Leben ist Lernen

10-08-18 07:02:00,

Diejenigen, die sich für das Wohl der Menschheit engagieren, könnte man – so scheint es mir manchmal – in zwei Lager aufteilen: „die Politischen” und „die Spirituellen”. In beiden Gruppen sollte man zunächst zwischen weniger hoch und höher entwickelten Formen des Engagements unterscheiden.

Eine fundamentalistische Geisteshaltung kennzeichnet unreife politische Einstellungen. Fundamentalisten verstehen die eigenen Grundsätze als die einzig Wahren. Sie halten an vorgegebenen Regeln und Ideologien fest oder fordern eine Rückbesinnung auf diese ein. Wer das akzeptiert, verhält sich gesellschaftskonform und genießt Unterstützung. Die Gesinnung zu hinterfragen, ist unerwünscht. Fremde Überzeugungen lässt man nicht gelten und schließt Andersdenkende aus. Im Extremfall kämpfen Fundamentalisten mit radikalen und gewalttätigen Mitteln um gesellschaftliche Vormacht.

Reife politische Entscheidungsfindung erwächst aus argumentativem Austausch. Menschen mit einer reifen politischen Einstellung verfügen über eine offene Grundhaltung. Sie hinterfragen bestehende Denkmuster und lassen Kritik an eigenen Wertvorstellungen zu. Sie interessieren sich für die Sichtweisen anderer. Sie wollen diese nachvollziehen, um ihren eigenen Horizont zu erweitern. Dadurch entwickeln sie Toleranz auch für abweichende Meinungen. Sie schauen über den Tellerrand der eigenen Gruppeninteressen hinaus und beziehen das Wirken komplexer Systemzusammenhänge in ihr Denken und Handeln ein. Widersprüche zwischen Thesen und Antithesen lösen sich in umfassenderen Synthesen auf. Geschieht dies nicht, bleibt die Möglichkeit zu demokratischer Mehrheitsbildung.

Auch im Feld der Spiritualität gibt es unreife und reife Ausformungen. Erstere sind von egozentrischen Wunscherfüllungsfantasien durchzogen. Hier herrscht magisches Denken vor. Diese Menschen glauben, alles Ersehnte – quasi per Knopfdruck – kraft der eigenen Gedanken herbeizaubern zu können. Oder sie projizieren solche Allmachtsfantasien nach draußen, dann sollen Götter oder gottgleiche Gurus die Erlösung bringen unter der Voraussetzung, dass diese ihnen gefallen und sich ihnen unterwerfen. Zu dieser Art von Spiritualität gehört die Faszination für Symbole und Rituale. Religiöse Schriften werden wortwörtlich interpretiert. Wer daran glaubt, wird selig. Alle anderen werden als ungläubige Zweifler verbannt. Extreme Verzerrungen unreifer Spiritualität führen zu Heiligem Krieg und Terror im Namen der eigenen Gottesbilder.

Ken Wilber bezeichnet diese Art der Spiritualität in seinem Integralen Modell als prärational (prä = vor, ratio = Vernunft). Manche verwechseln diese mit reifer, transrationaler (trans = über/hinaus) Spiritualität, weil beide Formen einen nicht-rationalen Charakter haben. Doch beide unterscheiden sich wie Tag und Nacht.

Reife spirituelle Erkenntnis achtet den Wert der Vernunft, entlarvt aber auch ihre Begrenztheit. Sie gewinnt einen befreienden Abstand zu Denkprozessen.

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