Kapitalismus im Kopf

29-03-18 06:32:00,

Das Durchdringen aller gesellschaftlichen Ebenen auf Basis niederschwelliger Botschaften, übermittelt von unverdächtigen Intellektuellen aus den Bereichen Bildung und Beratung, ermöglichte die flächendeckende Verbreitung solcher Botschaften. Ihr Erfolg entwickelte sich langsam, aber stetig. Zu diesem Zweck wurde eine Vielzahl an Problemlösungsstrategien in Form von Tools entwickelt, wie wir sie heute alle kennen. Am Anfang stand das so genannte Neurolinguistische Programmieren (NLP).

In zahlreiche Quellen wird die Verquickung von Wirtschaft, Public Relations und Psychologie mit der neoliberalen Ideologie angemerkt. Dennoch muss man heute mit heftigem Gegenwind rechnen, wenn man Solches behauptet. Aus diesem Grund war es mir wichtig, auf möglichst viele Quellen hinzuweisen und die Frage zu stellen. Hätte sich die neoliberale Ideologie genauso erfolgreich entwickeln können, wenn die Vertreter erziehender und beratender Berufe nicht über Jahrzehnte im selben Geist ausgebildet worden wären und ihn auf scheinbar unverdächtige Weise an unzählige Menschen herangetragen hätten?

Nach den Lehren des Johannes Calvin aus Genf wurden die Menschen von Gott noch vor der Erschaffung der Welt in Auserwählte und ewig Verdammte geschieden. An diesem vorbestimmten Schicksal könne, so Calvin, kein Mensch etwas ändern, weder durch gute Taten noch durch Glauben. Allerdings könne der einzelne Mensch auch nie mit Sicherheit wissen, zu welcher Gruppe er gehört. Daher sei er auf Zeichen angewiesen – und das deutlichste Zeichen dafür, zu den Auserwählten zu gehören, ist laut Calvin wirtschaftlicher Erfolg. Die Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verdammte, wie sie die Johannes-Offenbarung verkündet, wurde auf das Wirtschaftsgeschehen projiziert, göttliche Ordnung und Marktlogik wurden eins (1).

Englische Auswanderer brachten die puritanisch-calvinistische Welt- und Menschensicht in die neuen Kolonien Amerikas, von wo sie sich rasch ausbreitete. Die kirchliche Legitimation der Zweiteilung der Menschen schien logisch, wurde gerne angenommen und war der Ursprung des amerikanischen Kapitalismus. Dieser wurde im Zuge der dritten „Hyper-Globalisierungswelle“ auch bei uns gerne aufgegriffen und mit ihm ein fast religiöses Bekenntnis zur Alleinherrschaft des Marktes als einer Art „Wesenheit“, welche bei Nicht-Einhaltung der Regeln gekränkt reagiert (2).

Positives Denken hatte seinen Ursprung im 18. Jahrhundert als Gegenbewegung zum strengen calvinistischen Protestantismus, in dem das Leben „Auserwählter“ von Zucht und Ordnung durchdrungen war. Der große Durchbruch gelang dem Konzept aber erst zur Zeit der großen industriellen Umwälzungen.

Aus der amerikanischen Tradition heraus waren es Prediger, die erneut die Idee des Positiven Denkens aufgriffen und darin zuallererst eine Erleichterung für ihre Gläubigen sahen.

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