Kastiliens mit Aragon noch erhalten blieb – bis zum spanischen Erbfolgekrieg im gerade angebrochenen 18. Jahrhundert. Die meisten Katalanen unterstützten damals den Habsburger Erzherzog Karl gegen den Bourbonen Philipp von Anjou – und kämpften damit im historischen Rückblick auf der „falschen“ Seite. Die Bourbonen konnten sich durchsetzen und der neue König bestrafte die Katalanen hart. 1714 ergab sich das lange belagerte Barcelona Philipps Truppen. In der Folge wurden die katalanischen Institutionen aufgelöst und die Selbstverwaltung beendet. Der Tag dieser Niederlage – der 11. September – wird in Katalonien seit 1980 als Nationalfeiertag begangen.

Selbstbehauptung und positive anarchistische Erfahrungen

Der bourbonischen Krone war es zwar gelungen, die Eigenständigkeit Kataloniens de jure aufzuheben und es dem spanischen Königreich einzuverleiben; de facto jedoch wurde das von den sehr republikanisch gesonnenen Katalanen nie akzeptiert und ermangelte in ihren Augen jeglicher Legitimität. Erst in der Zweiten Republik konnten sie ihre Eigenständigkeit auch formal wieder durchsetzen, doch dieses Vergnügen währte nicht lange. Schon 1934 wurde das zwei Jahre zuvor aufgesetzte Autonomiestatut suspendiert und mit dem Sieg General Francos am Ende des spanischen Bürgerkrieges 1939 abermals gänzlich aufgehoben.

Während der vier Jahre zuvor allerdings – und insbesondere dies gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn man die aktuellen Entwicklungen beurteilt – erlebte Katalonien, mitten im spanischen Bürgerkrieg, Phasen einer gesellschaftlichen Konsolidierung und Solidarität, die beispielhaft und erfreuliche Folge der anarchistischen Revolution waren. Das einzige positive Beispiel in ganz Europa.

George Orwell, der diese Phase vor Ort miterlebt hatte, schrieb darüber später in seinem Buch Mein Katalonien:

„Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewusstsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. (…) Viele normale Motive des zivilisierten Lebens – Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boss und so weiter – hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann.“

Von der Franco-Diktatur zur parlamentarischen Erbmonarchie

Der weitere Verlauf der Geschichte Kataloniens ist relativ bekannt: Unter der fast vierzig Jahre währenden Diktatur Francos gab es nicht nur keine Autonomie, den Katalanen war auch untersagt ihre Sprache zu sprechen und ihre kulturellen Traditionen zu pflegen. Wer dagegen verstieß, wurde verhaftet und nicht selten auch gefoltert. Francos Militärpolizei, die Guardia Civil, setzte das Verbot mit harter Hand durch. Nach der Franco-Ära wurde eben diese Guardia Civil – die nicht nur in Katalonien entsprechend gefürchtet und verhasst war – bündig und ohne jede Aufarbeitungsphase zur Schutzmacht der jungen demokratischen spanischen Staatsordnung ernannt.

Das ist allerdings nicht die einzige bedenkliche Kontinuität im Transformationsprozess von Militärdiktatur zu Demokratie, die das Land in den späten Siebzigerjahren erlebte. Die Partido Popular, die heute in Madrid regiert und mit Mariano Rajoy den amtierenden Ministerpräsidenten stellt, ist aus einer Vorläuferpartei entstanden, die von ehemaligen Franco-Ministern gegründet worden war. Nicht nur die Katalanen sehen den breiten rechten Rand dieser konservativen Partei – eine Mélange aus Monarchisten, Militaristen, Franquisten und Katholiken, die den spanischen Zentralismus stärken wollen – mit großem Misstrauen und als Gefahr für die Demokratie.

1979 wurde unter den neuen demokratischen Vorzeichen eine gemeinsame spanische Verfassung ausgearbeitet, die „den verschiedenen Regionen und Nationalitäten“, wie es dort heißt, Autonomierechte zusicherte, die nach und nach in Selbstverwaltung ergriffen werden konnten. Diese Verfassung war vergleichsweise liberal, vermittelte nach den Jahrzehnten der Franco-Herrschaft tatsächlich Grund zur Hoffnung auf eine echte Föderation des plurinationalen Staates Spanien und wurde daher auch von den Katalanen mit großer Mehrheit angenommen.

