Vom Umgang mit Widersprüchen zwischen Umwelt und Wirtschaft

03-09-18 01:02:00,

Hanspeter Guggenbühl

Hanspeter Guggenbühl / 03. Sep 2018 –

Klimaschutz hier, Luftverkehr dort. Themen, die eng zusammenhängen, werden publizistisch separiert, Konflikte ausgeblendet.

Ich habe mich vor drei Jahren in Zürich vertraglich verpflichtet, 170 Jahre alt zu werden. Das Problem ist nur: Herz- und Kreislaufkrankheiten streben ein stetiges und dauerhaftes Wachstum an. Die Krebszellen wollen sich ebenfalls weiter vermehren. Die Zahl der Alzheimer-Erkrankungen, so prognostizieren Ärzte, werde sich bis 2050 verdoppeln. Trotzdem haben alle meine Bekannten das Zürcher Abkommen “170 Jahre Guggenbühl” unterzeichnet.

Ähnlich verhält es sich mit dem 2015 abgeschlossenen Klimavertrag von Paris. Alle UNO-Staaten haben dem Abkommen zugestimmt, wonach die globale Erwärmung auf “weniger als zwei Grad Celsius, wenn möglich 1,5 Grad” zu begrenzen ist; einzig US-Präsident Donald Trump will 2020 aus dem Vertrag wieder aussteigen.

Um das Pariser Abkommen zu erfüllen, müssen die Emissionen von CO2 und weiteren menschengemachten Treibhausgasen bis 2050 auf Null sinken, haben Klimatologen ausgerechnet. Darum wollen die Urheber der Gletscher-Initiative das Ziel “Null CO2-Emissionen ab 2050”, also “Null Erdöl, Erdgas und Kohle”, jetzt in der Bundesverfassung festschreiben. NZZ, Tamedia-Newsnet und weitere Medien, darunter auch Infosperber, haben letzten Sonntag sachlich bis wohlwollend über diese angekündigte Initiative berichtet.

Das Problem ist nur: Der internationale Luft- und Schiffsverkehr wird im Klimavertrag von Paris ausgeklammert. Der Anteil des Luftverkehrs an den gesamten CO2-Emissionen, der heute global bei fünf Prozent liegt (in der Schweiz bereits viel höher), wird sich bis 2050 auf 22 Prozent erhöhen, wenn die Wachstumsziele der Flugbranche erfüllt werden. Der Schiffsverkehr wächst ebenfalls rasant. Und dem Treibhaus ist es egal, ob es mit CO2 aus Flugzeugen, Automotoren oder Kohlekraftwerken geheizt wird. Die Gletscher-Initiative ihrerseits lässt Ausnahmen vom “Null-CO2-Ziel” zu für “technisch nicht substituierbare Anwendungen”. Während beim Schiffsverkehr Windkraft das Schweröl allenfalls ersetzen kann, ist beim Luftverkehr kein Ersatz von fossilem Treibstoff in Sicht.

Wenn Medien, die auf der einen Seite wohlwollend über den Pariser Klimavertrag oder die Gletscher-Initiative informieren, auf andern Seiten über den wachsenden Luftverkehr oder neue Automodelle berichten, klammern sie das Thema Klimawandel dort meist aus. Beispiel: Die NZZ veröffentlichte kürzlich ein Gespräch mit dem Chef der Fluggesellschaft Swiss, Thomas Klühr (NZZ vom 4.8.2018). Darin jammerte Klühr über die Engpässe im europäischen Luftraum im allgemeinen sowie auf dem Flughafen Kloten im besonderen und sagte: “Mittel- und langfristig braucht dieser Flughafen aber Wachstumspotenzial.”

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