Teilchenphysik: Eine Physikerin spricht Klartext

11-08-18 01:43:00,

Die Physikerin Sabine Hossenfelder fährt im «Spiegel»-Interview dem Cern hart an den Karren
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Die Physikerin Sabine Hossenfelder fährt im «Spiegel»-Interview dem Cern hart an den Karren

Kurt Marti / 11. Aug 2018 –

Während die Schweizer Medien brav über den neusten milliardenteuren Cern-Ausbau berichten, liefert der «Spiegel» handfeste Kritik.

Mitte Juni kündigte das Teilchenforschungszentrum Cern in Genf den nächsten Ausbau des unterirdischen, 27 Kilometer langen Beschleuniger-Tunnels an: Rund eine Milliarde Euro soll der Ausbau kosten, der laut pathetischer Cern-Medienmitteilung «ein neues Kapitel schreiben» und «eine Brücke in die Zukunft bauen» soll.

Auch beim Namen darf der Superlativ nicht fehlen: Der bisherige Beschleuniger «Large Hadron Collider» (LHC), übersetzt «Grosser Hadron-Beschleuniger), wird zum «High Luminosity Large Hadron Collider» (HiLumi-LHC), übersetzt «Hohe Leuchtkraft Grosser Hadron-Beschleuniger».

Die Schweizer Medien lieferten kritiklose Berichterstattung zum neusten Miliarden-Coup des Cern. Ganz anders der «Spiegel», der eine Woche vorher ein Interview mit der Physikerin Sabine Hossenfelder publizierte, die mit den Teilchenphysikern hart ins Gericht ging:

«Die meisten theoretischen Physiker, die ich kenne, studieren inzwischen Dinge, die noch niemand je gesehen oder gemessen hat. Sehr gern postulieren sie auch neue Teilchen, um ihre gedachten Weltmodelle aufzuhübschen.»

Auch dem Cern fährt die 41-jährige Physikern, die am «Frankfurt Institute for Advanced Studies» arbeitet, hart an den Karren:

«Wir betreiben … etliche Teilchenbeschleuniger, darunter den gewaltigen Large Hadron Collider in Genf. Trotzdem haben wir seit vier Jahrzehnten kaum mehr Daten gewonnen, die uns etwas Neues sagen könnten.»

Und weiter in der Kritik am Grössenwahn:

«Wenn der eine Detektor nichts findet, ruft man eben nach einem grösseren, der noch tiefer in die Materie hineinspäht. Auch vom Genfer Ringbeschleuniger hatten viele Kollegen sich Belege für dunkle Materie oder Supersymmetrie erhofft. Ebenfalls vergebens. Das hindert sie aber nicht, weiter ihren Spekulationen nachzusteigen und auf den nächstgrösseren Riesenbeschleuniger zu hoffen.»

Hossenfelder zeigt konkret auf, wie absurd die Forschung am Cern vor sich geht:

«Vor drei Jahren zeigte sich am Teilchenbeschleuniger in Genf ein kleiner Ausschlag in den Messdaten. So etwas kommt häufiger vor, im Moment wird auch wieder eine rätselhafte Datenreihe diskutiert. Damals hätte das mit viel Glück die Spur eines neuen Teilchens sein können … Acht Monate später war der Traum vorbei – der verdächtige Befund erwies sich als zufällige Schwankung in der Statistik.  » Lees verder