Dem Lebendigen dienen

27-06-18 11:55:00,

Anfang Mai, als die halbe Welt den 200. Geburtstag von Karl Marx feierte, fiel mir eine Geschichte aus meiner Studienzeit ein. Es ging um eine Prüfung in Industriesoziologie.

Damals hatte die Einführung von computergesteuerten Maschinen in den Kernsektoren der Industrie ein neues Anforderungsprofil für Fabrikarbeiter nötig gemacht. Die tayloristische Arbeitsweise wurde zunehmend ersetzt, unter anderem durch Gruppenarbeit, Job-Rotation (vielseitige Einsetzbarkeit) Lean Production und Delegation von Verantwortung. Der Arbeitgeberverband „Gesamtmetall“ drückte es damals so aus: „Gefragt ist jetzt die autonom agierende Arbeitnehmerpersönlichkeit, die nicht mehr Rädchen im Getriebe, sondern mündiges Subjekt sein will.“ Meine Prüfungsaufgabe bestand darin, eine These meines Professors zu widerlegen. Er behauptete, die neuen, partizipativen Arbeitsbedingungen in der Industrie stellten „eine teilweise Aufhebung der Selbstentfremdung nach Marx“ dar.

Ich weiß bis heute nicht, was den Professor bewog, diese These zu vertreten. Für mich war sie der Versuch, etwas quantifizieren zu wollen, was sich der Quantifizierbarkeit grundsätzlich entzieht. Wie etwa die Behauptung, teilweise schwanger zu sein, oder die Forderung nach einem „bisschen Frieden“. Die Sache erschien mir von derselben Logik, mit der ein Bauer Rinder in freier Wildbahn dazu überreden will, als Nutztiere in seinen Stall überzusiedeln. Wobei er ihnen im Gegenzug eine „artgerechte Haltung“ anbietet.

Für mich war die Prüfung jedoch ein großes Glück. Denn durch sie habe ich die Marx’sche Entfremdungstheorie kennengelernt. Sie hat nicht nur mein bisheriges Bild von Marx über den Haufen geworfen. Sie war für mich genau das, was eine gute Theorie ausmacht: eine Möglichkeit, klarer zu sehen. Marx‘ radikal humanistisches Denken, das sein Menschenbild und seine Konzeption von Arbeit prägt, ist für mich seitdem eine Quelle der Inspiration und ein „Heilmittel gegen Resignation“. Sein dialektisches Denken stellt so etwas wie eine „Methode der Bewusstmachung“ dar. Heutige Techniken des Meinungsmanagements beispielsweise − wie die Fragmentierung von Fakten – lassen sich so leichter durchschauen.

Um Marx‘ Entfremdungstheorie richtig zu verstehen, muss man seine Art, dialektisch zu denken, verstehen (1). Anders als beim linear-analytischen, quantifizierenden Denken, wird die Welt hier nicht getrennt. Sie bleibt heil. An die Stelle einer Subjekt-Objekt-Spaltung tritt das „Verständnis des Zusammenhangs“ (2).

Jedes Einzelphänomen kann nur richtig verstanden werden, wenn es wieder in den Zusammenhang des Ganzen gestellt wird. Denn mit jeder Grenze, die ich in meiner Wahrnehmung ziehe, verdränge ich die ursprüngliche Einheit der Welt. Ich schaffe Unbewusstheit,

 » Lees verder