Innere Revolution

Wenn wir erkennen, was uns wirklich fehlt, verändern wir die Welt.

rubikon.news
Samstag, 31. März 2018, 11:21 Uhr
~5 Minuten Lesezeit
von Kerstin Chavent
Foto: lovelyday12/Shutterstock.com

 

Umweltschutz beginnt im Innen und bei dem Verhältnis, das wir zu uns selbst haben. Alle äußeren Maßnahmen, so gut und sinnvoll sie auch scheinen, können nicht greifen, wenn wir nicht in Kontakt mit unserem Inneren treten, auch mit der inneren Leere, die wir vergeblich mit allen möglichen Konsumgütern und Ablenkungen zu füllen versuchen. Im Erkennen dessen, was uns wirklich fehlt, liegt das Potential für einen grundsätzlichen und dauerhaften Wandel.

Erneuerbare Energien, biologischer Anbau, Aufarbeitung von Wertstoffen, Pfandsysteme – was den Schutz der Umwelt angeht, steht Deutschland trotz deutlicher Rückschritte in der angekündigten Energiewende im Vergleich zum Rest der Welt immer noch weit vorne. Viele Initiativen setzen sich für die Natur ein. Niemals zuvor gab es so viele Menschen, die sich für die Bewahrung und den Schutz des gemeinsamen Lebensraumes engagieren.

Das mag auch daran liegen, dass es den Menschen in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen Menschen in der Welt verhältnismäßig gut geht. Wir müssen uns in der Regel keine Gedanken darüber machen, wo wir heute Nacht schlafen und morgen unser Essen herbekommen. Wir haben Zugang zu Trinkwasser und Energien, die uns wärmen und uns helfen, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Wir werden im Bedarfsfall medizinisch versorgt und müssen nicht fürchten, in den nächsten Stunden niedergeschossen oder vergewaltigt zu werden, unsere Familien und Freunde oder unser Hab und Gut zu verlieren. Dass wir vor diesem Hintergrund eine Art Vorreiterrolle in Sachen Energiepolitik und Umweltschutz einnehmen, ist nur allzu einleuchtend.

Verschieben der Verantwortung

Doch es regt sich Überdruss: Sollen die anderen sich doch auch erst einmal so anstrengen wie wir und so weit kommen. Schließlich können wir nicht die Probleme der ganzen Welt lösen! Mit dem Finger auf jene zu zeigen, die ebenfalls von dem Kuchen abbekommen wollen, von dem wir seit Langem essen, ist ein Zeichen dafür, wie wenig wir die Zusammenhänge begriffen haben. Denn die Tatsache, dass es uns in materieller Hinsicht so gut geht, hängt ja damit zusammen, dass es anderen schlecht geht. Wo auf der einen Hälfte des Globus sehr reiche und auf der anderen sehr arme Menschen leben, zahlen die einen immer für die Bequemlichkeit der anderen.

Wenn andernorts keine Menschen versklavt würden, könnten wir hier keine billigen Klamotten, Gadgets und Vergnügungen aller Art erstehen. Diese Menschen sind die Sklaven unserer Zeit. Sie haben nicht dank unserer Konsumbegierden einen Job und ihr Auskommen. Sie gehen daran zugrunde, dass wir ständig etwas Neues kaufen. Die Frage, wie wir uns im Sinne eines umfassenderen Kontextes engagieren und zur globalen Lösung unserer Probleme beitragen können, muss daher weiter gehen als das Einkaufen im Bioladen und Trennen von Müll.

Ersatzbefriedigungen

Jeder von uns müsste sich darüber klar werden, warum er eigentlich ständig etwas einkauft, was er eigentlich nicht braucht und was ihn letztlich krank und fett macht. Wir brauchen ein Dach über dem Kopf, warme Kleidung, Luft zum Atmen und etwas zu essen und zu trinken. Wenn diese Grundbedürfnisse erfüllt sind, brauchen wir das Gefühl von Sicherheit, von Verbundenheit und Anerkennung. Wir brauchen es, uns nützlich zu fühlen. Wir brauchen Sinn. Bleiben diese Bedürfnisse unerfüllt, versuchen wir, sie uns zu ershoppen, und geben uns der Illusion hin, unseren Durst so eine Weile stillen zu können.

Daran, in welchem Ausmaß eine Gesellschaft konsumiert, lässt sich ablesen, wie tief die innere Leere sein muss, an der ihre einzelnen Mitglieder leiden. Es ist dieses Gefühl von Mangel, das unsere Zivilisation in die Zerstörung treibt. Je mehr uns das Gefühl der inneren Leere plagt, desto größer wird unser Bedürfnis, sie mit allem möglichen Ballast zu füllen, und sie so zumindest einen Moment lang nicht mehr zu spüren.

So liegt die Wurzel des Übels, das uns kollektiv in die Enge treibt, tief im Wesen jedes Einzelnen verborgen. Wie ein feiner Nerv durchzieht es unser Handeln und lässt uns nicht eher zur Ruhe kommen, bis wir die Ursache gefunden haben. Solange wir uns nicht fragen, wonach es uns in unserem Sein wirklich dürstet und hungert, so lange wird sich an den Problemen, die unsere Zivilisation mit sich bringt, nicht wesentlich etwas ändern.

Der innere Garten

Mich hat eine Krebserkrankung dazu gebracht, meine innere Leere zu erforschen. Seitdem gärtnere ich. Ich schaue nach, was dort in meinem Inneren wächst und wie es aussieht. Ist etwas ganz trocken und muss gegossen werden? Muss etwas ausgezupft, ans Licht gebracht, beschnitten, umgegraben, neu ausgesät oder geordnet werden? Jeder Zustand und jeder Vorgang hat seine Nützlichkeit. Doch eines ist sicher: Diese Gärtnerarbeit kann nur ich machen. Niemand anderes kann sie für mich übernehmen, auch wenn ich mir bisweilen Hilfe hole, um mich anders zu orientieren oder um Kräfte zu sammeln. Nur dann, wenn ich in mir einen friedlichen und fruchtbaren Garten erschaffe, kann ich wirklich dazu beitragen, dass sich auch in meiner Umgebung etwas zum Besseren wendet.

Wenn wir in uns dafür sorgen, dass es uns gut geht, wenn wir uns innerlich angenommen fühlen, verbunden und geborgen, wenn wir unsere inneren Wüsten annehmen, dann kann sich auch im Außen etwas ändern. Wir müssen dann nicht mehr darauf aus sein, das innere Gefühl des Mangels durch Ersatzbefriedigungen zu stillen. Wenn wir verstehen, dass es grundsätzlich ja immer nur darum geht, dass wir uns respektiert, anerkannt, geliebt und mit den anderen und der Welt verbunden fühlen, dann können wir uns daran machen, auch im Außen für dauerhafte Lösungen zu sorgen.

Neues Gleichgewicht

Wenn wir begreifen, dass in jedem Garten alles einem Zyklus folgt und dass alles miteinander zusammenhängt, werden wir keinen Müll mehr produzieren, die Natur nicht mehr zerstören und unsere Nächsten nicht mehr unterdrücken und ausbeuten. Alle werden von dem Kuchen essen können, den wir zusammen zubereiten. Es wird nicht mehr nur bei oberflächlichen Maßnahmen bleiben. So kann sich unsere Welt von innen heraus tatsächlich ändern. Wie selbstverständlich wird aus der inneren eine äußere Ökologie erwachsen, die schließlich jede Art von Mangel überwinden kann.

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