Der schmutzige Kalte Krieg der Finanzwelt

Heise · by Rüdiger Suchsland · April 1, 2018

Bad Banks. © ZDF / Ricardo Vaz Palma

 

Mechanik auf hohem Niveau: Christian Schwochows ZDF/ARTE-Sechsteiler “Bad Banks” ist zwar nicht brillant, gehört aber zu den besten unter den deutschen Serien

Bilder in Blau-Grau-Gelb-Grün, pulsierende Musik. Alles beginnt vor der Skyline der Finanzhauptstadt Frankfurt als eine kapitalistische Dystopie: Die deutschen Bankautomaten spucken plötzlich kein Geld mehr aus. Eine Horrorvision: Offenbar hat sich eine Bankenpleite ereignet und in der Bevölkerung greift Panik um sich, weil alle fürchten, ihr Geld zu verlieren. Die TV-Bildschirme zeigen die erwartbaren Politikerreden, in denen zur Besonnenheit aufgerufen wird, auf den Straßen gibt es Demonstrationen, Tränengas wird eingesetzt, Gegenstände fliegen auf Polizeischilder …

Dann sieht man eine junge Frau, die ihr Gesicht durch die Kapuze ihres Jogging-Overalls verdeckt hat. Entschlossenen Schrittes betritt sie durch den Hintereingang einen Bankenturm, geht in ein Großraumbüro, in dem Computerbildschirme flimmern und hektisch die Aktivitäten der weltweiten Finanzmärkte registriert werden. Auch vom Verschwinden eines Politikers, des Leipziger Oberbürgermeisters ist die Rede. Spätestens als unter ihrem Overall ein Businessanzug sichtbar wird, erinnert diese junge Frau gar nicht so fern an “Lena Kroske”, die Hauptfigur der Werbekampagne einer deutschen Geschäftsbank, die “nach 2008” deren Jugend, Weiblichkeit, und vor allem Lernfähigkeit – “es gibt vieles, was wir heute anders machen würden” – visualisieren soll, und diese als “die Bank an ihrer Seite” im Bewusstsein der Bürger neu justieren – Propaganda des neoliberalen Finanzkapitalismus.

Diese Auftaktszenen von “Bad Banks” sind trotzdem nicht der Anfang, sondern fast schon das Ende der Geschichte, die hier erzählt wird. Es folgt ein Sprung zurück auf der Zeitachse: Ein paar Monate zuvor beginnt alles im Finanzparadies Luxemburg. Die junge Frau im Anzug ist, das wird schon in den ersten Minuten klar, die Hauptfigur dieser ZDF/ARTE-Serie, die auf der Berlinale ihre Premiere erlebte. Sie heißt ebenfalls zweisilbig Jana Liekam, ein typischer Ostname – man wüsste gern, ob auch nur eine Investmentbankerin auf dem Niveau tatsächlich Jana heißt, und auch nur ein männlicher Kollege Kevin. Der Name Jana betont noch die ihr angedichtete soziale Aufsteigerbiographie. Sie soll in unserer, des proletarischen Publikums Achtung steigen, weil sie sich alles hart erkämpft hat, weil sie Karriere gegen ihre Biografie gemacht hat, gegen ihre Herkunft. Tut sie das?

Bad Banks. © ZDF / Ricardo Vaz Palma

Jana wird von der Luxemburger Bank, für die sie arbeitet, gefeuert, nachdem sie dem Sohn eines Vorstands die Schau gestohlen hat, und nur Minuten später von einem Headhunter für die Frankfurter “Deutsche Global Invest-Bank” angeworben – ein unerwarteter Aufstieg. Der kommt keineswegs zufällig oder nur aufgrund von Janas Talent, sondern wurde, wie sich noch am gleichen Abend herausstellt, von der Investmentbankerin Christelle Leblanc vermittelt, die im Vorstand von Janas altem Arbeitgeber sitzt, und die man sich als sibyllinische, berechnend-manipulative Strippenzieherin der Finanzmärkte vorstellen muss. Leblancs Agenda bleibt lange Zeit im Hintergrund, doch ist von Anfang an klar: Sie ermöglicht Janas Aufstieg aus eigennützigen Gründen und will für ihre Hilfe Gegenleistungen im schmutzigen Kalten Krieg der Finanzwelt.

