Das Gehirn unter Strom wird moralisch

Das Gehirn unter Strom wird moralisch

05-07-18 01:48:00,

Ko-Autor Roy Hamilton beim Anlegen eines Geräts zur minimalinvasiven Gehirnstimulation. Bild: Penn UNiversity

Wissenschaftler glauben, mit Gehirnstimulation die Neigung zur Gewalt reduzieren zu können und diese so zur Entlastung der Gesellschaft biologisch erklären zu können

Wie kann man den Impuls für gewalttätiges Handeln senken oder unterdrücken? Es gab vor Entwicklung der Psychopharmaka seit Ende 1930er Jahre das Versprechen, psychische Störungen, aber eben auch Gewalttäter neurochirurgisch durch Lobotomie behandeln zu können. Propagiert wurde die teilweise Zerstörung des Gewebes zwischen Thalamus und Frontallappen vor allem vom amerikanische Psychiater Walter Freeman, der selbst tausende Menschen operierte. Es war ein Heilsversprechen, das aber den derart Behandelten schweren Schaden zufügte.

Ähnlich wie bei der Elektroschockbehandlung, die etwa zur gleichen Zeit aufkam, wusste man auch gar nicht, warum und wie die Lobotomie den Menschen helfen sollte (Technologie der Unterwerfung). Erst ab Ende der 1960er Jahre ging die Zeit der Lobotomie mit den damals verwendeten Methoden zu Ende. Noch länger praktiziert wurden stereotaktische Eingriffe bei Sexualstraftäter, bei denen Teile des limbischen Systems zerstört wurden. Und auch heute noch werden mitunter solche stereotaktische Ausschaltungsoperationen, genannt Kapsulotomie, bei schweren Zwangsstörungen als letzte therapeutische Option durchgeführt.

Bekannt geworden ist eine andere Methode, die in den 1960er Jahren auch die Geheimdienste umtrieb und zu den berüchtigten Gehirnwäsche-Experimenten der CIA führte. Anthony Burgess hat in seinem 1962 erschienen Buch “Clockwork Orange”, das von Stanley Kubrick 1972 verfilmt wurde, die Geschichte eines jungen Mannes, der aus Lust an der Gewalt mit seiner Gang auszog, um Menschen zusammenzuschlagen, zu berauben und Frauen zu vergewaltigen. Die Bande ließ ihn irgendwann seitzen, er wurde inhaftiert, wegen Mord zu einer langen Haftstrafe verurteilt und dann – es war die Zeit von Skinner, der die Methode propagierte und auch zum Thema einer Utopie machte – einer Konditionierung unterzogen wurde, durch die schon der Gedanke an Gewalt bei ihm zur Übelkeit führte. 1962 hat der Neurologe Jose Delgado 1963 eine spektakulären Aktion vorgeführt, wie man einen aggressiven Stier in einer Arena lammfromm machen könnte. Er hatte ihm Elektroden ins Gehirn eingepflanzt und konnte auf Knopfdruck durch Fernsteuerung den auf ihn zustürmenden Stier abbremsen.

Ganz entfernt hat man sich aber von den neurochirurgischen Ideen auch heute nicht. Derzeit wird die Tiefenhirnstimulation für alle möglichen psychischen Störungen und Erkrankungen angepriesen.

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