Digitalisierung der Gefühle?

Heise · by Roland Benedikter · April 2, 2018

Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren

An der Innovationsuniversität Stanford in Silikon Valley wird derzeit die Digitalisierung der Gefühle diskutiert. Stanford ist in Informationstechnologie weltweit führend und interpretiert sie als “Befreiungstechnologie” (liberation technology). Forscher stellen seit Januar 2017 den baldigen Zusammenschluss des menschlichen Gefühls mit Technik als unvermeidlich dar – wenn auch nicht notwendigerweise als wünschenswert.

Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren. Beide Entwicklungen sollen sich, so die Absicht, gegenseitig verstärken und im Idealfall vereinigen. Milliardengelder werden investiert, um die technische, ökonomische und menschliche Zukunft kurzzuschließen und damit die sogenannte Mensch-Maschine-Konvergenz zu erreichen.

In der Tat gilt für den Zusammenfluss technischer, wirtschaftlicher und anthropologischer Zukunft – die sogenannte Mensch-Maschine-Konvergenz – die Entwicklung von Computern mit Emotion als wesentlicher Trend. Umgekehrt steht zugleich die Computerisierung von menschlichen Gefühlen im Mittelpunkt. Beide Trends – von Mensch zu Maschine und von Maschine zu Mensch – wirken zusammen und erzeugen zunehmend Austausch. Ein Teil des Spekulationskapitals fließt bereits jetzt in ihren Schnittpunkt – für baldige Verwirklichung in einer Vielzahl von Breitenanwendungen.

Gefühlscomputing

So schilderte etwa Jonathan Gratch, Direktor für “virtuelle Forschung” am Institut für Kreative Technologien der Universität von Südkalifornien, ehemaliger Präsident der Vereinigung für Gefühlscomputing und Forschungsprofessor für Computerwissenschaft und Psychologie, im Januar 2017 zum neuen Mensch-Technik-Hybridfeld des “Gefühlscomputing” (Affective Computing)1.:

Affektives Computing ist ein Forschungsfeld, das darauf ausgerichtet ist, Technologie zu erschaffen, die menschliche Gefühle erkennt, interpretiert, simuliert und stimuliert. [Bereits heute gibt es] reiche interdisziplinäre Verbindungen zwischen computerisierten und wissenschaftlichen Zugängen zum Gefühl. Kann eine Maschine menschliches Gefühl verstehen? Zu welchem Zweck? Und kann eine Maschine selbst Gefühl “haben”, und wie würde sich das auf die Menschen auswirken, die mit ihr interagieren?

Jonathan Gratch

So künstlich und unvermittelt diese Fragen zunächst klingen mögen, so haben sie doch einen weiteren, konkreteren und unmittelbareren Anwendungsfokus, als zunächst vielleicht vermutet würde:

Diese Fragen erscheinen im Kontext sehr verschiedener Domänen, einschließlich Medizin und Gesundheitsversorgung, wirtschaftlicher Entscheidungsfindung und des Trainings zwischenmenschlicher Fähigkeiten. [Was sind zum Beispiel] die Folgen dieser Entdeckungen für die Theorien der Intelligenz, das heisst: welche Funktion hat das Gefühl für die menschliche Intelligenz, und wie könnte das Maschinen zugute kommen?

Jonathan Gratch

Dasselbe gelte für die praktischen Implikationen von (noch zu entwickelnden) “Menschen-Computern”, computervermittelter Interaktion und Mensch-Roboter-Interaktion. Insgesamt mache das laut Gratch eine interdisziplinäre Partnerschaft zwischen den sozialen, den humanistischen und den Computerwissenschaften rund um das Thema Gefühl notwendig.

Gratch versucht – wie inzwischen viele andere -, Computermodelle kognitiver und sozialer Prozesse des individuellen und sozialen Menschen zu entwickeln, darunter vor allem im Bereich des Gefühls. Denn dieses gilt ihm und vielen anderen als das “Innerste” des Menschen – und damit auch das Nächste am “Selbst”-Prozess der Intelligenz. Um wirklich intelligente Maschinen herzustellen – und darum geht es Gratch und anderen letztlich – muss er also, so glaubt er, “Technik mit Gefühlen” schaffen.

