Neoliberale Weiblichkeit

Neoliberale Weiblichkeit

04-07-18 09:20:00,

„Mann wird nicht als Frau geboren, man wird es.“

Dieser in hohem Maße polarisierende Satz stammt von der französischen Philosophin und Ikone der zweiten Feminismusbewegung, Simone de Beauvoir (1). Je nach Leser dürfte die Reaktion auf den besagten Satz sehr unterschiedlich, in jedem Fall aber wertend ausfallen. Entweder gehört man zu der anwachsenden Gruppe der Anhänger jener politischen Einstellung, die sich Feminismus nennt, und sieht dieses Zitat als richtungsweisend für eine zukünftige Gesellschaft an, in der die Unterschiede zwischen Mann und Frau auf ein Minimum reduziert sein werden. Oder aber man gehört zu der Gruppe wertkonservativer Leser, die diese Aussage wahrscheinlich als absoluten Unsinn bezeichnen würden, da sie nicht der Ansicht sind, dass sich die rein biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau durch die Überwindung des Patriarchats in irgendeiner Weise beeinflussen ließen.

Der Satz wird wahrscheinlich von beiden Gruppen missverstanden, da er, mag man das nun positiv oder negativ bewerten, nicht primär von den generellen Merkmalen oder Tätigkeiten einer Frau handelt, sondern von ihrer „Wertigkeit“. Beauvoir beschreibt in ihrem Hauptwerk ,,Das andere Geschlecht“, dass die Frau nicht das andere, defizitäre Geschlecht ist, weil sie dem Mann körperlich unterlegen ist, sondern weil ihre körperliche Unterlegenheit von der Gesellschaft als schlecht und den individuellen Wert mindernd angesehen wird. Wäre körperliche Arbeit nicht so unersetzlich zur Sicherung der eigenen Lebensgrundlage gewesen, wäre die Frau wohl nicht ab- und der Mann nicht aufgewertet worden. Mit anderen Worten: Das sogenannte Patriarchat wäre nicht entstanden.

Und genau dies ist auch der Grund dafür, dass sich die politische Strömung des Feminismus außerordentlich gut mit dem Kapitalismus versteht. Die körperliche Arbeit ist durch Industrialisierung, Digitalisierung und den allgemeinen wirtschaftlichen Fortschritt im Zuge der Ausbreitung des Kapitalismus am Arbeitsmarkt immer mehr in den Hintergrund gerückt. Heute sind vielmehr kognitive Fähigkeiten gefragt, die genauso gut Frauen erbringen können. Oder aber Arbeitskräfte in prekären Beschäftigungen, die sich mit niedrigen Löhnen zufriedengeben – zum Beispiel, weil sie einen Ehemann haben, der den familiären Haupterwerb erzielt.

Die Aufmerksamkeit, welches der Gleichberechtigung von Frauen und Männern von Seiten der Wirtschaft – beispielsweise durch sogenannte Girls-Days, bei denen jungen Mädchen technische Berufe nähergebracht werden sollen – zuteilwird, resultiert nicht aus einem gesellschaftlichen Gefühl für Fairness, sondern verfolgt ein ökonomisches Interesse. Das bedeutet natürlich in keinster Weise, dass Gleichberechtigung der Frau in unserer heutigen Gesellschaft nicht immens wichtig wäre und jede Unterdrückung oder sexuelle Belästigung in irgendeiner Form verharmlost oder relativiert werden könnte.

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