Wir brauchen eine GmuK!

14-06-18 08:54:00,

Gehen wir von einem konkreten Beispiel aus: Ein Druckergeselle beschließt, sich selbständig zu machen, legt seine Meisterprüfung ab und kauft von seinem ersparten Geld eine bescheidene Druckmaschine in Wert von, sagen wir, 50.000 Euro. Es gelingt ihm, gleich zu Anfang ein paar gute Kunden zu gewinnen, deren Aufträge er zur Zufriedenheit ausführt. Qualität und Zuverlässigkeit seiner Leistung sprechen sich herum; er bekommt immer mehr Aufträge. Mit dem verdienten Geld kann er sich weitere Maschinen kaufen, eine Halle bauen und mehr Mitarbeiter einstellen. Das Unternehmen ist gesund; der Unternehmer U. kann sich, anders als am Anfang, ganz erkleckliche Privatentnahmen leisten. Auch die Mitarbeiter werden, nach einem alten Motto, mit gutem Geld für gute Arbeit überdurchschnittlich entlohnt. 30 Jahre später weist die Bilanz ein Anlagevermögen von, sagen wir, fünf Millionen Euro aus, die weitgehend aus dem laufenden Haushalt bezahlt worden sind. U. ist nach vielen Jahren engagierten Einsatzes ergraut und will sich, nachdem er einen Nachfolger eingearbeitet hat, aus dem Geschäft zurückziehen.

So weit, so gut. Die Entwicklung der Druckerei hat allen gedient: den Kunden, dem Unternehmer selbst, den Lieferanten und nicht zuletzt den Mitarbeitern und deren Familien.

Wie soll dieses Unternehmen nun an einen verantwortlichen Nachfolger überführt werden? Sicher, der Alt-Unternehmer könnte es nach gängigem Recht verkaufen. Gehört ihm aber das Unternehmen im Wert von fünf Millionen Euro allein? Gerecht wäre doch – und an dieser Stelle folge ich Rudolf Steiners Ausführungen in seinem Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ von 1919 – wenn U. seine 50.000 Euro herausnehmen würde, vielleicht sogar verzinst, dann wären das heute etwa 200.000 Euro. Was aber ist mit den anderen 4,8 Millionen? Hat er die alleine  verdient? Sicher, er hat einen erheblichen Teil – mit seinem Mut, seinem Organisationstalent und seinem wirtschaftlichen Weitblick – dazu beigetragen. Aber was ist mit den Kunden, die letztlich das Geld in die Druckerei getragen haben? Was mit den Mitarbeitern, die sich ebenfalls in ihrem Rahmen engagiert haben? In den besagten „Kernpunkten“ lese ich, dass der entstandene Unternehmenswert, das Betriebskapital also, eine gesellschaftliche Errungenschaft ist, an welcher der Unternehmer und die Mitarbeiter ebenso mitgewirkt haben wie die Jahrtausende währende Kulturentwicklung, ohne die weder Papier noch Druckmaschinen möglich wären. Wieso soll nun ausgerechnet der eine Unternehmer, der ganz am Ende dieser Reihe steht, das Unternehmen verkaufen und den Ertrag einstecken können?

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