Daraus will Gratch zunächst “gefühlsbetonte” Mensch-Computer-“Interaktionen” in künstlichen Umgebungen ableiten. Ziel ist langfristig, Computern Gefühle zu geben, vor allem aber umgekehrt, menschliche Gefühle zu computerisieren – und zwar sowohl zu Zwecken der “Aufbewahrung” von Qualitätserfahrungen wie zu ihrer “Erforschung” und Vervielfältigung zwecks Verkauf.

Man stelle sich vor, so diese Forscher, man könne die inneren Qualitätserfahrungen von individuellen Gefühlen mittels Gehirnimplantaten oder anderen direkten Zusammenschlüssen zwischen Computern und menschlichen Gehirnen wie etwa Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain Computer Interfaces, BCI’s) oder Gehirn-Maschine-Schnittstellen (BMI’s), die heute bereits zum Standard werden, in einem virtuellen, nicht- oder hybridbiologischen Substrat aufbewahren und dann an andere weitergeben! Das wäre das Geschäft des Lebens – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die “Digitalisierung der Gefühle” stößt in erster Linie in diese “Verwertungs”-Richtung vor, obwohl sie vorgibt, an einer Vertiefung von Erkenntnis interessiert zu sein. Gratch hat dazu Zeitschriften wie die “Emotion Review” und das “Journal of Autonomous Agents and Multiagent Systems” gegründet.

Vor allem der Titel des letzteren ist für die Blickrichtung des Gesamtunternehmens entscheidend: Es geht um die Verschmelzung von menschlichen mit artifiziellen, technologischen “Agenten” zu “multiagierenden Systemen” im innersten Bereich dessen, was Menschen als “Selbst” identifizieren: nämlich im Bereich des Gefühls. Dabei wird allerdings die Erfahrung von Ichheit, die beim Menschen im Wirklichkeitsprozess empirisch jedem Gefühl vorausgeht, stark vernachlässigt oder in ihrer Bedeutung für das Gesamtereignis menschlichen Gefühls gar ganz ignoriert.

Als führend im zusammengehörigen Doppelvorhaben: “Computerisierung von Gefühlen” und “Entwicklung von Computergefühlen” gilt das MIT “Media Laboratory on Affective Computing” mit Dr. Rosalind Picard in Boston. Gleichzeitig kennt man heute in der Öffentlichkeit vieles an ähnlichen Bestrebungen, an dem etwa in Militärforschungslabors gearbeitet wird, (noch) nicht, insbesondere nicht, was nicht-demokratische oder autoritäre Mächte wie China oder Russland derzeit auf diesem Gebiet unternehmen. Piccard geht es bei der Digitalisierung von Gefühlen ausdrücklich um die künstliche Trennung von Gefühl und Gedanke. Sie schildert2, dass

nur weil jedes lebende intelligente System, das wir kennen, Gefühle hat, das noch lange nicht heisst, dass Intelligenz Gefühl benötigt. Obgleich Menschen die intelligentesten Systeme sind, die wir kennen, und das menschliche Gefühl eine entscheidende Rolle in der Regulierung und Lenkung von Intelligenz zu spielen scheint, heisst das nicht, dass es nicht einen besseren Weg gibt, diese Ziele in Maschinen zu implementieren. Es könnte möglich sein, dass es so etwas wie ein Steuerrad gibt, das kein präzises menschliches oder tierisches Äquivalent hat, aber etwas wie dieselben Lokomotionsziele verschaffen kann. Es kann sein, dass es ein außerirdisches (alien) intelligentes lebendes System gibt, etwas, dem wir nie begegnet sind, das seine Intelligenz erlangt, ohne irgendetwas wie Gefühl zu haben. Obwohl Menschen die wunderbarsten Beispiele der Intelligenz sind, über die wir verfügen, und obgleich wir wünschen, Systeme zu errichten, die für menschliches Verstehen natürlich sind, sollten uns diese Gründe, menschenähnliche Systeme zu bauen nicht darauf einschränken, sie nur für menschliche Fähigkeiten zu denken.

