Kind des kalten Krieges

16-02-18 11:09:00,

von Moriz Wahl

Ich erinnere mich noch sehr genau an jenen sonnigen Nachmittag des 26. April des Jahres 1986. Ich war zwölf Jahre alt und spielte mit meiner kleinen Schwester im Garten, als meine Mutter das Küchenfenster im zweiten Stock öffnete und meinen Namen rief. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber der Klang ihrer Stimme, dieser Ausdruck tiefster Sorge, ließ keinen Zweifel daran, dass wir auf der Stelle hochzukommen hatten. Etwas Schlimmes war passiert: Tschernobyl.

Ich will ehrlich sein. Das Datum, ja sogar das Jahr, musste ich googeln. Was ich aber niemals vergessen werde, ist der Terror, mit dem Bewusstsein aufwachsen zu müssen, dass, wenn irgend etwas schief laufen würde, von mir und von allem, was ich kenne und liebe, nicht einmal mehr Asche übrig bliebe. Was mir heute als Terror angedreht wird, wirkt im Vergleich zu diesem Schrecken geradezu harmlos.

Nun, die Geschichte nahm ihren Lauf. Es fiel die Mauer und der Terror des kalten Krieges war vorbei.

Januar 1991. Das Ultimatum an den Irak, aus Kuwait abzuziehen, lief ab. Es würde Krieg geben. Auf Bitten eines Mitschülers sahen wir uns, ich weiß nicht mehr in welchem Fach, einen Videomitschnitt der am Abend zuvor ausgestrahlten Sendung RTL-Explosiv an. Dort lief in der oberen, linken Ecke des Bildschirms eine Uhr rückwärts bis zur Stunde Null. So wie zu Silvester. Noch 12 Sekunden, dann knallen die Sektkorken. Ich empfand dies so geschmacklos, ja

sogar boshaft bis menschenverachtend, dass ich mir nie wieder eine Sendung auf RTL angesehen habe.

Frühjahr 1999. Krieg. Dieses Mal mit deutscher Beteiligung. Dieses Mal in Jugoslawien. Wie konnte es nur so weit kommen? Nur neun Jahre nach dem Ende der Angst vor der völligen Vernichtung trugen wir Tod und Zerstörung in ein anderes Land. Was lief falsch? Ich hatte diese Regierung mit der Hoffnung auf eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt gewählt. Stattdessen: Krieg. Wie konnte ich mich nur so täuschen lassen?

Ein weiterer dieser Tage, an denen etwas passiert und man noch Jahrzehnte später genau weiß, unter welchen Umständen man von diesen Ereignissen erfahren hat, ist der 30. September 2010. Ich war nicht im Stuttgarter Schloßgarten, als Polizisten friedliche Bürger niederknüppelten, um eine zu diesem Zeitpunkt nicht genehmigte Fällung von Bäumen zu ermöglichen.

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