Unwertes Leben 2.0

20-06-18 09:27:00,

In Brandenburg-Görden wurde im Oktober 1939 die erste „Kinderfachabteilung“ eingerichtet.

Drei Jahre später, am 1. Oktober 1942, wird hier der elfjährige Horst aufgenommen, „vorläufige Diagnose“: „Organisches Gehirnleiden mit erheblichem Hydrocephalus – also Wasserkopf“ (1). Horst kann sich selbständig aufrichten und den Kopf halten, aber nicht gehen oder stehen. Beim Intelligenz-Test nach Binet-Simon antwortet er recht korrekt: „die Gabel sei zum Essen, der Stuhl zum Sitzen, das Pferd zum Reiten und der Soldat zum Aufbauen“ (2). Er ist „voll orientiert, kennt die Personen seiner Umgebung mit Namen, erfaßt den Tagesablauf“, weitere Untersuchungen attestieren ihm „eine leidliche oder sogar gute Auffassungsgabe“ (3). Danach wird Horst gefragt: „Was ist der Wehrmachtsbericht?“ Seine Antworten werden protokolliert:

„(Was ist der Wehrmachtsbericht?) Da sagen sie an, der Feind war mit wenigen Flugzeugen in Westdeutschland … (Warum sagt man das?) Guck mal, die müssen doch ansagen, wann der Krieg zu Ende ist … (Wer sind unsere Feinde?) – – – (Engländer?) Ja. (Die Russen) Hu, wenn ich die schon sehe, – – habe doch Angst. (Warum?) Da wird alles zerschossen … (Warum ist Krieg?) Das weiß ich auch nicht, warum. (Warum schießen sie dann?) – – – Ich werde mal meine Mutti fragen, wie lang der Krieg noch dauert“ (4).

In den folgenden Wochen wird Horst so häufig Tests unterzogen, dass er manchmal nicht mehr mag. Wenn der Arzt dann mit dem Rohrstock droht, macht Horst wieder mit. Am 5. Januar 1943 erfolgt eine letzte Überprüfung von Horsts Gesundheitszustand. Der Bericht schließt mit: „Lungen ohne Befund“ (5). Am 12. Januar diktiert der zuständige Arzt, Dr. Schumann, das Todesurteil:

„Es handelt sich bei dem Patienten … ganz eindeutig um ein schweres organisches Zustandsbild … In neurologischer Hinsicht steht im Vordergrund die spastische Lähmung beider Beine. Der Patient kann weder gehen noch stehen und ist dadurch völlig pflegebedürftig. Auf psychischem Gebiet befindet sich neben einem erheblichen Intelligenzmangel (Intelligenzalter von 5,8 Jahren bei einem Lebensalter von 11,5 Jahren zur Zeit dieser Untersuchung) eine organische Demenz (schwerste Mängel der Konzentrationsfähigkeit usw.). Mit einer irgendwie nennenswerten Besserung dieses Zustandsbildes ist keinesfalls zu rechnen. Die Anleitung selbst zu einfachsten Beschäftigungen oder irgendeine sozial noch verwertbare Betätigung wird bei dem Patienten niemals möglich sein. Eine Behandlung im Sinne des Erlasses des R(eichs)M(inisterium) d(es) I(nneren) erscheint deshalb …

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