Rosalind Picard

Mit anderen Worten: Die Computerisierung der Gefühle ist nicht vorrangig für den Menschen gedacht. Und die zweite Aussage Picards: Man will Menschliches auch in nicht-menschlicher Form ein- und umsetzen. Diesen Umschlagspunkt nennt man in der aktuellen Wissenschaft auch “durchdringendes Computing” (pervasive computing).3

Der klar anti-humanistische Charakter der angestrebten Digitalisierung der Gefühle zeigt sich darin, dass sie Menschliches in Nicht-Menschliches überträgt, indem sie Gedanken von Gefühlen zu trennen sucht – und damit beide enthumanisiert. Wenn viele heute bereits davon ausgehen, dass “gefühlsbegabte Maschinen dabei sind, unsere Welt zu übernehmen”4 – und tragischerweise eben mit solcher Prognose ungewollt dazu beitragen, dies Wirklichkeit werden zu lassen, weil analytische Aussagen stets die Wirklichkeit nicht nur abspiegeln, sondern auch mitschaffen -, dann heißt das laut Picard nicht, dass die Gefühle dieser Maschinen menschliche Gefühle sind. Und auch nicht, dass sie nicht bloßer Vorwand oder Schein sind, um den Menschen “das Gefühl” zu geben, sie lebten weiterhin in einer “natürlichen” Welt.

Sie sind in der Konzeption von Forscherinnen wie Picard eher Teil eines “Interaktionsdesigns”5 – also eine Art maschinelle Ersetzung menschlicher Verständigung durch maschinelle Logiken, die den öffentlichen Raum und die Lebenswelt “übernehmen”. Das eigentlich Menschliche, das gerade in der Einheit von Gedanke, Gefühl und Willen (und in der Befähigung dieser Einheit im Ichprozess zu beseelten Gedanken und “denkenden Gefühlen”) liegt, wird hier ignoriert und künstlich aufgetrennt.

Der im Kern negative Charakter dieses Gesamvorhabens wird auch sichtbar, wenn die Autoren einer viel zitierten “Verfeinerungsstudie”6, Sidney D’Mello und Rafael Calvo, beispielhaft für viele andere, die sich heute professionell der Erforschung der Gefühle widmen, schreiben:

Eines der Hauptziele des Affective Computing (AC) ist es, Computerschnittstellen zu entwickeln, die automatisch die Gefühle menschlicher Nutzer aufspüren und auf sie antworten. Trotz erheblicher Fortschritte wurden bisher meist nur grundlegende Gefühle wie Zorn, Ekel und Traurigkeit hervorgehoben, während nicht-grundlegende… wie Aufregung, Langeweile, Konfusion und Frustration… weniger beachtet wurden. Dabei kamen sie bei Versuchen laut systemisch erhobenen Daten bei Generalisierung über Aufgaben, Schnittstellen und Methodologien hinweg fünfmal häufiger vor. Affective Computing wird das berücksichtigen müssen.

Sidney D’Mello and Rafael A. Calvo

Auffällig, dass sowohl die “grundlegenden” wie die “nicht-grundlegenden” Gefühle hier alles negative “Emotione”« sein sollen. Von positiven wie Zuneigung, Selbstlosigkeit, Gewissensimpulsen oder gar Liebe keine Spur. Sie würden ja auch eine Ich-Tätigkeit verlangen. Kombiniert man dies mit Picards Definition, dass “affective computing ein solches Arbeiten mit Computern ist, das sich auf Gefühle bezieht, aus ihnen hervorgeht, oder willentlich Gefühle und andere affektive Phänomene beeinflusst”7, dann scheint das Feld in der Tat in eine “affektive” Wolke gehüllt, die wenig Gutes verspricht.

Zuguterletzt tut sich damit auch eine derzeit noch unübersehbare Breite von Seitenbereichen und -anwendungen des “affective computing” auf – darunter auch ungewollte. Darunter sind neue Formen des Hackings, also eine neue Kriminalität am Überschneidungsbereich zwischen menschlichen Gefühlen, Daten und Sicherheit. Diese Optionen sind nicht mehr Fiktion, sondern bereits sehr konkret. So stellten Betsy Cooper und Steve Weber, Direktoren des “Berkeley Zentrums für Langzeit-Cybersicherheit” (CLTC) der Universität von Kalifornien, ebenfalls im Januar in Stanford ihre Prognosen vor8:

Was wird der Stand der digitalen Sicherheit in fünf und zehn Jahren sein? Wird es ein “Wilder Westen” sein, wo jede Person und Organisation kämpfen muss, um ihre eigenen persönlichen Daten zu schützen? Wird das ‚Internet der Dinge’ so stark in unser Zuhause und in unsere Städte eindringen, dass jeder – jederzeit – unter Überwachung steht? Werden Sensoren intelligent genug, dass sie menschliche Gefühle bestimmen und vorhersagen können – und damit die Tür Cyberkriminellen öffnen, die menschliche Emotion hacken?

