«Die Menschenrechte haben an Wertschätzung eingebüsst»

25-06-18 09:03:00,


Anna Trechsel / 25. Jun 2018 –

Das erste Schweizer Mitglied der EMRK (*), Stefan Trechsel, lässt sich am Küchentisch zum Stellenwert der Menschenrechte befragen.

Red. Stefan Trechsel ist 1937 in Bern geboren. Von 1975 bis 1999 war er Schweizer Mitglied der Europäischen Menschenrechtskommission in Strassburg, zuletzt deren Präsident. Daneben war er Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht. Von 1979 bis 1999 lehrte und forschte er an der Hochschule St. Gallen, danach wurde er an die Universität Zürich berufen, wo er bis 2004 arbeitete. Von 2006 bis 2013 amtete Trechsel als Richter am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

Anna Trechsel ist die jüngere seiner zwei Töchter. Die 43-Jährige ist Journalistin; bis Juni 2018 arbeitet sie als redaktionelle Mitarbeiterin für «Schutzfaktor M». Zuvor war sie u.a. Ressortleiterin International der «NZZ am Sonntag». Sie hat ihren Vater für die «Friedenszeitung» befragt.

(*) Europäische Kommission für Menschenrechte

Anna Trechsel: Paps, du kamst 1975 als erstes Schweizer Mitglied der Europäischen Kommission für Menschenrechte nach Strassburg. Wie kam es dazu?

Stefan Trechsel: Ich hatte eine Habilitationsschrift verfasst, die sich im Wesentlichen um die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) drehte – auf Anraten eines Professors in Bern, des späteren Bundesanwalts Hans Walder. Nachdem die Schweiz die EMRK 1974 ratifiziert hatte, gab es da also eine Stelle zu besetzen. Ich wusste davon und bemühte mich um den Posten. Faktisch war ich damals wohl einer derjenigen in der Schweiz, die am meisten über die EMRK wussten.

Wie sah deine Arbeit in Strassburg denn genau aus?

Die Arbeit in der Kommission war relativ komplex und sehr abwechslungsreich, deshalb war sie auch so spannend. Einerseits hat die Kommission wie ein Verfassungsgericht entschieden, ob eine Beschwerde an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) zulässig war oder nicht. Wenn sie eine Beschwerde für unzulässig erklärte, war der Entscheid endgültig, es war das Aus für die Beschwerde. Es gab viele Zulassungskriterien: Unter anderem musste zuerst der nationale Rechtsweg ausgeschöpft werden, das ist eine allgemeine Regel im Völkerrecht. Dann ging es um die Frage, ob die Beschwerde rechtzeitig eingereicht wurde, ob überhaupt die Kommission zuständig und ob «Fleisch am Knochen» war – das heisst, ob die Beschwerde nicht offensichtlich unbegründet erschien.

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