Broker-Klischees und schnelle Pulsfrequenz

Nach anfänglichen Schwierigkeiten erlebt die schnelle, kluge, und extrem ehrgeizige Jana einen steilen Aufstieg in der Global Invest. In den ersten drei Folgen lernt man darüber hinaus vor allem ihre Arbeitskollegen Thao und Adam kennen, sowie ihren Chef, den charismatischen niederländischen Investment-Star Gabriel Fenger. Nebenbei werden bereits weitere Figuren etabliert, die für die Zuspitzung der Handlung in der zweiten Serienhälfte entscheidend sind: Die Finanzvorstände der Bank (Tobias Moretti, Jean-Marc Barr), die Fenger wider Willen zum Mitbeteiligten in einem schmutzigen Aktien-Deal machen, der todkranke Leipziger Oberbürgermeister (Jörg Schüttauf), der noch die Erfüllung seines Lebenstraumprojekts erleben will, Janas Luxemburger Ex-Chef Luc Jacoby (Marc Limpach). Parallel wird das Leben dieser Börsenhändler nach allen Regeln der Kunst und des Broker-Klischees entfaltet: Drogen, Nutten, schnelle Autos, daneben Burnout, sexuelle Perversion und ein nichtexistentes Privatleben.

Das ist alles so mechanisch, wie es klingt, aber für eine ruhigere, organische und glaubhaftere Story- und Charakterentwicklung sind sechs Folgen a 50 Minuten nicht genug Zeit – “Bad Banks” ist eine Serie mit schneller Pulsfrequenz, kurzen, prägnanten Szenen, und die Mechanik, von der die Rede war, ist Mechanik auf hohem Niveau. Alles eskaliert gegen Ende, als verschiedene riskante Spekulationen gegeneinander ins Feld geführt werden, und alle sich gegenseitig auszustechen versuchen und läuft auf die bereits zu anfangs skizzierte Bankenkrise zu.

Wie es Regisseur Christian Schwochow und den Drehbuchautoren Lisa Blumenberg (Idee & Produktion) und Oliver Kienle gelingt, diese komplizierte, vor allem abstrakte Materie zu einem spannenden Geldthriller zu formen, ist aller Bewunderung wert. Auch schauspielerisch überzeugt “Bad Banks”: Schwochow mischt bekannte Gesichter wie Shootingstar Paula Beer, Jörg Schüttauf und Tobias Moretti mit Newcomern wie Mai Duong Kieu, Albrecht Schuch (als Janas Kollegen), überraschenden Entscheidungen wie Desirée Nosbusch als Bankerin, und hierzulande Unbekannten wie Barry Atsma (als Gabriel Fenger). Die Erzählweise ist dynamisch, rhythmisch, von vielen Tempiwechseln bestimmt, die Montage verstärkt den Serien-Sog durch paralleles, horizontales Erzählen. Verbunden werden die Ebenen oft durch den geschickten Einsatz der Sichtbarmachung von Textbotschaften. Frank Lamms Kamera taucht die Bankenwelt in eine oft dunkle Stimmung aus kühlem Blau, Gelb und Grüntönen.

Bad Banks. © ZDF / Sammy Hart

 

Zu bemängeln ist am ehesten das Drehbuch. Dass auch die Hauptfigur Jana trotz aller etwas hölzerner Bemühungen der Autoren (einer verkorksten Liebesgeschichte, dem Krebstod der Mutter, ihren Appellen an Teamgeist) auf Distanz bleibt, nicht selten unsympathische Züge hat, ist noch vor allem dem Milieu geschuldet. Aber diese Jana ist eben auch eine hysterische Ziege und überehrgeizig. Soll sie einem sympathisch sein, diese Heuschrecke?

Es wird zusätzlich erschwert durch die Besetzung mit der Schauspielerin Paula Beer, die zwar augenblicklich recht gehyped wird, aber doch immer eine Distanz ausstrahlt, die es mühsam macht, sich mit ihr emotional zu verbinden. Beer hat etwas grundsätzlich Steifes, Reserviertes, dabei nie Geheimnisvolles. Eine bürgerliche Schnepfe. Es wirkt als sei sie arrogant – was wohl her eine Fehlwahrnehmung ist. Erotik, also Faszination zwischen Zuschauer und Darsteller mag auch nicht aufkommen, zumal Beer nie wie eine Frau, sondern wie ein kleines Mädchen, dass es an den falschen Ort verschlagen hat. Allen Figuren aber fehlt es letztlich an Raffinement und Doppelbödigkeit. Sie sind in ihren Handlungen und ihrer Position auf der Gut-Böse-Achse zu klar gefasst. Am ehesten gelingt es noch Investment-Chef Gabriel, im Unklaren zu bleiben und immer wieder zu überraschen, während die Entwicklung der anfangs als “schurkisch-eisige Asiatin” eingeführten Thao früh zu erahnen ist.

Auch der Westentaschen-Machiavellismus der von Desirée Nosbusch gespielten Christelle Leblanc würde keine Aufsichtsratssitzung überstehen – ein Hauch von “Guldenburg”-Intrigenstadl in der betonharten Finanzwelt. Da hilft es auch nichts, wenn man Scorsese gesehen hat.

So bleibt alles schematischer und klischeebestimmter, als es sein könnte, und der Blick des Zuschauers auf Distanz – die Gefahr, dass einem diese Bankenwelt plötzlich ebenso vertraut und sonderbar sympathisch erscheinen würde, wie die Werbeszene seit “Mad Men”, besteht nicht. Das mag auch daran liegen, dass das Privatleben der Figuren nur am Rande auftaucht, wie eine Pflichtübung.

