Eindringliches Erinnern | Magazin Info3

Holocaust-Überlebender Robert O. Fisch

„Licht vom Gelben Stern – Funken der Menschlichkeit in der Zeit des Holocaust“: unter diesem Titel hat der Info3 Verlag bereits 2016 zum ersten Mal eine Auswahl von Texten des Holocaust-Überlebenden Robert O. Fisch in deutscher Sprache herausgebracht. Im Umfeld des Gedenktages für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft las nun in Mainz die Staatsschauspielerin Gaby Reichardt in ergreifender Weise aus diesen Erinnerungen.
Robert O. Fisch an seinem 91. Geburtstag. Foto: Info3 Verlag

Schon im Jahr 2016 konnte das Buch von Robert O. Fisch im Info3 Verlag erscheinen, das nach dem Urteil der Süddeutschen Zeitungfür eine neue Form der Holocaust-Bewältigung steht, bei der die ehemaligen Opfer neben dem Schrecklichen des Erlittenen die Möglichkeit des Neubeginns betonen.

Dass es überhaupt zu einer deutschen Ausgabe der Erinnerungen des heute in den USA lebenden Autors kam, ist der Autorin und Übersetzerin Anne Weise zu danken. Sie hatte bereits ein anderes Buch zum Thema, die Biographie des in Auschwitz ermordeten Künstlers Alfred Bergel veröffentlicht, bevor sie in den USA in persönlichen Kontakt mit Robert Fisch kam. Dort hat der gebürtige Ungar einen Großteil seines Lebens als Arzt und Maler verbracht. Robert Fisch erzählt nicht nur bis heute an Schulen von seinen Erfahrungen in der NS-Zeit, sondern verarbeitete sie auch in einer ganzen Reihe von Büchern. Aus diesen erarbeitete Anne Weise zusammen mit dem Autor eine Auswahl für eine Publikation in deutscher Sprache.

Herausgeberin Anne Weise (rechts) mit Gaby Reichardt

Vermittelt durch Richard Steel vom Karl König-Institut in Berlin (der übrigens für die Lesung eigens aus Berlin angereist war), entstand der Kontakt zum Frankfurter Info3 Verlag, wo die Geschichten von Robert Fisch, illustriert mit einer Auswahl von dessen farbigen Bildern, schließlich zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen.

Für die Lesung am 1. Februar hatten die Mitarbeiterinnen der Mainzer Buchhandlung „Erlesenes und Büchergilde“ einen herzlichen Rahmen geschaffen. Dafür, dass sie an diesen Ort gefunden hat, gebührt aber auch dem Historiker Hans Berkessel Dank, der sich seit Jahren für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und die Würdigung des jüdischen Erbes in der Region einsetzt.

Gaby Reichardt und Hans Berkessel

Über eine gemeinsame Freundin des Verlegers Jens Heisterkamp auf das Buch aufmerksam geworden, sprach ihn der Text spontan so sehr an, dass er sich für eine Lesung engagierte, die schließlich in Kooperation mit der Stiftung „Haus des Erinnerns“zustande kam und sogar in das diesjährige Programm des Landes Rheinland Pfalz zum Gedenktag der Opfer der NS Gewaltherrschaft aufgenommen wurde.

Der letzte und für diesen Abend wohl wichtigste Baustein fehlte aber noch: Hans Berkessel stiftete auch den Kontakt zu Staatsschauspielerin Gaby Reichardt, die an diesem Abend aus den Werken von Fisch lesen sollte. Sie hat durch ihr eigenes Familienschicksal wie auch durch ihre künstlerische Arbeit schon immer einen Schwerpunkt bei Werken, die mit Opfern der Judenverfolgung zu tun haben. Insbesondere hat sie sich mit Lesungen zum Werk Anna Seghers einen Namen gemacht.

Gaby Reichardt legte ihr ganzes Können in die intensive Lesung

Gaby Reichardt, als Schauspielerin einem breiten Publikum von der Bühne sowie durch Funk und Fernsehen bekannt, erzählte in Mainz, dass sie schon beim ersten Lesen einen unmittelbaren Bezug zu den Texten von Fisch erlebte.

Für die Lesung hatte sie sich ihren eigenen roten Faden durch die Erinnerungen des Holocaust-Überlebenden gewoben und ließ mit einer zu Herzen gehenden Intensität den dramatischen Lebensweg dieses mit 19 Jahren verschleppten ungarischen Juden lebendig vor Augen treten: die kaum vorstellbaren Brutalitäten der SS, die barbarische Behandlung der Gefangenen innerhalb der Lager Mauthausen und Gunskirchen, die Erschießungen auf den Todesmärschen zwischen den Lagern. „Harte Kost, die ich Ihnen nicht ersparen kann“, so Gaby Reichardt über den Realismus des Grauens. In seinen Erinnerungen bekennt Robert Fisch, dass er die Deutschen – wer könnte ihm das verdenken – wie nichts in der Welt zu hassen begann. Nach der Befreiung aus dem Lager durch die US-Armee kam es jedoch zu einer denkwürdigen Szene: Der völlig ausgemergelte Robert Fisch begegnet einem Deutschen, einem seiner Feinde, der hungernd um ein Stück Brot bittet: „Ich habe mich gefragt, ob ich ihm das Gleiche antun sollte, was seine Leute uns angetan hatten oder ob ich so handeln sollte, wie mein Vater es getan hätte. Ich gab ihm etwas zu essen.“

Gaby Reichardt spricht diese Erinnerungen packend, beinahe beschwörend eindringlich. Ebenso real wie das Grauen tritt aber auch die tiefe Menschlichkeit Robert Fischs hervor. Als sie die Sätze liest: „Ich habe diese Texte geschrieben, weil Gutes selbst aus den schlimmsten menschlichen Tragödien gelernt werden kann“, herrscht tiefe Ergriffenheit im Raum.

Und wenn so Vielen für das Zustandekommen dieses besonderen Abends zu danken war, galt doch der größte Dank dem Autor Robert Fisch, dem alle Akteure am Ende im Geiste in die USA hinüber zuwinkten. Und vielleicht geht die Verbindung von Robert Fisch und Mainz sogar noch weiter: In den anschließenden Gesprächen entstand die Perspektive, die Bilder von Robert Fisch für eine Ausstellung an den Rhein zu holen. Vielleicht ist auch das zu schaffen, wenn wieder viele gemeinsam mitwirken?

Robert O. Fisch: Licht vom Gelben Stern, für das Karl König Institut zusammengestellt, herausgegeben und übersetzt von Anne Weise, durchgängig bebildert mit teils farbigen Werken des Autors, Info3 Verlag 18,- Euro. ISBN 978-3-95779-047-7

 

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