Der «Deal» von Singapur: Ein Déjà-vu?

16-06-18 08:53:00,

«Raketenmann auf Selbstmordmission» und «geistig verwirrter seniler Greis» beim Händeschütteln

Peter G. Achten / 16. Jun 2018 –

Trump und Kim: Händeschütteln, Lächeln, Unterschreiben. Medien hyperventilieren. Der hysterische Live-Stream meldet «Historisches».

«Wir haben», so der «geliebte Führer» Nordkoreas, «die Vergangenheit hinter uns gelassen und ein historisches Dokument unterzeichnet. Die Welt wird eine grosse Veränderung erleben.» Kims neuer Freund, US-Präsident Donald Trump, liess sich nicht lumpen: «Die Vergangenheit muss nicht die Zukunft definieren …. Gegner und Feinde können Freunde werden.» Trump fügte locker hinzu, dass «wir zwei uns noch oft begegnen werden».

Wenig Konkretes

Die nur 400 Wörter umfassende Vereinbarung von Singapur enthält, wie praktisch alle Experten, Diplomaten und Kommentatoren in Ost und West feststellen, viel Allgemeines und wenig Konkretes. Doch bei der Interpretation gehen die Meinungen weit auseinander. Insgesamt eher negativ urteilen Fachleute und Medien im Westen. In Asien dagegen urteilt man pragmatischer und geht von einem längeren Prozess aus. Präsident Trump übrigens hat bereits eine Woche vor dem Gipfel von einem «längeren Prozess» nach Singapur gesprochen. Das jedoch wurde in den westlichen Medien kaum erwähnt. Kein Wunder, denn es passt nicht in das übliche Trump-Bild eines narzisstisch getriebenen, egogesteuerten, völlig unvorhersehbaren Dealmakers Trump.

Flop?

«Der Raketenmann auf Selbstmordmission», der «Wahnsinnige» – so Trump über Kim im letzten Jahr – und der «geistig verwirrte senile Greis», der «Gangster» – so Kim über Trump 2017 – jedenfalls haben während ihres, trotz Zeitmangel gut vorbereiteten, Gipfels einen kaum vorhersehbaren Schritt getan. Der renommierte Nordkorea-Experte Andrei Lankow, er hat in Pjöngjang studiert und ist heute Professor in Soeul, kommt dennoch zu einem vernichtenden Urteil: «Wir hatten einen Flop erwartet, aber das ist noch ein grösserer Flop als alles, was wir uns ausgemalt haben.» Konstruktiver reagiert Gastgeber Lee Hsien Loong, Singapurs Premierminister. Das Treffen Trump-Kim sei «eine entscheidende erste Begegnung auf der langen Reise hin zu einem nachhaltigen Frieden und Stabilität auf einer denuklearisierten koreanischen Halbinsel». Auch Südkoreas Präsident Moon Jae-in sieht den Singapur-Gipfel eher positiv. Er sei «erfreut», und ähnlich wie Trump meint er, «es liegen wohl noch zahlreiche Schwierigkeiten vor uns».

«Denuklearisierung»

Der Grund der unterschiedlichen Beurteilung und der divergierenden Wahrnehmungen des Gipfel-Ergebnisses ist jener Teil der Vereinbarung, der sich mit der «Denuklearisierung» beschäftigt. In dem von Kim und Trump im Scheinwerferlicht der Medien unterzeichneten Dokument heisst es: «Der Vorsitzende Kim Jong-un hat sein starkes und unerschütterliches Engagement für eine komplette Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel bestätigt.» Wie bereits Trump im Gespräch mit Kim hat US-Aussenminister Mike Pompeo zwei Tage nach dem Gipfel erneut eine «komplette,

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