Wie man aus einem gesellschaftlichen Randthema Sprengstoff macht

Natürlich gab es von Anfang an Stimmen, denen die Zugeständnisse nicht weit genug gingen und die für eine echte Unabhängigkeit Kataloniens eintraten. Ihre Zahl schwankte seit den frühen Achtzigerjahren, lag aber im Schnitt und für die nächsten dreißig Jahre, in denen Katalonien einen enormen Boom erlebte und einmal mehr zum Wirtschaftsmotor Spaniens wurde, durchgehend bei etwa 10-15%. Die Katalanen ergriffen in dieser Zeit alle ihnen gewährten Autonomierechte, setzten das Katalanische als Unterrichtssprache in Schulen durch, pflegten ihre Traditionen, wurden immer selbstbewusster und bewarben ihre Region offensiv in der Welt. Trotz alledem war die Idee der gänzlichen staatlichen Unabhängigkeit nie ein wirkliches gesellschaftliches Thema – bis zum Jahr 2010.

2010 erging – nach jahrelanger Beratung – ein Urteil des spanischen Verfassungsgerichtes. Und seither ist in Katalonien sozusagen die Hölle los, die Eigenstaatlichkeit bzw. staatliche Unabhängigkeit der Region mutierte von einem Randthema zu einem gesellschaftlichen Dauerbrenner und das Lager der Befürworter wuchs jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich. Was war geschehen?

Vier Jahre zuvor – Rajoys Partido Popular war noch in der Opposition, Spanien wurde von den Sozialisten regiert – hatten Barcelona und Madrid sich nach zähen Verhandlungen auf eine Neufassung des Autonomiestatuts mit erweiterten Rechten geeinigt. Zentral darin neben vielen anderen Festschreibungen: Die Katalanen bezeichnen sich von nun an offiziell als „Nation“ (innerhalb des spanischen Staates) und dürfen ihr Justizsystem nach eigenen Vorstellungen einrichten. Das katalanische Parlament verabschiedete diesen Wurf einstimmig. In Madrid gab es Bedenken, man schrieb – wohlgemerkt: nach der Einigung – einige Paragraphen um, was die Katalanen schließlich unter Murren akzeptierten. Nun wurde das Statut auch im spanischen Parlament verabschiedet, vom König unterzeichnet und in Kraft gesetzt. Die Kuh war vom Eis, die Sache schien eine gute Lösung gefunden zu haben.

Aber man hatte die Rechnung ohne die konservative Partei Mariano Rajoys gemacht. Die hatte nicht nur im Parlament gegen die Neufassung des Autonomiestatuts gestimmt, sondern reichte nun, da diese Neufassung in Kraft war, auch Klage ein. Und so kam es schließlich, vier Jahre später, zu der folgenschweren Entscheidung des Verfassungsgerichtes. Im Urteil wurden zwar nur insgesamt 14 Passagen des neuen Statuts als verfassungswidrig eingestuft und die Klage ansonsten abgewiesen. Aber just jene beiden für die katalanische Seele essentiellen Punkte – sich als Nation bezeichnen und ein eigenes Justizsystem einführen zu dürfen – wurden kassiert.

Die Folge war massiv. Am 11. September 2010 – dem katalanischen Nationalfeiertag – gingen in Barcelona über eine Million Menschen mit katalanischen Flaggen auf die Straße und protestierten für ihre Selbstbestimmung und gegen den Imperialismus Madrids, viele von ihnen nun auch für eine echte Unabhängigkeit. Aus der überschaubaren Schar der Unabhängigkeitsbefürworter war – quasi über Nacht – eine Massenbewegung geworden.

Katalanische Unabhängigkeitsbefürworter demonstrieren für ihr Anliegen. Foto: © JackF / Fotolia.com

Gepflegte Eskalation über Jahre

Statt das drohende Ungemach zur Kenntnis zu nehmen und wenigstens irgendwie diplomatisch darauf zu reagieren, tat Mariano Rajoy, der ein halbes Jahr später zum spanischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, vor allem eines: nichts. Er schaltete auf Durchzug. Entgegenkommende Gesten, Kompromisse, ein freundliches und versöhnliches Wort, Angebote zur Besänftigung: das alles ist nicht sein Ding. Überdies sitzen ihm die Hardliner in der eigenen Partei im Nacken, die von Autonomiestatuten gar nichts halten, sondern das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen und einer Rezentralisierung Spaniens das Wort reden.

