Mythos Nowitschok?

15-03-18 05:45:00,

Symbol für chemische Waffen. Bild: gemeinfrei

Der ehemalige britische Botschafter Craig Murray vergleicht die Kampfstoffkategorie, mit der der ehemalige Doppelagent Skripal vergiftet worden sein soll, mit den behaupteten Massenvernichtungswaffen im Irak

Die britische Premierministerin Theresa May ist sich nach eigenen Angaben sicher, dass russische Staatsakteure hinter der Vergiftung des nach England umgesiedelten ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia stecken. Als Indiz dafür wertet sie, dass Ermittler in einem Pub, das die Opfer besucht hatten, angeblich Spuren von “Nowitschok” entdeckten. Dieses russisches Wort heißt übersetzt “Neuling” und steht für eine Kategorie von mehr als hundert Nervengiften, die dem nach New Jersey übersiedelten wolgatatarischen Chemiker Vil Mirzayanov zufolge seit den 1970er Jahren in einem sowjetischen Programm namens “Foliant” entwickelt worden sein sollen – was Russland im UN-Sicherheitsrat und anderswo bestreitet.

Mirzayanov und dem ehemaligen britischen Chemiewaffenregimentsoffizier Hamish de Bretton-Gordon nach wurde Nowitschok im südrussischen Schichany hergestellt. De Bretton-Gordon zufolge ist (beziehungsweise war) das der einzige Fertigungsstandort, während Mirzayanov sich selbstbewusst der Meinung zeigt, es könne auch jemand gefertigt haben, der sein darüber verfasstes Buch als Anleitung nahm. Eine Fabrik für Düngemittel oder Pestizide würde dazu ausreichen, wie er in seinem Aufsatz Dismantling the Soviet/Russian Chemical Weapons Complex – An Insider’s View behauptet.1

Strukturformel aus Mirzayanovs Buch.

Grafik

: Public Domain

OPCW hat keine Informationen

Theresa May zufolge arbeiten die britischen Behörden derzeit daran, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) eine unabhängige Bestätigung ihrer Ergebnisse zu ermöglichen. Warum diese Bestätigung nicht umgehend vorgenommen wird, ließ die Premierministerin offen. Das ist unter anderem deshalb merkwürdig, weil eine Regierung der internationalen Chemiewaffenkonvention nach eigentlich verpflichtet ist, gefundene Kampfstoffspuren an die OPCW weiterzuleiten.

Als der Guardian bei der OPCW bezüglich eines britischen Hilfsgesuchs anfragte, erhielt er lediglich die Antwort, dass man “im Moment” keine Informationen dazu habe. 2013 war das mit amerikanischen, russischen, deutschen, französischen und britischen Experten bestückte Beratergremium der Organisation in einem Bericht zum Ergebnis gekommen, dass man zu Nowitschok nichts sagen könne, weil es zu wenige verlässliche Informationen dazu gebe und wissenschaftliche Literatur dazu fehle.

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