„Radikalislamische“ Hamas? – www.NachDenkSeiten.de

27-06-18 08:14:00,

„Radikalislamische“ Hamas?

Veröffentlicht in: Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

In fast jeder Nachrichtenmeldung zum Konflikt in Palästina taucht die Formulierung „radikalislamische“ Hamas auf. Diese Formulierung verkennt jedoch die Geschichte der Hamas und die jüngere Palästinenser-Politik des Staates Israel. Der ehemalige Nahostkorrespondent Heiko Flottau[*] versucht dieses Thema für die NachDenkSeiten kritisch aufzuarbeiten und fragt sich nebenbei, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, die herrschenden Kräfte in Israel als „radikal-zionistisch“ zu titulieren.

„Vielleicht muss noch einmal erläutert werden, dass journalistisches Arbeiten tatsächlich aus Arbeit besteht. Dass es nicht nur um das Hinhalten eines Mikrofons oder einer Kamera geht, sondern um analytische, hermeneutische, kritische Arbeit , bei der es darauf ankommt, möglichst genau ein soziales, politisches, kulturelles Thema zu recherchieren, zu hinterfragen, zu erörtern. Es ist verwunderlich, wie fahrlässig manche TV-Redaktion sich selbst delegitimiert, indem sie so tut, als gäbe es das gar nicht: redaktionelle Arbeit.“

Formuliert hat diesen bemerkenswerten Satz die Publizistin Carolin Emcke in einer Kolumne der „Süddeutschen Zeitung“ vom 9.Juni 2018. In dem sehr lesenswerten Text geht es zwar in erster Linie um den Umgang der Medien, insbesondere des Fernsehens, mit dem Antisemitismus. Dennoch ist der Satz auf viele andere Themen und besonders auf gedankenlos dahingesprochene Formulierungen anwendbar, über deren Sinn und deren möglicherweise verheerende Effekte sich die jeweiligen Autoren schon lange keine Gedanken mehr machen.

Ein eher harmloses Beispiel für solche Gedankenlosigkeit ist die, stets so genannte, „internationale Gemeinschaft“. Wie an den täglichen politischen Prozessen leicht abzulesen ist, gibt es diese „Gemeinschaft“ nicht. Es gibt Staaten, die ihre jeweiligen nationalen Interessen (bzw. jene Interessen, welche die Regierungen dieser Staaten als „national“ definieren) verfolgen. Das gilt selbst innerhalb der Europäischen „Union“. Von „Gemeinschaft“ ist auch in dieser Union kaum die Rede.

Ein wirklich verheerendes Beispiel für solch schädliche journalistische Routine ist fast täglich in der Berichterstattung über den Nahen Osten zu beklagen. Es geht um die Hamas. Nein, in diesem Text geht es nicht um eine Ehrenrettung der Hamas. Sie hat in Gaza ein islamistisches Regime errichtet, das viele Einwohner nicht befürworten. Dagegen geht es um die von Carolin Emcke angemahnte notwendige journalistische Arbeit – auf die selbstverständlich auch eine Organisation wie die Hamas Anspruch erheben darf.

 » Lees verder