Die Lust am Untergang

Die Lust am Untergang

28-06-18 02:07:00,

Woran liegt es, dass sich die meisten Menschen empört abwenden, wenn man das Wüten unserer Spezies auf diesem Planeten dem Wirken eines Krebsgeschwürs gleichsetzt? Ist dieser Vergleich angesichts des ökologischen Desasters, das wir zu verantworten haben, so abwegig? Vielleicht würde das gigantische Heer der „Unschuldigen“ zur gleichen Einsicht kommen, wenn man ihnen eine Computersimulation zeigte, in der die letzten 130 Jahre, also die Zeit, in der das Industriezeitalter ökologisch voll zu Buche schlug, durch den Zeitraffer gejagt und auf eine Stunde verdichtet werden würde.

Angenommen wir starteten 1887 vor der amerikanischen Westküste in eine Umlaufbahn um die Erde. Pusteln hätten sich entlang der Pazifikküste gebildet, die an der Ostküste bereits zu bedenklichem Ausschlag herangewachsen wären. Nach der Atlantiküberquerung stellten wir fest, dass ganz Europa davon befallen wäre: Städte, die wie Metastasen ins Land greifen. Schmutzige Schlieren ergössen sich in Flüsse und Meere.

Unterdessen schrumpften die gigantischen Waldflächen in sich zusammen und machten braunen Wüsten Platz. Ein immer dichter werdendes Netz von Straßen und Schienen legte sich um den Globus, ganze Kontinente verschwänden unter einem diffusen Grauschleier. Endlich an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, stellten wir fest, dass die Erde zu einer Geschwulst verfault wäre, die von den Rauchschwaden unserer Brandschatzungen vielerorts gnädig verdeckt werden würde.

Der Astronaut John Glenn zählte bereits 1962 allein im Amazonasgebiet 800 solcher Brandherde. In der Zeit in der Sie diesen Artikel lesen, verschwinden durch Brandrodung oder industrielles Clearcutting Urwälder von der Bildfläche, welche ein Gebiet so groß wie München bedeckt hielten. Und mit ihnen verschwinden unzählige Populationen für immer von dieser Erde, die eigentlich als unser aller Heimatplanet gedacht war. So geht es weiter, Tag für Tag, ad finitum.

Wie geht man nun mit einer Spezies um, die sich derart blind in den kollektiven Untergang wühlt und dabei alles andere Leben aus dem Gleichgewicht reißt?

Lässt man sie gewähren oder versucht man sie mit Gewalt daran zu hindern, ihren tödlichen Wahn auszuleben? Die Ökodiktatur wäre so ein Hinderungsversuch. Man möchte sie sich fast wünschen.

Wenn der Club of Rome davon spricht, die Demokratien seien in ihrer heutigen Form kaum geeignet, den anstehenden Herausforderungen gerecht zu werden, hat er sicher auch folgendes gemeint: Trotz des erreichten einzigartigen Wohlstands in den Industrieländern, ist das Heer der Besitzlosen auf diesem Planeten heute zahlenmäßig größer als die gesamte Weltbevölkerung vor hundert Jahren.

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