Die lebendige Erde

28-08-18 09:08:00,

Sagt Ihnen der Name Gus Speth etwas? Gus Speth, Jahrgang 1942, ist Professor für Umweltpolitik und Nachhaltige Entwicklung an der Yale University in New Haven, Connecticut, eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Der Mann war Chefberater der Nationalen Umweltkommission unter den US-Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton.

Aber erst jetzt ist bei ihm der Groschen gefallen. In einem Interview mit der New York Times kommt Speth, der über Jahre hinweg in wichtiger Position vor einem drohenden Ökozid gewarnt hatte, zu einer nicht gerade ermutigenden Erkenntnis. „Früher dachte ich“, so sein deprimierendes Statement,

„dass die größten Umweltprobleme der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps der Ökosysteme und der Klimawandel wären. Ich dachte, 30 Jahre gute Wissenschaft könnte diese Probleme angehen. Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit, und um mit ihnen fertig zu werden, brauchen wir einen kulturellen und spirituellen Wandel. Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht.“

Wer nicht ohnehin der Meinung ist, der Drops sei längst gelutscht, weil wir es bereits heute mit irreparablen Langzeitschäden zu Lande durch Atommüll, Abholzung der Regenwälder, Verlust der Artenvielfalt und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft, zu Wasser durch die Plastikschwemme und in der Luft durch Geoengineering zu tun haben, muss zumindest konzidieren, dass der Umbau unserer globalen Konsumkultur das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit sein wird. Und, wie Gus Speth zurecht befürchtet, wird er wohl kaum zu stemmen sein.

Dabei hatten wir unsere Chance. Wir hatten sie immer. Wir konnten sie nur nicht nutzen, weil wir als politisches Gemeinwesen keine Idee besaßen, was und wer wir eigentlich sein wollten, jenseits unseres immer kümmerlicher werdenden Konsumentendaseins im Scheinpluralismus weniger Konzerne. Das Profitinteresse einer kriminellen Finanz- und Wirtschaftselite hat in den letzten Jahrzehnten jede vernünftige Problemlösung im Ansatz erstickt.

Wie ist es möglich, dass alle zerstörerischen Handlungen, die wir erleben müssen, von den Verantwortlichen als kreative Taten gefeiert werden? Die Bombardierung anderer Länder, der Bau von Staudämmen, das Versprühen von Insektiziden, die Erschaffung genmanipulierter Organismen – dies alles wird uns als notwendig, fortschrittlich und kreativ “verkauft“.

Wir begreifen Gesundheit als Leistung der pharmazeutischen Industrie, wir verstehen soziale Sicherheit als Angelegenheit von Polizei und Justiz. So ist es auf fast allen Gebieten: Wir glauben ausschließlich an ordnungspolitische oder technische Lösungen.

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