Neue Technologie für die Psychotherapie

Heise · by Matthias Becker – 13. März 2018 

 

Pharmafirmen und Wissenschaftler treiben mit Digitaltechnik die Automatisierung der Psychotherapie voran – Teil 2

Der psychotherapeutische Chatbot ist mithin keine neue Idee. Allerdings erreicht er heute in Gestalt von Woebot – “erhältlich bei Facebook Messenger, für iPhone oder iPad und bald auch Android” – zum ersten Mal die Massen. Man mag die Idee einer automatisierten Psychotherapie für albern oder auch für unethisch halten. Sie verbreitet sich jedenfalls gegenwärtig mit Macht und großer Geschwindigkeit. Von der Depression bis zur Zwangsstörung, von der Phobie bis zur Sucht, für jedes psychologische Krankheitsbild entsteht gerade irgendwo eine “Internetintervention”, wie der Fachausdruck lautet.

Der Staat fördert die Forschung für Electronic Mental Health, und die Pharmaindustrie hat die digitale Versorgung von psychisch Kranken als Wachstumsmarkt ausgemacht. An den Universitäten etabliert sich Electronic Mental Health derweil als eigenständige Forschungsdisziplin, mit einem internationalen Verband und Fachzeitschriften.

Diverse Störungen, unterschiedliche Ansätze

Gleichzeitig existiert in der Bevölkerung offenbar eine enorme Nachfrage nach digitaler Unterstützung beim Stressmanagement und der Work-Life-Balance. Wer heute in den App Stores das Stichwort “Seelische / psychische Gesundheit” eingibt, dem werden 300000 Programme angeboten, die gegen Niedergeschlagenheit helfen sollen, zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder für eine bewusste Ernährung. Viele Millionen Menschen nutzen mittlerweile e-Mental Heath. Die meisten Apps richten sich an Depressive, Menschen mit Angststörungen und Alkoholproblemen, etwas seltener an Personen mit Essstörungen. Ein Teil dieser Programme dient lediglich der “Achtsamkeit”. Sie übertragen die Methoden der Selbstvermessung, die wir von den Fitness-Apps kennen, auf Stimmung und Affekte. Sie funktionieren wie ein digitalisiertes (und standardisiertes) Tagebuch und versorgen die Nutzerinnen – tatsächlich handelt es sich überwiegend um Frauen – in regelmäßigen Abständen mit guten Ratschlägen und aufmunternden Worten. Populäre Programme wie “Headspace” oder “7 Minds” sollen das Wohlbefinden steigern.

Allerdings verläuft keine klare Grenze zwischen den Nutzern, die mit den Apps lediglich ihre Laune verbessern wollen, und solchen, die sich tatsächlich hilfsbedürftig und behandlungsbedürftig fühlen. Ein Teil der Angebote richtet sich denn auch an Menschen, die einen echten und starken Leidensdruck spüren. Besonders für diese Zielgruppe gibt es die sogenannten Online-Therapien, die – vergleichbar mit dem sogenannten “Blended Learning” bei den MOOCs -Inhalte im Internet (beispielsweise Lehrvideos auf Youtube und Multiple Choice-Aufgaben) mit regelmäßiger menschlicher Betreuung verbinden.

Bei Internetkursen wie Selkapy oder Novego telefonieren die Patienten beispielsweise pro Woche eine halbe Stunde mit einem Therapeuten. Sie werden unter anderem als Mittel gegen Depressionen, Angst- und Essstörungen vermarktet.

Die Digitalisierung der Psychotherapie nimmt also ganz unterschiedliche Formen an. Das weite Feld lässt sich unterteilen anhand des Automatisierungsgradeseinerseits, anhand der Schwere der Erkrankung andererseits. Dementsprechend reicht das Spektrum von eher spielerischen “Achtsamkeits-Enhancern” und Meditations-Apps bis zu einer engmaschigen Überwachung über das Smartphone bei schweren Suchterkrankungen oder Suizidgefahr.

Entlang der Dimension “Automatisierungsgrad” wiederum reicht die Bandbreite von Gesprächstherapien, die über Skype statt wie bisher in der Praxis eines Therapeuten stattfinden, bis zu Versuchen einer “psychotherapeutischen Vollautomation” mittels Chatbot und Emotionsklassifizierung mittels Sensorik und Software. Die bloße Verlagerung ins Internet ändert an der verausgabten Arbeitszeit aber natürlich nichts (möglicherweise abgesehen von Anfahrtszeiten), so wie das schon bei den MOOCs der Fall war.

“Automatisierung” bedeutet in der Praxis daher vor allem Selbstbedienung, sprich: Die Patienten übernehmen Aufgaben, die früher die Heilberufe ausfüllten. Zu den Online-Therapien zählen dementsprechend viele “angeleitete” und “nichtangeleitete Selbstmanagementinterventionen” (wobei Therapien mit Anleitung in der Regel besser wirken) – die Kranken arbeiten sich eine Lektion nach der anderen durch, wie mit einem Selbsthilfe-Lehrbuch.

 

Heise · by Matthias Becker

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