Kriegstreiber mit Geschichts-Amnäsie

15-03-18 11:02:00,

Aktuell beherrscht in den USA die Diskussion die Gemüter, ob Russland mit der angeblichen Einflussnahme auf die US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 eine Kriegshandlung begangen habe. Der Republikaner John McCain und die Demokratin Jeanne Shaheen sprachen beispielsweise explizit von einem „act of war“.

Die New York Times diskutierte sogar, ob dies eine Aggression sei, die mit Pearl Harbor vergleichbar wäre und eine entsprechende militärische Antwort erfordere. Ganz in diesem Sinne äußerten sich auch der demokratische Repräsentant Jerry Nalder und der langjährige Mitarbeiter Clintons Philippe Reines (1).

Der Journalist Glenn Greenwald zitiert noch eine Reihe weitere Politiker und Journalisten, die in den USA in diesem Sinne Stellung beziehen (2). Man ist geneigt, sich etwas verwundert die Augen zu reiben. Zu bizarr wird im 21. Jahrhundert die Auswahl der Kriegsgründe.

Der Pulitzer-Preisträger James Risen präsentiert in The Intercept eine Reihe von Argumenten, dass Russland tatsächlich Einfluss genommen habe, und stellt sogleich in der Überschrift die Frage, ob der US-Präsident Donald Trump ein Verräter sei (3).

In bester Journalistenmanier erschienen auch die überzeugendsten Artikel, die eine Einflussnahme Russlands auf die US-Wahl in Frage stellen, ebenfalls in The Intercept, geschrieben vom Pulitzer-Preisträger Glenn Greenwald (4). Gemeinsam diskutieren sie in diesem Video über ihre unterschiedlichen Ansichten (5).

Geht man einen weiteren Schritt zurück, verwundert es, wie wenig Beweise heute notwendig sind, um mit Säbelrasseln und Kriegsdrohungen zu beginnen. Jede Journalistenschule sollte eine kritische Prüfung der Belege lehren.

Spätestens aber, seitdem im Jahr 2003 mehrere unfundierte Gerüchte ausgereicht haben, um einen Krieg gegen den Irak vom Zaun zu brechen, sollte eine kritische Zurückhaltung zur Selbstverständlichkeit gehören. Insbesondere wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass russische Hacker fast für jeden Missstand in der Welt und jeden missliebigen Wahlausgang verantwortlich gemacht werden. Unmittelbar nach der weltweit schlimmsten Cyberattacke im Jahr 2016 deuteten Sicherheitsexperten wie Bruce Schneier schnell in Richtung Moskau.

Wenig später stellte sich jedoch heraus, dass die Schuldigen drei junge US-Amerikaner waren, die eigentlich das Spiel Minecraft angreifen wollten (6). In einem anderen Fall erhob die Washington Post den Vorwurf, Russland habe das US-amerikanische Stromnetz gehakt. Wenig später musste sie diese Beschuldigung zurückziehen (7). Und nicht zuletzt musste auch der Vorwurf zurückgezogen werden, Russland habe das Computerwahlsystem in 21 US-Bundesstaaten gehakt (8).

Die Krönung dabei stellt allerdings zweifellos die angebliche Einflussnahme auf die deutsche NoGroKo-Kampagne dar,

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