Aus der Herzensbegegnung heilen | Magazin Info3

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Der Begegnung mit der eigenen schöpferischen Kraft wird im Rahmen der anthroposophischen Therapien großer Wert beigemessen. Der Kunsttherapeut und Psychoonkologe Josef Ulrich erzählt im Gespräch mit Ronald Richter über die Arbeit im Atelier der Klinik Öschelbronn, von Menschen, die viel länger leben, als es prognostiziert ist, und von anderen, die gesund werden und trotzdem gehen müssen.

Therapeut Josef Ulrich / Foto: Ronald Richter

 

Herr Ulrich, was kann die Kunsttherapie zum Heilungsprozess beitragen?

Wenn wir Menschen begleiten auf ihrem Weg mit der Krankheit, erfahren wir, dass es endlos viele unterschiedliche Krankheitsverläufe gibt. Da sind Krankheitsverläufe, bei denen die Menschen viel schneller als ursprünglich prognostiziert am Ende des Lebenslaufs angelangen. Und es gibt Krankheitsverläufe, bei denen kaum Vorstellbares geschieht, so dass auch bei Menschen, die von den Medizinern als unheilbar verstanden werden, Heilung immer möglich ist. Bei dem Wort „unheilbar“ sollte man sich bewusst machen, dass es nur ein Aspekt unseres Wissens ist, den wir da widerspiegeln. Wenn wir auf Menschen schauen, die erstaunliche Entwicklungen durchleben, dann stehen wir immer wieder vor dem Phänomen, dass das Leben oder unsere leiborganisierenden Kräfte, die auf die Weisheit des Lebens zurückgreifen, die Fähigkeit besitzen, wunderbare Dinge hervorzubringen. So berichtete mir eine Patientin, die in eine Sterbekammer geschoben wurde, da alles darauf hinwies, dass das Ende des Lebenslaufs bevorstand, wie über Nacht unerklärlicherweise erneut das Licht, die Liebe, das Leben Einzug gehalten, der Körper erneut Kraft empfangen habe und ihr eine neue Lebensspanne geschenkt wurde.

In meinen Seminaren frage ich immer wieder: Was ist der Anfang vom Hausbau? Das Fundament, der Plan, oder ist es die Idee? Und was ist der Anfang der Gesundung? – Die Idee der Heilung. Die Heilbarkeit haben wir durch unsere Fokussierung auf die biochemische Ebene, auf das medizinisch Machbare aus den Augen verloren. Die Weisheit des Lebens, der Natur und der Schöpferkraft in uns haben wir aus den Augen verloren. Heilung ist möglich, auch wenn wir medizinisch gesehen keine Möglichkeit und kein Verständnis davon vor Augen haben! Heilung ist möglich, weil die Weisheit, das Wissen, das Vermögen dazu immer in und um uns existiert.

Es gibt ja das Wort Rudolf Steiners, das der anthroposophische Mediziner Volker Fintelmann gern zitiert: Eine Krankheit sei dann geheilt, wenn ihr Sinn erfüllt ist.

Ja, das ist das Erleben, wenn ich Menschen begegnen durfte, die ihren Weg durch die Krankheit gegangen sind. Und da habe ich viele Menschen treffen dürfen, auch Menschen, die sehr jung waren, die mir berichtet haben: Der Krankheit bin ich unglaublich dankbar, weil sie mich ins Leben geführt hat. Weil sie mich zu mir geführt hat, mir einen Weg gezeigt hat, wie ich mir selbst begegnen konnte. Ich bin der Krankheit dankbar, weil die Krankheit mich geheilt hat. Das ist oft nicht nur das individuelle Erleben eines einzelnen Menschen, sondern auch ein Miterleben der Gemeinschaft, die den Menschen im Leben begleitet hat, dass sie die Erfahrung macht: Du bist jetzt so gesund, wie du nie in deinem Leben warst, und jetzt darfst du gehen.

