„Was emotionalisiert, funktioniert“

Terrorwarnungen, Gerüchte, die Fake-News-Panik, Spektakel und Skandale in Echtzeit – der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ den kommunikativen Klimawandel unserer Tage analysiert. Dabei ist nicht nur die Art tröstlich, wie er mit brillanter Begrifflichkeit Breschen in den Dschungel der Undurchschaubarkeit schlägt. Er entwickelt darüber hinaus eine praktikable Ethik auf dem Weg zur Medienmündigkeit – und zwar in Anknüpfung an das Ethos eines guten Journalismus. Wie das geht, wollte Jens Heisterkamp von ihm wissen.

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Jens Heisterkamp hat diesen Beitrag am 26. Februar 2018 in Aktuelles gepostet und mit folgenden Tags versehen: 
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen / Foto: Peter-Andreas Hassiepen

In Ihrem Buch schildern Sie das Phänomen der Dauer-Erregung anhand vieler konkreter Beispiele, die Verunglimpfung Hillary Clintons im US-Wahlkampf beispielsweise oder bei uns die Hetze gegen Flüchtlinge. Hat die Verschärfung, die Sie beschreiben, nicht auch eine erkennbare politische Richtung? Lassen sich nicht die meisten dieser Kampagnen auf den Nenner bringen, dass es Symptome einer weltweiten, rechtslastigen und neo-autoritären Entwicklung sind?

Die autoritären Bewegungen und Extremisten sind aus meiner Sicht auf jeden Fall Profiteure der neueren Medienentwicklung, indem sie aus der Schwächung der klassischen Medien Gewinn ziehen. Sie profitieren davon, dass soziale Netzwerke Wut und Erregung als eine Art Treibstoff begreifen. Beispielsweise funktioniert der Empfehlungs-Algorithmus von YouTube aktuellen Untersuchungen zufolge nach dem Prinzip einer systematischen Radikalisierung, es herrscht eine schrittweise Bevorzugung des Bizarren, zu Wut und Empörung Aufreizenden.

Ich sehe nicht, dass eine konkrete politische Agenda dahintersteht, die Algorithmen sind aber so programmiert, dass sie Aufmerksamkeit binden. Und das gelingt vor allem mit Hilfe von Themen, die aufregen. Kurz und knapp: Was emotionalisiert, funktioniert. Populisten unterschiedlicher Couleur sind Profiteure dieser Entwicklung, denn von den klassischen Medien waren sie lange Zeit ausgeschlossen – wer Flüchtlinge als „Invasoren“ bezeichnet, kriegt eben keinen Artikel in einem etablierten Medium unter. Jetzt kann er diese Kriegsmetaphern jedoch auf Facebook streuen. Auch Pegida ist ursprünglich eine Art Facebook-Gründung gewesen.

Stichwort Invasoren: Auch die Community, zu der Info3 gehört, ist nicht frei von solchen Phänomenen. Als es einmal zu einer Kooperation unserer Zeitschrift mitHarald Welzers Plattform der „Offenen Gesellschaft“ kam, bekam ich zu hören, Welzer sei von George Soros bezahlt, und der betreibe die „Umvolkung“ und den Untergang Europas.

Da wird das Ur-Bild vom reichen Juden aufgerufen, der im Hintergrund seinen unheimlichen Dienst tut, die Geschicke der Welt im Verborgenen steuert. Die Naivität spiritueller Menschen im Gebrauch antisemitischer Chiffren und ideologisch fest etablierter, im Zweifel rechtsextremer Denkfiguren ist mitunter einfach erschütternd. Hier braucht es gerade unter den Bedingungen der medialen Transparenz und der Sofort-Sichtbarkeit von Kommentaren und Stellungnahmen eine neue Kraft und Klarheit der Unterscheidung. Und es hat im Blick auf die Reputation einer ganzen Gruppe oder Bewegung überhaupt keinen Sinn, allzu zartfühlend jeden Quatsch als vermeintlich akzeptablen Dialogbeitrag hinzunehmen. Wer hier die nötige Abgrenzung aus falsch verstandenem Harmonieinteresse vermissen lässt, gerät in einen diffusen Assoziationsraum, einen Strudel gefährlicher, leicht kritisierbarer Verwirrtheiten. Und wird dafür womöglich eines Tages eben dafür öffentlich attackiert.

„Ähnliches betreibt auch Präsident Putin wenn er sagt, er wisse nichts von russischen Soldaten auf der Krim“

Neben den medienspezifischen Entwicklungen berühren Sie auch ein wichtiges Meta-Problem, auf das bereits Hannah Arendt in den 70er Jahren hingewiesen hatte, das aber durch die neuen Medien heute enorm verstärkt wird: Ich meine den Versuch, den kategorialen Unterschied von Tatsachen und Meinungen zu untergraben.

