Sprache und Wirklichkeit – ein schwieriges Verhältnis – www.NachDenkSeiten.de

19-03-18 08:14:00,

19. März 2018 um 16:45 Uhr | Verantwortlich:

Sprache und Wirklichkeit – ein schwieriges Verhältnis

Veröffentlicht in: Gleichstellung, Strategien der Meinungsmache, Wertedebatte

Elisabeth Schrattenholzer

Politische Meinungsbildung braucht klare Sprache, die sich genau auf Wirklichkeit bezieht. Zwei Grammatikformen werden aus diesem Blickwinkel bereits seit Jahrzehnten diskutiert: die Einzahlform mit generalisierender Bedeutung (das „generische Maskulinum“) und diejenigen Mehrzahlformen, in denen ausschließlich Männer genannt werden. Marlies Krämer zieht demnächst vor das Bundesverfassungsgericht, um das Recht zu erkämpfen, von ihrer Sparkasse als „Kundin“ angesprochen zu werden.

Der BGH hat ihr dieses Recht zunächst abgesprochen. Prof. Dr. Elisabeth Schrattenholzer[*] stellt diese Diskussion in einen umfassenderen Rahmen. Sie untersucht die Wirkung auf das Denken: Da wir Sprache, so wie sie ist, als Kinder übernehmen müssen, trainieren wir von Anfang an, einen Teil der Wirklichkeit sprachlich auszublenden. Anette Sorg.

Auch die Logik wird missachtet, wenn Frauen in den Mehrzahlformen nur gemeint sind, aber nicht genannt. Das autonome Denken, so die Ausführungen der Autorin, wird damit erheblich beeinträchtigt. In diesem Zusammenhang widmet sie sich auch der Verwendung von Begriffen wie „postfaktisch“, „der Islam“ und „Identität“.

Die Mehrzahlformen und die Logik

Zwei Autos und zwei Fahrräder sind miteinander vier Fahrräder? Nein. – Zwei Gitarren und zwei Flöten ergeben miteinander vier Flöten? Nein. – Zwei Lehrerinnen und zwei Lehrer zusammengezählt sind vier Lehrer? Nein: Zum einen, weil diese Aussage der Wirklichkeit vor Augen nicht entspricht; zum anderen, weil damit ein Grundgesetz der Logik (und im weiteren Sinn auch der Mathematik und der Wissenschaftlichkeit) aufgekündigt wäre. Ein Teilbegriff einer Menge (Autos und Fahrräder) kann und darf niemals gleichzeitig deren Oberbegriff sein. Der Oberbegriff wäre im ersten Beispiel Fortbewegungsmittel, im zweiten Musikinstrumente, im dritten Lehrkräfte.

Allerdings fordert ein Grammatikgesetz, Logik und Realität zu umgehen, sobald es sich um weibliche und männliche Menschen und ihre Darstellung in Mehrzahlformen handelt. In so einem Fall darf der maskuline Teilbegriff (Lehrer) gleichzeitig Oberbegriff (Lehrer) sein. Die Frauen dürfen sich mitgemeint fühlen. Und nicht wenige Menschen wollen bei dieser Regelung bleiben. Das ist fürs Erste verständlich.

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