Die Doppelmoral

01-09-18 09:17:00,

„Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher”. Das Zitat aus George Orwells Satire „Farm der Tiere“ ist berühmt. Ein Schwein namens „Old Major“ ruft die Tiere eines britischen Bauernhofs zur Revolution gegen ihre Besitzer, die Menschen, auf. Der Aufstand glückt, Bauer Jones und seine Knechte werden vertrieben. Von nun an bewirtschaften Schweine, Pferde und Esel die Farm; alle Erträge kommen nur den Arbeitenden zugute.

Bei der Deutung der Fabel sehen viele meist nur die Pointe: Die Schweine als führende revolutionäre Kaste benehmen sich am Ende wie die Menschen. Unterdrückung und Ausbeutung gehen auf der Farm weiter wie vorher, nur die Unterdrücker haben gewechselt – eine unverkennbare Anspielung auf die sozialistische Revolution im Osten.

Zu wenig wird ein anderer Aspekt der Fabel beachtet: Das Verhältnis zwischen Mensch und „Nutztier“ erinnert sehr stark an die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus. Tierausbeutung ist ein treffliches Symbol für eine Gesellschaftsordnung, die auch den arbeitenden, konsumierenden Menschen auf seine Verwertbarkeit reduziert. Massentierhaltung zum Zweck der „Fleischproduktion“ ist die Eskalationsform dieser Ideologie.

Die Merkwürdigkeit im Umgang der Menschen mit Tieren beginnt aber schon weit früher.

Begegnet ein Mensch einem Tier, so ist seine erste Reaktion oft nicht ein Staunen über die so andere und doch liebenswerte Lebensform, sondern der Wunsch, das Tier seinem Willen zu unterwerfen.

Kaum ein Parkspaziergang, der nicht von gebrüllten Befehlen der Hundebesitzer akustisch beeinträchtigt wird: „Sitz!“, „Platz!“, „Gehst du da weg!“ Das Recht des Menschen, in jeder Interaktion sogleich die Befehlsgewalt zu beanspruchen, wird kaum jemals angezweifelt, allenfalls gibt es verschiedene Ansichten darüber, wie die Hunderziehung, die Pferdedressur und so weiter zu erfolgen habe.

Zur puren Lust, eine Machtposition gegenüber einer unterworfenen Kreatur auszuagieren, gesellt sich sehr schnell auch die Frage nach dem Nutzwert des Tiers: „Was kann das Tier für mich tun?“ Da gibt es das Lasttier, das Reittier, das Schmusetier, den Packesel, den Wachhund, die Milchkuh, das Wollschaf, schließlich die Fell, Federn oder Schuppen tragenden Fleischlieferanten. Die Reduzierung eines Lebewesens darauf, dass sein Fleisch gut schmeckt, ist zweifellos ein besonders drastischer Fall von Missachtung.

Da ist im ersten Schritt die Beschränkung eines mit Bewusstsein, Erlebnisfähigkeit und Gefühl ausgestatteten Wesens auf seine äußere Hülle. Im zweiten Schritt folgt die Frage: Was können wir, die Menschen, mit dem Fleisch des Tieres anfangen: Steak, Sülze oder Hackfleisch,

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