Betsy Cooper und Steve Weber

Im Seminar bejahten beide Forscher diese Perspektiven mehr oder weniger uneingeschränkt. Man beachte, dass es laut Cooper und Weber bereits heute nicht mehr nur darum geht, dass Sensoren mittels “lernender” mathematischer Algorithmen menschliche Gefühle identifizieren, sondern darum, dass sie diese vorhersagen und damit vorwegnehmen. Die “Vorwegnahme” von Gefühlen ist eine der bedenklichsten Entwicklungen innerhalb der Bemühung um eine Digitalisierung des menschlichen Gefühls.

Die Tendenz, Mensch und Maschine so zu verschmelzen, dass beide eine angeblich “höhere” Einheit bilden sollen, die der Idee nach den bisherigen Menschen über sich selbst hinaus in einen “höheren” Menschen hineinführen soll, nennt man “Transhumanismus”. Die Perspektiven aktueller “transhumanistischer” Mensch-Maschine-Transformation bestehen hauptsächlich in der Entwicklung künstlicher Intelligenz, damit zusammenspielender “intelligenter”, meist als selbstlernend konzipierter Maschinen und einer neuartigen wirtschaftlichen Verwertungsmechanik menschlicher Grundeigenschaften.

“Digitalisierte Gefühle” humanisieren laut der Propaganda der Forscher, die um Geld für ihre Untersuchungen bemüht sind, die Maschinen. Aber in Wirklichkeit dehumanisieren sie den Menschen, weil sie ihn zu einem Versuchsobjekt und Lieferanten von Ressourcen und Substanzen für Maschinen machen. Für heutige Weltstrategen und transhumanistische Wissenschaftler ist die Frage, ob Gefühle an sich “digitalisierbar” sind oder sein sollen, längst keine mehr. Es geht hauptsächlich um den Folgenutzen, ob, und wenn ja, in welcher Weise Gefühle in digitalisierter Form in Anwendungen umsetzbar sind. Der Forschungsbereich, der heute – mit hoher politischer und sozialer Bedeutung für die Zukunft – affective computing genannt wird, hat selbst offenbar gar keine Gefühle. Denn er bemerkt ihren menschlichen Wert gar nicht.

Die Digitalisierung der Gefühle ist nicht nur ein Nebeneffekt, sondern sogar ein zentraler Baustein der trans-humanistischen Revolution – also einer Offensive von internationalen Kreisen aus Technologie, Wirtschaft und Politik, über den bisherigen Menschen hinauszugehen. Einflussreiche akademische Kreise auch und gerade im Bereich der behavioristischen, angewandten Verhaltenspsychologie erwarten sich vom “emotionalen Verhalten” von Computern und Robotern wichtige Rückschlüsse auf den Menschen – weniger umgekehrt. Sie sehen, wie etwa Harvard Professor Steven Pinker in seinem neuen Buch “Aufklärung heute: Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt” (2018)9, die Digitalisierung der Gefühle geradezu emphatisch als Teil einer nun anstehenden universalen technischen Durchdringung und Verwissenschaftlichung der Innendimension des Menschen, nachdem die äussere, physische Dimension bereits weitgehend erforscht sei. Doch was werden, wenn das Vorhaben gelingt, die gesellschaftlichen und individuellen – und vor allem: was werden die menschlichen Folgen sein?

Die volle Tragweite dieser Entwicklung wird erst sichtbar, wenn man die Ansätze zur Digitalisierung des Gefühls mit anderen »transhumanistischen« Entwicklungen verbindet, die die Gegenwart zunehmend kennzeichnen und zum Teil bereits prägen. Unter den wichtigsten Trends nennt der Futurist Gray Scott in seinem Beitrag “Seven Emerging Technologies That Will Change Our World Forever” neben Transhumanismus auch die Entwicklung vielfältiger Arten von Implantaten zur künstlichen “Fütterung” des menschlichen Gehirns mit “gewünschten” Erfahrungen.10

Darunter könnten künftig auch die Gefühle sein, ginge es nach diesen Forschern. Implantierte (und möglicherweise Variationen synthetisch modifizierter oder veränderter) Gefühle stünden dann neben der Digitalisierung der Gesundheit, der geplanten breiten Einführung von Robotik ins Erziehungs- und Pflegewesen, aber auch den raschen Fortschritten bei der Entwicklung von Maschinen, die “selbstlernend” sehen und hören, wobei der Begriff des “Lernens” hier wohlweislich nie genau definiert wird und extrem breit und unscharf bleibt, um sich nicht in Widersprüche zu verstricken.