Gut funktioniert “Bad Banks” als so treffendes wie funkelndes Portrait eines Milieus, in dem täglich Milliarden über den Tisch gehen, in dem über Katastrophen gejubelt wird, weil man einen passenden Risikofonds im Portfolio hat, in dem Geld anderes Geld kauft, in dem Kreativität bedeutet, “strukturierte Finanzprodukte” zusammenzubasteln, die so kompliziert sind, dass das Gegenüber nicht mehr merkt, wie ihm das Geld aus der Tasche gezogen wird, in dem das geschickte Bluffen und ökonomisches “Storytelling” an der Tagesordnung ist, und in vor allem jeder unter immensem Dauerdruck steht.

Ästhetisierung statt Kritik

Zehn Jahre nach der Pleite der Lehman Brothers Bank und der vorläufig letzten von einer Handvoll größerer und kleiner Finanzkrisen der vergangenen drei Jahrzehnte ist “Bad Banks” parallel auf zwei Ebenen interessant: Als ein Beitrag zu den Themen Bankenkrise, zum neoliberalen Weltbild, der Kultur des Finanzmarkts in Deutschland und damit zur Ästhetik und Ästhetisierung des Kapitalismus. Und als die neueste Antwort auf die nicht mehr ganz neue Frage: Kann auch in Deutschland eine Fernsehserie produziert werden, die mit dem Niveau amerikanischer Vorbilder oder zumindest mit dem bedeutender europäischer TV-Serien der letzten Zeit – “Borgen” aus Dänemark wäre hier ebenso zu nennen, wie die französische Serie “Les Revenants” – mithalten?

Die Kultur der Finanzszene schildert “Bad Banks”. Nicht ohne Faszination, kritisch nur dann, wenn man bestimmte Werte bereits voraussetzt – von ihnen zu überzeugen, das versucht “Bad Banks” nicht. So bleiben die wahren Opfer der hier vorgeführten Finanztransaktionen völlig ausgeblendet, langfristige Folgen dieser Geschäfte kommen auch am Rand nicht zu Sprache. Das Unangenehmste, das hier passiert ist eine Entlassung ohne Abfindung und eine zerbrechende Ehe. Umgekehrt fehlt auch jede sardonisch-sarkastische Ironisierung a la “Mad Men”.

Stattdessen verfällt “Bad Banks” immer wieder der Faszination für seinen Gegenstand: Für Drogen, Sex, schnelle Autos, tolle Appartments und das viele Geld. Manchmal beschleicht einen der Eindruck, als bebilderten hier die Macher auch eigene Wunschphantasien.

Aber was genau geht wirklich in einem Banker vor, der in kürzester Zeit Millionen in riskante Kredite steckt? Geht es nur um Gier und Geschäft? Geht es um die berühmten “Kicks”? Das mag schon alles sein. Vielleicht ist es aber auch viel banaler und es ist einfach ein alltägliches Handwerk, dass man besonders gut beherrscht – vielleicht lässt der ständige Stress auch weniger Raum für ekstatische Gefühle, als es sich Außenstehende gern vorstellen. Schließlich sollte man nicht unterschätzen, in welchem Maß Manager der eigenen PR mit ihrem hohem Ton von “Verantwortung” und “dem Blick für das Ganze” verfallen.

Marc Bauder mit seinem Dokumentarfilm “Master of the Universe” von 2013 und dann dem Spielfilm “Dead Man Working” ist solchen Fragen näher gekommen, als Bad Banks”. Und Christoph Hochhäusler gelang es mit “Unter Dir die Stadt”, im Charakter seiner Managerfigur gleichzeitig das Romantisch-Utopische wie das Zombiehafte einer ganzen Kaste aufscheinen zu lassen.

Es ist insofern noch “Luft nach oben” im deutschen Film. Christian Schwochow gelingt mit “Bad Banks” eine spannende, in vielem überzeugende Serie, die es vermag, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, und der man einen Fortsetzung wünscht. Zugleich gilt: Auch ein langer Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Der deutsche Film sollte sich also jetzt nur nicht berauschen an den eigenen Fähigkeiten, sich nicht zu schnell und zu sehr auf die Schultern klopfen, weil ihm eine anständige, souverän erzählte Serie geglückt ist, die zu den besten deutschen Serien gehört, und sich hinter ausländischen Konkurrenten nicht verstecken muss. Es gibt auch keinen Grund, diese Serie als “brillant” zu bezeichnen, so als sei das alles nicht mehr steigerungsfähig, als habe man nicht schon Besseres gesehen.

“Bad Banks” lief Anfang März auf ARTE und dann im ZDF. Derzeit als DVD und auf manchen Online-Plattformen erhältlich.

(Rüdiger Suchsland)

Heise · by Rüdiger Suchsland · April 1, 2018

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