In Ihrem Vortrag bei der Jahreskonferenz 2017 der Medizinischen Sektion am Goetheanum haben Sie den Fall eines Mannes geschildert, der gesund wurde. Und dennoch war es für ihn an der Zeit, zu gehen.

Das war einer der berührendsten Momente in den 32 Jahren, die ich hier in Öschelbronn erleben durfte: Mein Freund Reinhold stand kurz vor dem Ende seines Lebenslaufes, und auf das dringende Anraten des Arztes sollte er von einem Geistlichen besucht werden. Reinhold hat sich aber innerlich dagegen gewehrt, bis er einfach sein Herz öffnete für den Arzt, um ihm eine Freude zu machen. Der Priester war mit Reinhold eine halbe Stunde alleine. Nach dem Gespräch hat der Priester dann berührt mitgeteilt: So einen gesunden Menschen habe er noch nie erlebt!

„Als bettlägeriger Querschnittsgelähmter hat er kreativ zu malen angefangen.“

Wie haben Sie das erlebt bei Reinhold?

Als er die Krankheitsdiagnose bekam – das Endstadium eines Morbus Hodgkin, also Lymphdrüsenkrebs –, hat man ihm eine Lebensdauer von noch vier bis fünf Monaten vorausgesagt. Er war Bildhauer und Eurythmist und verbunden mit vielen Menschen und dem Leben. Er hat da noch einmal tief zu sich selbst gefunden, hat sich innerlich neu ausgerichtet: Wie kann er dem Leben vielfältig weiter in Liebe verbunden sein, welche Aktivitäten kann er aufnehmen? Er hat alle möglichen Krankheitsphasen durchlaufen mit allen Höhen und Tiefen und hat bis zuletzt seine Kreativität weiterleben dürfen. Als bettlägeriger Querschnittsgelähmter hat er kreativ zu malen angefangen. Wenn kein Papier und nichts mehr da war, hat er sogar aufs Betttuch gemalt, und jeder hatte Verständnis für ihn. Er hat trotz der Querschnittslähmung Ausstellungen gemacht, mit der Querschnittslähmung eine Rede bei der Ausstellungseröffnung gehalten und war dem Weltgeschehen immer mit Interesse verbunden. Der Eindruck der ihn Begleitenden war, dass – vielleicht darf man das so sagen – seine Herzenskräfte sich immer mehr entfaltet haben und ein großes „Ja“ in ihm gewachsen ist im Sinne von: „Es ist, wie es ist; es hat seine Stimmigkeit und Richtigkeit für mich.“ Im Sterben hat er gesungen: „Christ ist erstanden.“

Es gibt Fälle, das haben Sie eingangs erwähnt, bei denen die Ärzte meinen, es sei aussichtslos, der Tod werde den Menschen in ein paar Tagen ereilen; doch dieser lebt dann noch lange weiter …

Ja, ich habe mit der Zeit verstehen gelernt, dass wir unterschiedlichste Blickwinkel haben können, und es gibt immer wieder den wissenschaftlichen Erfahrungsblick, oder man sagt auch: die faktische Realität. Nur ist die Frage, ob wir uns davon zwingen lassen, ob wir das verinnerlichen, diese faktische Realität, oder ob wir uns bewusst machen, dass wir Menschen vieldimensionale Wesen sind. So wie eine Pflanze den Blumentopf mit der Erde hat, wenn sie im Zimmer kultiviert ist, und mit jedem Umtopfen unterschiedliche Entwicklungen nehmen kann – sie kann eingehen oder aufblühen oder gleich bleiben – so hat jedes Tier seinen Lebensraum. Wenn er beeinträchtigt wird, oder die Tiere anders gehalten werden, dann kommt das Artensterben oder sie brauchen enorme medizinische Unterstützung, um zu überleben. Und der Mensch hat eben nicht nur seinen Raum, sondern vor allem sein Umfeld. Und das ist ein äußerliches und innerliches Umfeld. Im innerlichen Umfeld ist alles, was er lebt, fühlt, durchleidet, sich vorstellt, denkt, träumt, welche Ziele er im Leben hat. Das sind geistige Kräfte, die die Lebenskräfte immer wieder durchdringen, befeuern oder lähmen, und wenn wir diese Ebene des Seelisch-Geistigen nicht mit in die Medizin integrieren können, dann bleiben wir in einer Reparatur-Medizin stecken, wobei heilende Entwicklung und Veränderung nicht unbedingt immer Platz haben muss.