Als wäre die Lage seit dem Jahr 2010 nicht angespannt (und ihre Folgen nicht absehbar) genug gewesen, goss man in Madrid in den Folgejahren bis heute stetig weiter Öl ins katalanische Feuer. Zwei plakative, aber sprechende Beispiele: Das katalanische Parlament verabschiedet ein Gesetz, das Menschen, die in wirtschaftliche Not geraten sind, ein Mindestmaß an Strom auch dann gewährt, wenn sie es nicht bezahlen können. Das Gesetz wird von Madrid kassiert: es falle nicht in den Zuständigkeitsbereich der katalanischen Regionalregierung. – Katalonien verbietet den Stierkampf. Es handelt sich eher um ein symbolisches Verbot, denn die große Arena in Barcelona ist seit Jahren ein Einkaufszentrum. Aber man möchte ein Zeichen setzen. Man möchte der Welt klarmachen, dass das nicht die katalanische Kultur ist. Das spanische Verfassungsgericht setzt das Verbot außer Kraft – und zwar mit einer grenzwertigen Begründung, die in Katalonien nur als Affront aufgefasst werden kann: Der Stierkampf sei als kulturell etablierter Akt unauflöslich mit der spanischen Nation verknüpft und könne von Regionalparlamenten deshalb nicht abgeschafft werden.

Wen wundert es da noch, dass immer mehr Katalanen genug haben: genug vom spanischen Kulturimperialismus, genug vom Überstimmtwerden aus Madrid, genug von den – in ihren Ohren: heuchlerischen – Gesängen vom spanischen Rechtsstaat und der spanischen Demokratie?

Im November 2015 fanden Parlamentswahlen in Katalonien statt. Die Parteien, die für eine Unabhängigkeit der Region warben, erhielten rund 48% der Stimmen; es reichte für die Mehrheit der Sitze. Als Mariano Rajoy 2011 zum Premierminister gewählt wurde, gab es im katalanischen Parlament 14 Abgeordnete, die die Unabhängigkeit befürworten. Nun waren es 72 – die absolute Mehrheit. Das Parteibündnis Junts pel Sí – ein Konglomerat aus Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien, das aus der Wahl als stärkste Kraft hervorgegangen war – stellte mit dem liberalen Carles Puigdemont fortan den katalanischen Präsidenten und, in Koalition mit der anarchistischen Partei CUP, die Regierung. Man hatte mit im Grunde nur einem Thema Wahlkampf gemacht: Mit dem Versprechen nämlich, in der kommenden Legislatur ein verbindliches Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens anzuberaumen, abzuhalten und dem Ergebnis – was auch immer es sei – entsprechend zu handeln.

Wenn Legalität ihre Legitimität einbüßt: Das Referendum zur Unabhängigkeit

Die letzten großen Umfragen dieses Jahres im Vorfeld des Referendums zeichnen ein einheitliches katalanisches Stimmungsbild: Rund 43% votierten explizit für eine Unabhängigkeit, rund 20% explizit dagegen; der Rest ist unentschieden oder knüpft Befürwortung bzw. Ablehnung der Idee an Bedingungen. Eine Zahl ist aber in jedem Fall sprechend: Über 80% der Katalanen wünschen über die Frage der Unabhängigkeit Kataloniens eine verbindliche Abstimmung abzuhalten – ganz gleich, ob sie Befürworter oder Gegner der Unabhängigkeit sind.

Und hier hat Mariano Rajoy wieder eine Gelegenheit verpasst und die Lage stattdessen weiter eskaliert: Hätte er den Katalanen ein reguläres Referendum gestattet – so, wie das Großbritannien in Sachen Schottland und Kanada schon zweimal in Sachen Québec getan hat –, hätte das Unabhängigkeitslager voraussichtlich verloren und die Angelegenheit wäre vorerst erledigt gewesen. Und wenn er kein offizielles Referendum gestattet, aber das inoffizielle toleriert und nicht mit aller Macht zu verhindern gesucht hätte, wären sogar sämtliche Trümpfe in seiner Hand verblieben: Hätte das Unabhängigkeitslager verloren, hätte er das Referendum offiziell anerkennen können. Hätte es gewonnen, hätte es immer noch die Möglichkeit gegeben, das Ergebnis als nicht bindend zu deklarieren.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit hat der Chef der zentralen Regierung in Madrid hingehen einmal mehr das Kontraproduktivste und Verrückteste getan: Er hat die Guardia Civil und die Nationalpolizei nach Katalonien geschickt, Mitglieder der katalanischen Regierung verhaften, Wahlunterlagen und Urnen beschlagnahmen, Websites schließen lassen und die abstimmungswillige Bevölkerung mit zum Teil brutaler Polizeigewalt an der Teilnahme gehindert.

