Aristoteles kommt von der anderen Seite

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Notizen eines Anthroposophie-Skeptikers

ARISTOTELES KOMMT VON DER ANDEREN SEITE

Wolfgang Müller ist Redakteur für Zeitgeschichte beim NDR und sieht sich selbst als Skeptiker gegenüber der Anthroposophie. Aus seiner kritischen Haltung heraus hat er jedoch Fragen entwickelt, die jeden interessieren dürften, der sich mit dem Werk Rudolf Steiners beschäftigt.

Zeichen ernster Größe: Wolfgang Müller über Rudolf Steiner

Von Wolfgang Müller

Ein zentraler Hinweis Steiners lautet, es komme auf eine Seelenverfassung an, die nicht in erster Linie darauf gerichtet ist, die Antwort auf diese oder jene Frage zu finden, sondern darauf: „Wie entwickele ich diese oder jene Fähigkeit in mir?“ – Die Antworten kommen zu ihrer Zeit. Sie kommen, wenn die Voraussetzungengegeben sind. Dies zu verstehen ist, erkenntnistheoretisch wie lebenspraktisch, von größter Tragweite.

Beispiellos

Wer außer Steiner hat eigentlich in letzter Zeit, etwa in den vergangenen fünfhundert Jahren, so etwas behauptet: dass er neben der üblichen Form der Welterkenntnis noch „eine andere Erkenntnisart“ kenne? Nebst Anleitung, wie jeder diese selbst entwickeln könne.

Ohne Adresse

Steiner empfiehlt immer wieder, man möge sich aneignen, „was die Geistesforschung sagt“. – Die Geistesforschung? Wer ist gemeint? Bezieht sich Steiner überhaupt irgendwo zentral und zustimmend auf andere „Geistesforscher“? Selbst über die theosophischen Vorläufer äußert er sich ambivalent, und auch die indische Spiritualität hält er im Kern für rückwärtsgewandt. – Wenn es gute Quellen sind, warum nennt er sie nicht? Wenn mindere, warum dann der Hinweis?

Nur pauschal auf die Geistesforschung zu rekurrieren, lässt sich schwerlich als transparentes Verfahren bezeichnen.

Keiner von uns

Er hat nicht den Stallgeruch der Epoche. Sie kann in ihm weder ihren eingefleischten Materialismus wiedererkennen noch dessen Spiegelbild, einen leichtfüßigen Anti-Materialismus, eine preisgünstige Spiritualität.

Diese Fremdheit, dieses Nicht-Teilhaben erklärt, dass die üblichen Verarbeitungsmechanismen der Epoche nicht ohne Weiteres Steiners Anschauungen transportieren. Diese müssen sich auf andere Weise durchsetzen.

Selbstverkleinerung

Hat die Anthroposophie womöglich selbst das erlitten, was Steiner sinngemäß dem modernen Christentum vorhält: den eigenen geistigen Anspruch nicht auf seiner vollen Höhe vertreten zu können? Und hat sie nicht auf diese Schwäche ähnlich reagiert, mit einer Fokussierung aufs Ethisch-Praktische? Caritas und Waldorfschulen: In dieser Sprache glaubt man sich noch verständlich machen zu können. Sich durch seinen praktischen Nutzen ausweisen wollen – das bleibt, wenn das Entscheidende fehlt: den eigenen Inhalt zentral zu fassen und in einer Weise zu vertreten, die es mit den dominierenden Mentalitäten aufnehmen kann. Erst dies aber könnte der Praxis ein starkes Rückgrat geben – und den Weg öffnen, um nicht nur eine Nische zu besetzen, sondern einen kulturellen Wandel einzuleiten.

Transit

Ich kenne keine Weltanschauung, die auf den ersten Blick so viele Anlässe zur Skepsis bietet und die man, etwas bösen Willen vorausgesetzt, so schnell abfertigen kann wie die Anthroposophie und mit der man doch, sobald ihr zentraler Ansatz und dessen erklärende Kraft in den Blick kommen, kaum an ein Ende gelangt.

Demut heute

Ein Zeichen für die ernste Größe der Anthroposophie kann man auch darin erblicken, dass nicht wenige Menschen in diesen hochmütigen Zeiten ihr dienenwollen; also nicht nur eine Erkenntniseitelkeit in ihr ausleben (obwohl es das natürlich auch gibt) oder nicht nur eine letztlich austauschbare Lebenszuflucht in ihr suchen (dies auch), sondern sich frei und intelligent in etwas Größeres einordnen, dessen Weltbedeutung sie zu erkennen glauben.

In der Begegnung mit Steiner

Man kann sich ein wenig fühlen wie die spätmittelalterlichen Autoren mit dem Aristoteles. Es ist die Empfindung, etwas Fremdartiges, dem eigenen Denken klar Überlegenes vor sich zu haben, das in ein überzeugendes Verhältnis zu den herrschenden Anschauungen der Zeit zu bringen ist. Dieses Herrschende war damals ein gefühlsgetragenes Christentum, heute ist es eine auf einer bestimmten Ebene festgefahrene Rationalität. Man könnte auch sagen: Die Konstellation hat sich umgekehrt, Aristoteles kommt diesmal sozusagen von der anderen Seite. – Die Herausforderung ist nicht geringer.

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Wolfgang Müller ist Redakteur für Zeitgeschichte beim NDR. Im Internet betreibt er das Blog „Rätsels Bewohner“

 

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