Bereits heute sprechen ja viele Benutzer sogenannter “Smartphones” mit “Siri”, einer künstlichen Intelligenz-Hilfe, wie mit einem Gegenüber. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist der Trend zur Direktverbindung mit Maschinen, etwa mittels Chochlea-Implantaten, Seh-Prothesen und “fühlenden” Handprothesen, die in den letzten Jahren laut führenden naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften den Durchbruch erzielten.11 Kein Wunder, dass wir

für den Edinburgher Universitätsprofessor für Robotik, Sethu Vijayakumar, am Beginn eines Prozesses stehen, der völlig verändern wird, wie wir leben und arbeiten, und zwar innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte. “Dieser ganze Zusammenfluss von Robotik, Künstlicher Intelligenz, sozialen Netzwerksystemen und Wissen treibt eine große, neue Revolution”, sagt er. “Zuerst kam das Internet, dann das Internet der Dinge. Sie können sich die heutige Forschung so vorstellen, dass sie diesen Dingen jetzt Arme und Beine gibt.” “Wir müssen in diese Entwicklung investieren… denn wenn wir es nicht tun, wird es jemand anderes machen, und wir werden hinterherhecheln, um aufzuholen.

Fergus Walsh

Das alte Lied: Wir müssen es tun, sonst tun es die anderen. Viele von uns glaubten, derartige “Argumente” seien mittlerweile als primitiv durchschaut und deshalb unmöglich, aber sie sind es offenbar nicht. Die Gefühle sind bei alledem für diejenigen, die die angebliche “große Revolution” antreiben, das Feld, wo sich die transhumanistische Idee der Überwindung des bisherigen Menschen mittels Erweiterung und “Überschreitung” hin zu einem Technik-Mensch-Hybridwesen mit am erfolgversprechendsten abzeichnet und vollzieht – sehr pragmatisch, aber mit potenziell grundlegenden Wirkungen auf unser bisheriges Menschen- und Gesellschaftsverständnis.

Die in Deutschland (unter anderem vom Innovationsdialog der deutschen Bundesregierung unter Angela Merkel, einer an sich sehr ausgewogenen und nachdenklichen Initiative) oft sogenannte Mensch-Maschine-Interaktion ist damit – gewollt oder ungewollt – im größeren, internationalen Zusammenhang auf dem Weg zur Mensch-Maschine-Konvergenz: vom Zusammenwirken zur Verschmelzung von Mensch und Technologie in Hybridformen, von denen noch niemand weiß, was sie sein werden und wohin sie sich entwickeln könnten. Die Erforschung der Digitalisierbarkeit menschlichen Gefühls dient dafür als Scharnier und Motor.

Bei alledem bleibt die eigentliche Expertise und Einsicht in das Thema Gefühl paradoxerweise aber weitgehend außen vor. Üblicherweise werden Gefühle von ihren Trägern als etwas empfunden, was zum Intimsten des Ich gehört – obwohl sie streng genommen der Ich-Empfindung (also der Erfahrung von Ichheit) nachgeordnet sind.

Innerhalb der in der heutigen Rede sehr allgemeinen und diffusen Rede von “Gefühl” besteht ein mindestens vierfacher Unterschied, der zugleich eine qualitativ-ichhafte Abstufung darstellt: zwischen Emotion (von außen), Empfindung (von innen), Gefühl (Ich-Qualität) und höherer Wahrnehmung (subjektiv-objektive Erfahrung des Individuellsten als des Allgemeinsten).

All dies sind “Gefühle”, aber sehr unterschiedlich in ihrer Wirklichkeit und in ihren Wirkungen. Alle vier manifestieren wesentliche qualitative, wenn auch ineinander übergehende Dimensionen von “Gefühl”, deren Unterscheidung für die Erkenntnis des Menschlichen im Menschen zentral sind. Doch selbst solche im Prinzip einfache, altbekannte und vor allem täglich präsente Differenzierungen in der Erfahrung scheinen heutigen Forschern, vor allem aber dem mittlerweile globalisierten gesellschaftlichen Mechanismus aus technologischen, wirtschaftlichen und politisch-kulturellen Interessen, aus dem sie leben, offenbar unbekannt zu sein – oder ihre Einbeziehung gänzlich unwichtig im entstehenden globalen Geschäft mit dem Menschen.

