Kontrast.at

Finanzpyramide MMM – So geht die Ausbeutung der Unwissenden

kontrast.at · by Von Kontrast Redaktion · December 4, 2017

In den 90ern schreibt die Firma MMM in Russland spektakulär kriminelle Geschichte. Mit einer populären Finanzpyramide macht sich ein Mann reich – auf Kosten von Millionen unwissender MitspielerInnen. Jetzt fischt MMM in den armen Ländern des globalen Südens nach weiteren Opfern und stützt sich dabei auf schwache Regierungen und das Internet.

„Hast du schon von MMM gehört? Nein?! Jeden Monat gibt es ca. 50% Gewinn, vielleicht sogar mehr! Jetzt ist die beste Zeit, Geld zu investieren. Sozialismus ist tot, mein Freund. Du musst dich beeilen!“ erzählt ein Passant einem Anderen.

Russland, Anfang der 1990er Jahre. Im Fernsehen läuft ein TV-Spot: Ein „ganz normaler Typ von nebenan“ bringt sein erspartes Geld zu einer Firma, nur zwei Wochen später kauft er seiner Frau teure Stiefel. Er hat sein Geld in der Zeit verdoppelt. Aus dem TV-Spot wird eine ganze Serie, in der der Protagonist immer mehr Geld durch seine Investition die Firma namens MMM verdient. Wenn er sich zu Beginn nur teure Stiefel oder einen Pelzmantel leisten konnte, kauft er sich in den neuen Spots Möbel und plant den Erwerb eines Autos und eines Eigenheims.

MMM steht für „My mozhem mnogoe“ und bedeutet im Deutschen „Wir können vieles“. Der Gründer Sergei Mavrodi (dt. Schreibweise Sergej Mawrodi) kann vieles. Vor allem baute er die größte Finanzpyramide in der russischen Geschichte.

Was sind Finanzpyramiden?

Als Finanzpyramide bzw. Pyramidensystem werden Geschäftsmodelle bezeichnet, die darauf bauen, dass stetig mehr Menschen teilnehmen. Das Prinzip ist recht einfach: Du kaufst dich in die „Pyramide“ ein und zahlst dafür beispielsweise 100€. Für jedes neue Mitglied, das du anwirbst, bekommst du einen Prozentsatz seines „Investments“, sagen wir 25%, also in diesem Fall 25 Euro. Werben „deine Mitglieder“ weitere Mitglieder an, bekommst du auch einen Anteil von ihrem Investment. Zwar wird dein Anteil kleiner, doch die Zahl der Mitglieder, von denen du Anteile erhälst, wächst enorm. Wenn jedes Mitglied nur 4 Menschen anwirbt, verdienst du schon in der 2.”Generation” an den Beiträgen von 16 Menschen, in der 3. Generation schon an den Beiträgen von 64 Menschen, in der 4. Generation an denen von 256 Menschen und so weiter.

Die Spitze der Pyramide, also die Menschen, die die Pyramide starten, profitieren am meisten durch den Zuwachs der TeilnehmerInnen. Umso später man einsteigt, desto schwieriger wird es, neue MitspielerInnen zu finden und desto kleiner werden auch die Rendite. Ab einem gewissen Punkt ist es praktisch und irgendwann auch theoretisch nicht mehr möglich, genügend neue MitspielerInnen zu finden, um das System aufrecht zu erhalten. Das System fällt in sich zusammen, die frühen Einsteiger haben als einzige gewonnen, alle anderen verlieren ihr eingesetztes Kapital.

Die unteren Schichten der Pyramide müssen also am härtesten um neue TeilnehmerInnen kämpfen, damit sie das investierte Geld nicht verlieren. Sie haben den grössten Aufwand und die kleinste Rendite. Das Problem ist: auch hier sättigt sich der Markt, die Nachfrage sinkt und das Pyramidensystem bricht zwangsläufig in sich zusammen. Während die Spitze der Pyramide ihre Gewinne schon abgeschöpft hat, bleibt die Basis auf ihren Investments sitzen.

Tausende AnlegerInnen warten auf ihre Auszahlung ihrer Gewinne beim MMM-Büro. (Quelle)

Neue Wirtschaftsform, neue Währung

Wie das alles möglich sein soll? Der in Russland geborenen Mathematiker Sergei Mavrodi gibt eine einfache Antwort: Werde PartnerIn von MMM. Es passt in den Zeitgeist. Der Realsozialismus ist vorbei und der finanzielle Reichtum soll nun für alle in greifbarer Nähe sein. Der Glaube an die Unfehlbarkeit der neuen Wirtschaftsform, dem Kapitalismus, verdrängt jeden Zweifel. Die Menschen investieren. Sie ermöglichen MMM teure Marketing Stunts: er lässt zum Beispiel alle Passagiere einen Tag lang gratis mit der Moskauer U-Bahn fahren. An den Stationen hängen seine Plakate, wirklich alle sollen wissen, wer der gütige Sponsor ist.

