Der Streaming-Wahn

04-09-18 09:28:00,

Digitalisierung heizt unserem Planeten ein
von Felix Sühlmann-Faul

Streaming von Audio- und Videoinhalten fällt unter die Kategorie derjenigen Bereiche der Digitalisierung, die klare Nachhaltigkeitspotenziale birgt, nämlich Dematerialisierung (1). In vielen Bereichen kann Digitalisierung den Einsatz von physischen Objekten reduzieren und so den ökologischen Impact in Form von Energie- und Umweltverbrauch reduzieren. Wenn weniger Objekte produziert werden müssen, kann diese Energie eingespart werden. In Folge entstehen weniger Emissionen und es entsteht weniger Müll.

Ein empirisches Beispiel für die Möglichkeiten der Dematerialisierung zeigt sich im Ausbau der Telekommunikation in den Ländern des globalen Südens. Statt des klassischen Verlegens von Telefonkabeln ist die Konzentration auf Mobiltelefonie deutlich nachhaltiger da energiesparender. Das Ziel – der Ausbau der Telekommunikation für die Bevölkerung – wird erreicht mittels des Überspringens eines ressourcenintensiven, manuellen Arbeitsschritts.

Ein anderes Beispiel ist eine Fachkonferenz. Der Einflussfaktor mit der größten CO2-Emmission ist hier die Anreisen der Teilnehmenden. Sie erzeugen am meisten CO2 (2, 3, 4). Zusätzlich wird viel Energie für die Klimatisierung der Räume oder dicke Konferenzbände aufgewendet. Durch einen Wechsel zu Videokonferenzen und Vortragsunterlagen als Download kann viel der Energie und folglich der Emissionen eingespart werden (2, 3, 4).

Das Nachhaltigkeitspotenzial der Dematerialisierung zeigt sich auch im Streaming. Hier müssen Filme nicht mehr auf einen physischen Datenträger gebannt werden und der Transport fällt weg. Dass das einen Vorteil im Bereich der Ökobilanz bringt, konnte in einer Studie von 2014 gezeigt werden. Die Forscher fanden heraus, dass Streaming eines Films im Vergleich zur Autofahrt zur Videothek oder dem Kauf im Laden rund ein Drittel weniger CO2 erzeugt (5).

Aber: Das Nachhaltigkeitspotenzial ist äußerst relativ.

Wenn dem aktuellen Trend des „Binge Watchings“ – zu Deutsch etwa „Komaglotzen“ – gefolgt wird, sieht die Ökobilanz sehr viel schlechter aus.

Der übermäßige Konsum von Streaminginhalten, indem etwa an einem Wochenende mehrere Staffeln einer Serie hintereinander angeschaut werden, erzeugt einen deutlichen C02-Fußabdruck

Wie kommt das? Die Knotenpunkte des Internets sind (Computer-)Server, deren Aufgabe es ist, Daten bereitzustellen und zu verteilen. Zusammen bilden diese Servergruppen ein Daten- oder Rechenzentrum. Jeder Internetkauf, jede Suchmaschinenanfrage und jede E-Mail wandern von Datenzentrum zu Datenzentrum und passieren dabei Tausende von Servern – mit steigender Tendenz: Während 1992 der globale Datendurchsatz bei 100 Gigabyte (GB) pro Tag lag,

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