In der heutigen Forschung zur Digitalisierung der Gefühle wird alles auf die unterste Ebene: die Emotion reduziert. Damit droht eine Enthumanisierung der Gefühle – sowohl außerhalb des Menschen durch Schein-Gefühle in Maschinen und Computern, wie im Menschen selbst durch deren Entwertung und Virtualisierung: ihre Umformung zum Tausch- und Kaufobjekt. Wenn junge Menschen, wie manche Stanford-Studenten, heute beginnen, unter dem Einfluss der Forschung ihre Gefühle als Tauschobjekte und als künstliche Artefakte zu verstehen, die ebenso von Computern und Maschinen erzeugt werden können, dann hat Erziehung das Privileg, die Ehre und die Pflicht, dem entgegenzuwirken – und das Gegenteil zu erweisen.

Die gute Nachricht ist allerdings, dass die meisten der am Werk befindlichen Forscher offenbar gar nicht wissen, was Gefühl ist, und was sie da also technisch in transhumane Behälter zu “transformieren” suchen. Das schützt den Bereich, um den es geht, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Die Frage ist allerdings, wie lange, und vor allem: ob nicht gerade dieses Nicht-Wissen mittels “eingreifenden” (intrusiven) Technologien wie Gehirnimplantaten umso schädlichere Eingriffe vornehmen wird, je weniger es von den Innendimensionen des Menschen weiß.

Wo liegt die Perspektive? Eine Erziehungskunst unserer Zeit wird in den kommenden Jahren angesichts der Vorstöße der Naturwissenschaften und Technologien einen besonderen Fokus auf das menschliche Gefühl legen müssen.

Was ist es? Wie hängt es mit dem individuellen Selbst zusammen? Und warum ist es, wie das Ich, das es trägt, durchdringt und überwölbt, ein unantastbarer Teil der Würde des Menschen (was die heutige Forschung völlig ignoriert, womit sie auch die Grundlage der internationalen liberalen politischen Ordnung unterminiert)? Worin unterscheidet sich das menschliche Gefühl vom möglichen rationalen “Selbstbezug” künftig “rationaler”, partiell selbstlernender Maschinen, von denen man in transhumanistischen Kreisen ja erwartet, dass sie um das Jahr 2045-2050 eine Art “Singularität”: das heißt eine Art Selbstbezüglichkeit und damit angeblich auch eine Art “Selbstbewusstsein” im Sinn einer Kombination von Gedächtnis mit antizipativem Verhalten entwickeln werden?

Das sind Fragen, mit denen wir uns in den kommenden Jahren werden auseinandersetzen müssen. Dabei geht es nicht nur darum, humanistisch-menschenorientierte Erziehungskunst zu verteidigen, sondern möglicherweise auch um die historische Chance, sich selbstbewusst mit den neuen “Menschentechnologien” und dem von ihnen gewünschten “Technikmenschen” auseinanderzusetzen, und dabei – über den Umweg der Negativität, jener Kraft, die “stets das Böse will und doch das Gute schafft”, einem vertieften Menschenbild zum Durchbruch zu verhelfen.

Dazu kann die zentraleuropäische Ichphilosophie, etwa in der Tradition des deutschen Idealismus, eine wesentliche Anregung und ein Komplementärbeitrag zu bisher eher einseitig vorherrschenden anglo-amerikanischen Ansätzen sein. Obwohl die heutige “Gefühlswissenschaft” rasch voranschreitet, zu Recht Sorgen bereitet und auch zu Angst berechtigt, sollte die Digitalisierung der Gefühle Anlass zu verstärkt positivem Arbeiten an einem zeitgemässen Menschenbild für die Epoche technologischer Globalisierung und universaler Technologie sein.

Roland Benedikter, Dr. Dr. Dr., geboren 1965, ist Co-Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research Bozen-Bolzano, Forschungsprofessor für multidisziplinäre Politikanalyse in residence am Willy Brandt Zentrum der Universität Breslau, und Affiliate Scholar am Institute for Ethics and Emerging Technologies IEET Hartford, Connecticut. Kontakt: roland.benedikter@eurac.edu.

 

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