Lidl lohnt sich!

Auch Lidl stiftet inzwischen Lehrstühle. Wem das wohl nützt?

rubikon.news
Freitag, 16. März 2018, 10:13 Uhr
~2 Minuten Lesezeit
von Christian Kreiß
Foto: Sasun Bughdaryan/Shutterstock.com

 

Der Lidl-Gründer und Eigentümer Dieter Schwarz schenkt der Technischen Universität München 20 BWL-Professuren (1). Wie würde die Öffentlichkeit auf 20 Coca Cola-Lehrstühle für Ernährungskunde reagieren? Oder auf 20 Marlboro-Professuren für Marketing? Haben wir eine Balance of Power bei den Stiftungsprofessuren? Gibt es ein Gegengewicht zu den über 1.000 Konzern-Stiftungsprofessuren? Wie viele Gewerkschafts-, Greenpeace-, BUND-, attac-Stiftungsprofessuren haben wir in Deutschland?

Mit welchen Themen werden sich die Inhaber von Lidl-Stiftungsprofessuren beschäftigen und mit welchen vermutlich nicht? Welchen Stellenwert in Forschung und Lehre werden vermutlich die Themen Fairtrade, Öko-Lebensmittel, faire Arbeitsbedingungen bei Discountern, Gemeinwohlökonomie haben? Wie stark beschäftigt man sich vermutlich mit der Einkaufsmacht gegenüber Landwirten, mit dem Milchpreisdiktat, Eierpreisdiktat, Fipronil, mit den Chancen der Öko-Landwirtschaft und so weiter? Was ist mit der zunehmenden Fehlernährung vieler Menschen, die durch die Discounter und ihr Marketing forciert wird, mit den Stichworten Additive, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Allergien, Diabetes, Übergewicht, Laktoseunverträglichkeit, Glutenunverträglichkeit, ADHS et cetera?

Zu Berufungen auf Stiftungsprofessuren kommen diese Fragen in den Sinn: Wer bewirbt sich darauf? Wer bewirbt sich nicht? Wie viele arbeitgeber- oder gewerkschaftsnahe Kandidaten werden sich bewerben? Wie viele Öko-Interessierte? Die Erfahrungen zeigen, dass ganz überwiegend linientreue Menschen berufen werden, ich kann dies auch aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Eine Kontrolle der berufenen Menschen ist dann im Normalfall nicht nötig, die Forderung nach größtmöglicher Transparenz geht an der zentralen Fragestellung vorbei. Daran ändern auch tadellose „Codes of Conduct“ (Verhaltensnormen) nichts.

Der Vehaltensökonom und Nobelpreisträger Daniel Kahneman zeigt, dass sich die Beeinflussung von Studierenden im Studium für Konzerne stark lohnt. Die Erfahrung zeigt, dass Sponsoring und Beeinflussung von Studierenden einen sehr hohen Return on Investment (ROI) bringen.

Grundsätzlich stellen sich die Fragen: Welches Leitbild haben oder wollen wir? Wer soll entscheiden, was und worüber geforscht und gelehrt wird, welche Professuren in unserem Land eingerichtet werden?

Wer soll über unsere Bildungsinhalte bestimmen? Sollen darüber freie, unabhängige Forscher und aktiv unterrichtende Lehrer bestimmen oder wohlhabende private Geldgeber? Wollen wir zurück ins vorindustrielle Mäzenaten-Zeitalter?

Wollen wir das humboldtsche Bildungsideal verfolgen: Allgemeinbildung, Vollmensch-Bildung, die geistigen Anlagen der jungen Menschen entwickeln? Oder wollen wir unsere jungen Menschen abrichten zu wohldressierten, unkritischen Handlangern der Industrie? So stellt sich zuletzt die Frage: Geht es langfristig um die Menschen oder um Geld? Was wollen wir als Gesellschaft, als Demokratie? Wollen wir eine immer mehr zunehmende Ökonomisierung des Lebens statt Entwicklung von Menschlichkeit?

Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/lehrstuhle-im-ausverkauf


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