Es gibt tatsächlich von Seiten einer korrupten PR-Industrie Bestrebungen, den Total-Zweifel als Propaganda-Waffe einzusetzen, grundsätzlich zu behaupten, es sei immer alles ganz anders als es scheint. Ein klassisches Beispiel dafür war schon der Versuch der Tabakindustrie zu „beweisen“, dass Rauchen nicht gesundheitsschädigend sei, indem man ein eigenes Referenzmillieu durch eigens finanzierte Schein-Experten aufbaute, auf das man dann verweisen konnte. Ähnliches betreiben Donald Trump und seine Freunde heute bei dem Versuch, den von Menschen verursachten Klimawandel zu leugnen. Ähnliches betreibt aber auch Präsident Putin wenn er sagt, er wisse nichts von russischen Soldaten auf der Krim, es sei alles ganz anders als es die Medien berichteten. Und die konventionellen Medien verstärken das dann ihrer eigenen Logik nach oft noch, indem sie sagen, wir brauchen immer auch eine Gegen-Meinung …

…. sonst werden Talkshows ja langweilig!
So wird dann eine Äquivalenz von Positionen suggeriert, die es gar nicht gibt. Das ist die eine Seite der Wahrheitskrise: eine kontraproduktiv gewordene, entfesselte Skepsis, die politischen oder ökonomischen Propagandainteressen dient. Die zweite Dimension: In sozialen Netzwerken regiert eine Art Gleichwertigkeitsdoktrin der Informationspräsentation. Auf dem Smartphone fließt alles Mögliche unterschiedslos zusammen: die bloße Behauptung, das Gerücht, der genau recherchierte Bericht – als handle es sich um völlig zu Recht rivalisierende Wirklichkeiten. Dieser implizite Relativismus ist die wortlose Ideologie digitaler Öffentlichkeit. Wenn man sagt, Öffentlichkeits-Typen verkörpern Erkenntnistheorien, dann würde ich sagen, der Öffentlichkeitstyp der digitalen Welt ist eine zur Grunderfahrung gewordene postmoderne Theorie und eine Ur-Erfahrung des Konstruktivismus. Das ist eine gute Nachricht, insofern sie uns vom Diktum einer Mono-Perspektive befreit und eine schlechte Nachricht, insofern sie die Gleichwertigkeit aller möglichen Perspektiven suggeriert, die so nicht existiert. Kurzum: Auch im Blick auf den Wahrheitsrelativismus der neuen Medienwelten zeigt sich, dass das einfache Entweder-oder-Urteil die Sache nicht trifft.

Hier setzen Sie in Ihrem Buch mit Ihren praktischen Vorschlägen an, vor allem mit dem Ideal einer Kommunikationsgemeinschaft, welche die ethischen Grundsätze guter Redaktionen und eines guten Journalismus verinnerlicht und Informationen nach bestimmten Kriterien prüft und bewertet – Sie nennen das als Ideal die redaktionelle Gesellschaft.

„Lerne aus Irrtümern, um den eigenen Geist zu wappnen!“

Ja, was sich seit dem 19. Jahrhundert als journalistisches Ethos herausgebildet hat, sollte heute zu einem Gegenstand der Allgemeinbildung werden, schon in der Schule. Weil eben heute jeder die Möglichkeit hat, zu senden, muss jeder auch lernen als sein eigener Redakteur zu handeln: Ob und wie soll ich etwas, das ich gesehen habe, veröffentlichen, was soll ich wie teilen, soll ich es kommentieren – habe ich die Quellen geprüft? Das Beispiel des Umgangs mit der Kölner Silvesternacht zeigt, was passiert, wenn man unreflektiert seinen jeweiligen Vor-Urteilen folgt und ein Ereignis strikt danach kommentiert, was man selbst für möglich und wahrscheinlich hält: von den peinlichen Reflektionen über die sexuellen Bedürfnisse junger Männer in der Frankfurter Rundschau auf der einen Seite bis zum Abgesang auf die Ära Merkel und der hysterischen Rede von Massenvergewaltigungen auf der anderen Seite des Spektrums. Schon dieses Beispiel zeigt: Was wir brauchen, ist eine allgemeine Kommunikationsethik, die im publizistischen Handwerk bereits angelegt ist. Prüfe bevor du veröffentlichst! Arbeite wahrheitsorientiert! Höre auf die andere Seite! Sei dir bewusst, dass auch du blinde Flecken hast! Studiere Kontexte! Lerne aus Irrtümern, um den eigenen Geist zu wappnen! Das sind die Maximen eines ideal gedachten Journalismus.

Ein weitere Maxime wäre vielleicht: habe den Mut, auch mal zu schweigen, wenn Du nicht sicher bist. Insgesamt steckt ja in den Maximen, die Sie aufzählen, ein klassischer Tugendkanon: Als höchstes Kriterium die Wahrheit – aber Sie erwähnen auch den Grundsatz, das Wesentliche um Unwesentlichen zu unterscheiden oder die Gegenseite immer mitzubedenken, also eine dialogische Haltung einzunehmen. Sie implementieren also durch einen mehr handwerklichen Ansatz einen ethischen Rahmen.

Und das alles bündelt sich eigentlich in der Schlüsselkompetenz einer Meta-Kognition, der Aufmerksamkeit für die eigene Aufmerksamkeit: Was regt mich an, was macht mich müde, was triggert die Aufmerksamkeit in sinnloser Weise? Wann braucht es Phasen der bewussten Ignoranz äußerer Einflüsse, um die eigene Produktivität zu schützen?

Das wäre vielleicht noch eine eigene Maxime, diese Selbstbeobachtung des Bewusstseins?

Vielleicht das Thema eines eigenen, weiteren Buches. ///

Interview: Jens Heisterkamp. Das ganze Interview erscheint in der Aprilausgabe von Info3.

Bernhard Pörksen:

Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. Hanser, € 22,-.

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