Das im Vorfeld von Madrid also für illegal erklärte Referendum fand am 1. Oktober statt. Rund 2,3 Millionen (der knapp über fünf Millionen wahlberechtigten) Katalanen nahmen laut abgegebenen Wahlzetteln trotz des Verbots und trotz aller Widrigkeiten daran teil. Die tatsächliche Teilnehmerzahl dürfte sogar bei knapp drei Millionen liegen, denn die beschlagnahmten Stimmzettel und die Schließung einiger Wahllokale haben die auszählbaren Stimmen natürlich deutlich dezimiert.

Zitat Rajoy am Abend des 1. Oktober: „Es hat kein Referendum stattgefunden.“
Was ist das – wenn es nicht Ignoranz ist?

Der maximale Protest

Das Ergebnis ist bekannt: Von den Abstimmenden, deren Stimme gezählt werden konnte, haben sich rund 90% für eine Unabhängigkeit ausgesprochen. Und auch, wenn das insgesamt weniger als 40% aller Wahlberechtigten sind und das Ergebnis also nicht wirklich zu irgendetwas berechtigt – der entscheidende Punkt ist ein anderer: Weit über 2 Millionen Menschen haben sich offenbar dazu entschlossen, an einer von der Zentralregierung verbotenen Abstimmung teilzunehmen. Das ist gleichbedeutend mit der Flucht all dieser Menschen in die Illegalität. Für sie alle hat die von der spanischen Zentralregierung vertretene Legalität ganz offensichtlich ihre Legitimität verloren; Gesetze, Urteile, Verfügungen aus Madrid werden von ihnen nicht mehr ernst genommen – weil sie selbst vom zentralen Machtapparat nicht ernst genommen werden. Das ist für eine Demokratie eine höchst bedenkliche Situation und das eigentliche „katalanische Problem“ in Spanien.

Hinzu kommt, dass es unter den Unabhängigkeitsbefürwortern nicht Wenige gibt, die man am treffendsten als „taktische Befürworter“ bezeichnen könnte. Ihr Ziel ist nicht wirklich eine staatliche Unabhängigkeit, aber sie wollen sich nicht länger von Madrid auf der Nase herumtanzen lassen und setzen ihre Hoffnung in einen maximalen Protest – getreu dem Motto: Manchmal muss man Dinge auf die Spitze treiben, damit sich etwas verändert. Eine junge Teilnehmerin einer der vielen Pro-Unabhängigkeits-Demonstrationen der vergangenen Wochen in Barcelona sagte kürzlich in eine Fernsehkamera: „Wir wären so leicht zu überzeugen! Aber sie schicken immer nur Polizei und verweisen auf irgendwelche Gesetze.“

Was die Katalanen wirklich wollen

Die Katalanen wollen ernst genommen und als Bürger mit einer eigenen kulturellen Tradition, einer eigenen Sprache und dem erklärten Willen zum solidarischen Zusammenleben respektiert werden. Sie haben ganz eigene Ideen, wie sie ihre Gesellschaft gestalten möchten, sie sind experimentierfreudig und lernbereit und wollen neue Ansätze ungehindert ausprobieren können. Gesetze, sagen sie sich, sollen Menschen dienen, nicht anders herum; sie sollen das gedeihliche Zusammenleben fördern und nicht behindern.

Der katalanische „Nationalismus“ ist – auch wenn stets haufenweise Fahnen geschwenkt werden – eigentlich ein Anti-Nationalismus. Anders als viele andere Unabhängigkeitsbewegungen ist die katalanische dezidiert pro-europäisch und entstammt in der übergroßen Mehrheit einer linken, anarchistischen bzw. republikanischen Tradition. Der katalanische „Nationalismus“ definiert sich auch nicht ethnisch und noch nicht einmal wirklich kulturell. Katalane, so heißt es stets, könne jeder werden, der in Katalonien lebt und die dort gepflegte Kultur und Sprache respektiert. Katalane zu sein, sei eine soziale Errungenschaft.

