Der Nicht-Mord

12-04-18 01:44:00,

Am 28. März gelangte das Handout der britischen Regierung, das befreundete Länder von der Schuld Russlands am Mordversuch an Ex-Spion Sergej Skripal und seiner Tochter überzeugen sollte, an die Öffentlichkeit (1). Spätestens auf dem Slide mit den Belegen für die neue Aggressivität Russlands reibt man sich bei der kurzen PowerPoint-Präsentation jedoch die Augen. Wenn ein Praktikant diese Liste erstellt hätte, würde man ihm freundlich raten, das nächste Mal besser zu recherchieren. Dass dies eine offiziell abgesegnete Liste ist, macht hingegen sprachlos. Ebenso sprachlos macht auch, dass befreundete Regierungen bei Ansicht der Liste nicht vom Stuhl gefallen sind.

Eine Reihe von Ereignissen, für die Russland hier verantwortlich gemacht wird, sind schlicht nicht bewiesen, wie beispielsweise der Hack des deutschen Bundestages. Spätestens aber bei der Erwähnung der Invasion Georgiens im August 2008 sollte jedem Politiker in der EU etwas auffallen. Schließlich hat niemand anderes als die Europäische Union 2009 einen Untersuchungsbericht veröffentlicht, der nachwies, dass der georgische Präsident Saakaschwili diesen Krieg begonnen hatte (2).

Auch die Auflistung des Abschusses der MH-17 im Juli 2014 sollte jedem Sachkundigen negativ aufstoßen. Bis heute dauert die internationale Untersuchung an, wobei die neueste Wendung ist, dass der Chefermittler nun die Möglichkeit eines unbeabsichtigten Abschusses in Erwägung zieht. Von einer Schuldzuweisung an Russland ist die dreijährige Untersuchung offenbar noch weit entfernt (3).

Für die britische Regierung wurde es etwas ungemütlich, als Gary Aitkenhead, Geschäftsführer des Defence Science and Technology Laboratory in Porton Down, sich konkret zur Identifizierung des Nervengases äußerte. Erstaunlicherweise sprach Aitkenhead davon, dass das benutzte Nervengas „Nowitschok oder aus der Familie“ sei. Die Wissenschaftler könnten nicht das Herkunftsland ermitteln, „aber die Regierung behaupte, Geheimdienstinformationen zu haben“, die die Russen identifizierten. Zur Herstellung sei eine hochkomplexe Methode notwendig, die „vielleicht nur in den Fähigkeiten eines Staates liegt“ (4).

Selbstverständlich berichtete die Presse ausführlich über diese Aussage und die Tatsache, dass Russland nicht eindeutig von den Wissenschaftlern als Herkunftsland des Nervengases identifiziert werden konnte. Der Ton wurde sachlicher, aber fast alle Medien verwässerten die Aussage, indem sie Nowitschok als eindeutig identifiziert erklärten, während Aitkenhead sich bewusst vager ausgedrückt hatte. Ebenso wurde das entscheidende Wort „vielleicht“ vergessen, das die Aussage einschränkt, nur ein Staat käme als Täter in Frage (5). Diese wichtige Einschränkung korrespondiert auch in gewisser Weise mit der Aussage David Collums, Chemie-Professor an der Cornell Universität,

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