Das Flüchtlings-Dilemma

Das Flüchtlings-Dilemma

17-07-18 10:43:00,

Landraub, Verwüstung, gnadenlose Ausbeutung, Kriege, zerfallende Staaten, in denen Oligarchen mit ihren bewaffneten Banden um Einfluss ringen: Millionen Menschen sind auf der Flucht vor unmenschlichen Lebensbedingungen. Zehntausende folgen den Warenströmen nach Europa. Wer nicht schon in einer Auffangstation im Niger strandet oder in der Wüste verdurstet, landet in libyschen Folterlagern. Und steigt, wenn er kann, in eins der seeuntüchtigen Schlauchboote. Nur weg von dort, koste es, was es wolle. Mehr als 600 Menschen sind alleine im Juni im Mittelmeer ertrunken.

Und es könnten noch mehr werden. Seit Anfang Juli sind alle Rettungsschiffe der NGOs festgesetzt. Zuvor fuhren sie tagelang übers Meer, weil niemand die geflüchteten Menschen haben wollte. Als gehe es um überflüssiges Schüttgut, das niemand braucht.

Europa schottet sich ab – vor überflüssigen Menschen, produziert vom global wütenden, hochtechnisierten Kapitalismus. Massenelend stumpft ab. Mitgefühl? Fehlanzeige.

Schüttgut kann man zur Not im Meer versenken. Das ist die Realität.

Auch selbsterklärte Linke, sogar sich als Kommunisten, Sozialisten oder Marxisten Bezeichnende, reden inzwischen vom Abschotten und Sortieren der Geflüchteten in nach Recht und Gesetz Asylberechtigte und „illegale Einwanderer“. Man gibt sich rational: Man könne doch nicht ganz Afrika hereinlassen. Oder: Wer ganz Kalkutta aufnehme, werde selbst zu Kalkutta, meinen besonders zynische Vertreter.

Andere verweisen – nicht zu Unrecht – auf drohende weitere soziale Verwerfungen in Deutschland. Die fremden Lohnabhängigen würden als billige Arbeitskräfte missbraucht und erzeugten immer mehr Spaltung innerhalb des Proletariats, das letztlich nach rechts drifte, heißt es. Das gelte es zu verhindern.

Natürlich: Die Argumente sind nicht falsch. Sie erscheinen logisch und rational. Doch ihre Konsequenz ist fortgesetztes Massensterben von tausenden Opfern der kapitalistischen Profitmaschine. In dieser so rational klingenden Logik steckt letztlich jener Nationalismus, mit dem rechte und faschistische Kräfte die Höherwertigkeit des „eigenen Volkes“ erklären: deutsche Proletarier um der (nicht in Aussicht stehenden) Revolution willen, also zugunsten eines höheren Ziels, zuerst. Der Philosoph und Soziologe Max Horkheimer – man mag von ihm halten, was man will – sprach von „rationalisierter Unmenschlichkeit“.

„Sei misstrauisch gegen den, der behauptet, dass man entweder nur dem großen Ganzen oder überhaupt nicht helfen könne. Es ist die Lebenslüge derer, die in der Wirklichkeit nicht helfen wollen und die sich vor der Verpflichtung im einzelnen bestimmten Fall auf die große Theorie hinaus reden. Sie rationalisieren ihre Unmenschlichkeit.

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