Millionen von TV-ZuseherInnen verfolgen 1994 Mavrodis Neujahresansprache (Quelle)

Auch die offizielle russische Währung, den Rubel, will er ersetzen. Mavrodi lässt eigene Geldscheine drucken – mit seinem Gesicht. Nach und nach funktioniert das auch. Seine Geldscheine werden so bekannt und beliebt, dass Menschen ihre Rubel-Löhne gegen diese Geldscheine eintauschen und untereinander als Zahlungsmittel akzeptieren. Durch immer größere Anlagen neuer MitspielerInnen kann das Pyramidensystem tatsächlich Gewinne an die ersten „Investoren“ auszahlen. Wer also in die eigene Zukunft investieren wollte, investierte in MMM.

Mavrodi druckt sich selbst auf eigene „Währung“. (Quelle)

Der Einsturz der Pyramide

Im August 1994 stürzt die größte Finanzpyramide in der Geschichte Russlands ein. Die Folgen sind dramatisch. Das Geld ist wie vom Erdboden verschluckt, die Ersparnisse zahlreicher Menschen sind weg, über 10 Millionen RussInnen sind betroffen. Sie erleiden extreme finanzielle Schäden, einige Menschen wurden in den Suizid getrieben. Das System von MMM war nur ein Betrug – ein Schneeballsystem, auf das unzählige Menschen reingefallen sind. Der Fall Mavrodi wurde wegen Steuerhinterziehung untersucht, er selbst wurde in Untersuchungshaft genommen. Um dem Gefängnis zu entgehen wendet er Tricks an. Er gewinnt sogar die Wahl zum Abgeordneten des Parlaments, der Duma, um Immunität zu genießen. Ins Gefängnis kommt er allerdings erst 9 Jahre nach Zusammenbruch seines Systems. Im Dezember 2003 wurde er wegen Urkundenfälschung zu 13 Monaten Haft verurteilt, das Verfahren wegen Steuerhinterziehung ist bereits verjährt. 2007 wird er auch wegen Betrugs verurteilt. Mavrodi wird zwar zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, da seine Haftzeit im Untersuchungsgefängnis jedoch angerechnet wird, ist er bereits einen Monat später wieder frei.

Finanzpyramide goes South

Mavrodi ist nach seiner Haft jedoch nicht geläutert. In einem Zeitalter der digitalen Technologien verschiebt Mavrodi sein Pyramidensystem MMM ins Internet. Zunächst versuchte er das „Geschäftsmodell“ in Russland, Kanada und Europa wiederaufzubauen, aber er scheitert. Wegen des nahezu weltweiten Verbots von Finanzpyramiden blüht nun sein Geschäft heute dort, wo die Rechtslage es noch zulässt. Er expandiert nach Indien, China, Lateinamerika und schließlich nach Simbabwe und Nigeria. In Nigeria etwa, wo seine Webseite laut alexa.com mittlerweile zu den Top 10 der meistbesuchten Webseiten des Landes zählt, feiert Sergei Mavrodi 2017 erneut einen Riesenerfolg. Mit lukrativen Angeboten und Slogans werden wieder unwissende Menschen geködert, um ihr Geld in das System einzubringen. MMM setzt dabei auch auf moderne Formen der Währung, wie zB die Kryptowährung Bitcoin.

Auf seinem YouTube-Channel berichtet Mavrodi über aktuelle Kursschwankungen bei MMM. (Quelle)

“Sohn des Luzifers“

In den Neunziger lies er sein Gesicht auf Geldscheine drucken, heute nennt er Geldscheine Mavros, in Anlehnung an seinen Namen. Und der Personenkult um den Gründer wächst. Man schreibt ihm auch überirdische Intelligenz und Kompetenzen zu, an denen man nicht zweifeln sollte. „Sohn des Luzifers“ nennt er sein Buch über Teufel und Engel. Auch ein Spielfilm mit einem Budget von 2 Mio. Dollar wurde über sein Leben und Geschäft produziert. Die Ideologie von MMM 2.0 ist auf der Webseite klar formuliert: „Keiner von uns ist frei. Freiheit ist eine Illusion. Geld ist das, was zählt. Ohne Geld sind wir nichts.“ Das Versprechen von Reichtum ist in einem Land, in dem die Bevölkerung mit Armutund Unsicherheit zu kämpfen hat, umso größer. Es ist ein Versprechen von Glück. „Calculator of Happiness“ nennt MMM die Tabelle zur Berechnung der Gewinne – und glücklich sein will doch jedeR, oder? Und so erzählt auch weiterhin ein Passant dem anderen vom greifbaren Glück. Nur dieses Mal in virtuellen Räumen.


2017 ist es nicht mehr Russland, heute sucht sich MMM seine Gutgläubigen in neuen Ländern. In China hat der Staat inzwischen reagiert und warnt seine Bürger vor den betrügerischen Absichten der Firma. In der sogenannten Dritten Welt fischt MMM allerdings weiter nach ihren Opfern, teils geduldet von schwachen Regierungen oder halb legal im Internet.

Fehlende Rechtsstaatlichkeit und Unwissenheit wird im brutalen Weltgeschäft ausgenutzt. Der Kapitalismus sucht sich global seine Opfer und beutet die Ärmsten am heftigsten aus. Sei es mit Kinderarbeit, Menschenhandel oder eben auch mit Finanzbetrug.

Erklärt in 1 Minute: Wie funktioniert ein Pyramidensystem?

Zum Weiterlesen:

kontrast.at · by Von Kontrast Redaktion · December 4, 2017