„Wir müssen uns den Gedanken verbieten, dass der Mensch stirbt, sondern der Mensch lebt natürlich weiter.“

Ist das Krankenbett tatsächlich der Altar, wie auf dem Kongress gesagt wurde?

Es ist eine anzustrebende Haltung, dass wir dem Menschen begegnen wie die Inder, wenn sie die Hände zur Begrüßung vor dem Herzen falten, sich verneigen und sagen: „Namaste – ich verneige mich vor dem Göttlichen in dir.“

Ich denke, das wäre die Haltung, mit der wir jedem Menschen begegnen sollten, auch dem Kranken. Wie wir im Vortrag von Matthias Girke, dem Leiter der medizinischen Abteilung am Goetheanum, gehört haben: Wir müssen uns den Gedanken verbieten, dass der Mensch stirbt, sondern der Mensch lebt natürlich weiter. Es ist das Leibliche, das seinen Lauf genommen hat und irgendwann wieder abgelegt werden will. In dieser Haltung am Krankenbett zu sein: Wir begegnen uns – das Göttliche in dir mit dem Göttlichen in mir –, ich glaube, das schafft einen Raum, in dem völlig neue Entwicklung möglich ist.

Bei Ihrem Vortrag waren Zuhörer und Zuhörerinnen zu Tränen gerührt. Liegt es auch daran, dass in einer Kunsttherapie, die Sie mit dem Krankenhaus zusammen machen, dort das Leben erst stattfinden kann?

Ich denke, dass dieses Wachwerden und Erwachen zur Begegnung mit dem eigenen tiefsten inneren Wesenskern ein Lebenswunsch von jedem Menschen ist. Der zu sein, als der er gedacht ist oder als der er sein Leben „verfasst“ hat. Häufig ist der Alltag in eine Schiene geraten, wo der Mensch sich davon immer mehr getrennt hat und die Krankheit von vielen als eine Krise erlebt wird, eine Zeit, in der sich etwas trennt vom gewohnten Raster und ein neuer, offener Freiraum entsteht. In dem eine neue Entscheidung und eine neue Wahl möglich ist. Und eine neue Begegnung. Vor allem, so berichten viele Menschen, hat diese offene Zeit einen Schutzraum ermöglicht, sich selbst zu begegnen – diese neue Zuwendung zu sich selbst: sanft, zart, liebevoll verständnisvoll mitfühlend, das wird von vielen Menschen erlebt als ein erster Impuls, zu sich zu finden, und aus dieser Neufindung kann dann eine gewisse Neuschöpfung stattfinden. Das ist etwas, das der Mensch als heilsam erlebt, und aus dieser individuellen Neuschöpfung kann er auch eine vielfältige neue Verbundenheit entwickeln.

„Kunst ist was das Menschenherz mit dem Weltenherz verbindet“

Was geschieht genau in Ihrer Kunsttherapie in der Klinik Öschelbronn?