Als Gesellschaft möchte man ein gleichberechtigter, autonomer Teil in einem prosperierenden, demokratischen, grenzenlosen Europa sein und lediglich die als bremsend und chauvinistisch wahrgenommene Knute der Madrider Zentralregierung samt des (hierzulande viel zu wenig beachteten) spanischenNationalismus‘ abschütteln.

Der im Kontext des Problems in den Medien oft zitierte Finanztransfer zwischen den spanischen Regionen spielt natürlich eine Rolle, aber zum einen nicht die wichtigste und zum anderen in etwas anderer Hinsicht als der nahegelegten: Katalonien ist innerhalb Spaniens Nettozahler. Der Beitrag, den es in diesem zentralstaatlich erzwungenen Solidaritätsakt zur Finanzierung allgemeiner staatlicher Aufgaben und zur Unterstützung strukturschwächerer Regionen abgibt, ist im Verhältnis mehr als doppelt so hoch wie der Anteil, den Bayern im deutschen Länderfinanzausgleich leistet. Die Katalanen betonen trotzdem stets, dass nicht die Zahlungen als solche das Problem sind. Das Problem sei, dass die Zentralregierung dringende Infrastrukturprojekte in Katalonien systematisch benachteilige und aufschiebe; alles andere habe offenbar Vorrang. – Man möchte einfach nur fair behandelt werden.

Einige persönliche Bemerkungen zum Schluss

Seit über 30 Jahren verfolge ich die Entwicklung von Katalonien und seinen Bewohnern nun bewusst. Ich erinnere mich gut an den ersten VW Golf mit einem Kennzeichen aus Barcelona (er war schneeweiß und ein GTI), der zu Beginn der Achtzigerjahre zwischen all den Seats und alten Citroëns an der Costa Brava den Beginn der rasanten Wohlstandsentwicklung einzuläuten schien. Ich werde das Misstrauen und die sichtliche Angst unserer katalanischen Nachbarn vor den grün-weißen Autos der Guardia Civil, die noch bis weit in die Achtzigerjahre virulent war, niemals vergessen – genauso wenig, wie die damals 85-jährige Großmutter dieser Nachbarsfamilie, die gar kein Spanisch sprach. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie’s nicht konnte. Sie sprach Katalanisch und ein paar Brocken Französisch, aber kein Spanisch.

Ich habe mit meinen katalanischen Freunden vor 20 Jahren gestritten, als sie in einer kurzen Phase des Fanatismus‘ auch mit Touristen wie mir nicht mehr Spanisch sprechen wollten, obwohl sie’s alle perfekt konnten. Ich habe ihnen damals immer wieder meine Ansicht vorgehalten, dass sie, wenn sie so weitermachten, Europa vergessen und sich stattdessen den ebenfalls vom Aussterben bedrohten Dakota anschließen können.

Ich war nie ein Freund der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, weil ich zum einen finde, dass Nationalismen aus der Zeit gefallen sind und weil ich die Sache zum anderen im eigenen Interesse der Katalanen für keine gute Idee gehalten habe.

Im Angesicht des völlig irrationalen und kontraproduktiven Vorgehens der spanischen Zentralregierung, im Angesicht der prügelnden spanischen Polizisten am Tag des Referendums und im Angesicht der Befassung mit den Geschehnissen seither und ihrer Begleitung durch spanische Medien muss ich allerdings feststellen: Ich habe in all den Jahren einen fatalen Fehler in der Beurteilung gemacht. Ich habe den spanischen Nationalismus übersehen. Er ist es, der die Katalanen vor sich her und aus dem gemeinsamen Staat treibt, er ist es, der anmaßend und rechtsnational daherkommt, er ist es, der – im Gegensatz zu den stets friedlich protestierenden Katalanen – bei Demonstrationen regelmäßig Gewalt unter den Befürwortern der Einheit Spaniens kanalisiert, er ist es, der völlig unreflektiert zelebriert wird und sogar in Urteilen des Verfassungsgerichtes fröhliche Urständ feiert. Er ist das eigentliche Problem und die Ursache in diesem Konflikt.

Autorennotiz:

Info3-Mitarbeiter Felix Hau hat einen existentiellen Bezug zu Katalonien. Er kennt die Region seit seiner Geburt, sein Stiefvater lebt als südspanischer Binnengastarbeiter seit 1960 in einem kleinen Ort des katalanischen Baix Empordà.