Die Menschen-Zähmer

31-08-18 10:36:00,

„Sei nicht lau, sondern schlau“: Warum antiautoritäre Ärzte so selten sind
von Bruce E. Levine

“Don’t be stupid, be a smarty, come and join the Nazi Party” – übersetzt etwa „Sei nicht lau, sondern schlau, tritt bei der Nazi-Partei“ – ist ein absichtlich anstößiger Vers des köstlichen Liedes „Springtime for Hitler“ in Mel Brooks‘ Film „The Producers“. Nicht witzig ist dagegen die Tatsache, dass Ärzte im Deutschland der Nazizeit „schlau“ waren im sarkastischen Sinne Brooks‘ – war ihre Beitrittsquote zur SS doch proportional weit höher als die der allgemeinen deutschen Bevölkerung.

Ebenso wenig witzig ist, dass US-amerikanische Ärzte und medizinisches Fachpersonal sich in den Dienst autoritärer US-amerikanischer Richtlinien stellen – von der „Beihilfe zur Folter“, im Bericht des CIA-Generalinspekteurs „aiding torture“ genannt, in Guantánamo, Abu Ghraib und anderswo bis zur jüngst erfolgten Verabreichung von Psychopharmaka an inhaftierte Migrantenkinder.

Alessandra Colaianni berichtet 2012 im Journal of Medical Ethics): „Mehr als 7 Prozent aller deutschen Ärzte traten während des Zweiten Weltkrieges der SS bei – im Vergleich dazu tat dies weniger als ein Prozent der Allgemeinbevölkerung (…). Während vor der Machtübernahme Hitlers nur 6 Prozent der deutschen Ärzte der NSDAP beigetreten waren, erhöhte sich dieser Anteil bis 1945 auf 50 Prozent.“ Colaianni betont: „Die Ärzte traten der NSDAP und der Tötungsmaschinerie nicht bei, weil man ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, sondern aus freiem Willen.“

Laut Colaianni gibt es verschiedene Erklärungen für den ärztlichen Hang zum Autoritarismus – und diese Gründe gelten auch heute noch. Da wäre zum einen die hierarchische Sozialisation der Ärzte und zum anderen ihre außerordentlich stark ausgeprägten Karriere-Ambitionen. „Die medizinische Kultur“, erklärt sie,

„ist in vielerlei Hinsicht eine starre Hierarchie (…). Jene am unteren Ende der Hierarchie sind es gewohnt, genau das zu tun, was ihre Vorgesetzten von ihnen verlangen, oft ohne wirklich zu verstehen, warum sie das tun sollen (…). Seine Vorgesetzten in Frage zu stellen, ist unbequem, fürchtet man doch negative Folgen – Vergeltungsmaßnahmen, Gesichtsverlust vor dem Höherrangigen – und im Unrecht zu sein (…). Arzt zu werden erfordert ein nicht geringes Maß an Ehrgeiz (…). Der stereotype Student im Vorbereitungskurs zum Medizinstudium (ist) gnadenlos kompetitiv und bereit, alles zu tun, um voranzukommen.“

„Autoritär“ wird im American Heritage Dictionary folgendermaßen definiert: „Zeichnet sich durch absoluten Gehorsam gegenüber einer Autorität aus oder bevorzugt diesen“.

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