Zuerst möchte ich kurz darauf hinweisen, dass die Kunsttherapie bzw. die Kunst von Rudolf Steiner in einem Meditationstext als dasjenige beschrieben wird, was das Weltenherz mit dem Menschenherz und das Menschenherz mit dem Weltenherz verbindet. Es gibt viele Aspekte der Kunst und viele Möglichkeiten, die Kunst zu schauen; eine ganz einfache ist, dass der Mensch Gestalter und nicht nur Geschaffener ist, dass er auch die Schöpferkraft, dieses „Namaste“, in sich trägt und das leben und dem begegnen darf. Wenn ein Mensch eine schützende Hülle hat, womit wir uns im Atelier der Öschelbronner Klinik ja beschäftigen, dann kann er erleben, dass er da in einem Raum ist, in dem die gewohnten sozialisierten und verinnerlichten Wertevorstellungen von Falsch und Richtig, Gut und Schlecht völlig deplatziert sind, so dass er in diesem Schutzraum in ein spielerisches Entwickeln gehen kann mit Ton und mit Farbe. Und wir begleiten ihn dabei.

Man könnte aber trotzdem von außen meinen: Jetzt muss sie oder er also ein bisschen kreativ sein …

Ja, also das wird vielleicht von vielen Patienten erst so erlebt im Anfangsempfinden: Ich muss jetzt und ich kann doch nicht. Ich würde so gern im Garten arbeiten, ich könnte alles Mögliche kochen. Es ist ein sehr enger Begriff, den viele Menschen von ihrer eigenen Kreativität und Schöpferkraft haben. Das ist einer der ersten Freiräume, die wir den Menschen anzubieten versuchen, dass er die Erfahrung machen kann, es geht gar nicht darum, die von mir konstruierten Begrifflichkeiten zu erfüllen, sondern es geht darum, dass es einen freien Raum gibt. In dem ich so, wie ich bin, absolut angenommen, willkommen und sogar wertgeschätzt bin.

Und so versuche ich, zu „verrückten“ Spielen zurückzukommen, vielleicht auch ins Frühkindliche, wo wir möglicherweise einfach nur die Freude an der Farbe hatten. Das war unsere Kunst, und das war unsere Malerei, und wir versuchen, diesen Raum der Freude an der Kreativität wieder zu öffnen. Dazu machen wir alle möglichen spielerischen Installationen, wo wir sogar mit verbundenen Augen zu den Farben greifen oder mit den Fingern arbeiten, wo wir einfach das Abenteuer entdecken, in die Neugier und ins Interesse kommen. Da habe ich selten erlebt, dass Menschen nicht im Herzen berührt werden und sich nicht in eine gewisse Andacht hinein fühlen. Und meistens, wenn diese erscheint, empfinden sie auch Dankbarkeit für das, was geschehen ist, weil die gewohnten Brillen irgendwie auf die Seite gelegt werden konnten und eine Herzensbegegnung mit dem, wie es ist, stattfinden konnte.

Sie sind seit annähernd 33 Jahren in Öschelbronn. Was ist seitdem passiert?

Es ist passiert, dass ich immer mehr lerne, zu dem zu stehen, was ich erfahre, und das mit immer mehr Menschen teile. In den letzten 20 Jahren konnte ich meine spirituelle Psychoonkologie entwickeln, die in dem Buch „Selbstheilungskräfte“ ihren Ausdruck gefunden hat. Dieses Buch ist aus dem Dialog mit den Herzen der Menschen geschrieben worden. Entstanden ist eine Erinnerung an das Herzenswissen, das in jedem Menschen schlummert, und das innig verbunden ist mit der Entfaltung der Selbstheilungskräfte in uns. Jeder Mensch kann da mal hineinschnuppern und lauschen, ob er Korrespondenz oder Resonanz im Herzen fühlt und dann möglicherweise Unterstützung auf dem Weg zu sich selbst findet. ///

Das Interview erschien in der Ausgabe 11/2017 der Zeitschrift „Info3 – Anthroposophie im Dialog“. Kostenloses Probeheft hier bestellen.

Veranstaltungs-Tipp: Josef Ulrich ist vom 4. bis 6. Mai zu einem Seminar zum Thema „Selbstheilungskräfte“ auf dem Quellhof in Kirchberg an der Jagst zu Gast. Nähere Informationen und Anmeldung hier.

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