Die Putin-Enttäuschung

05-09-18 09:03:00,

Mein Gesprächspartner ist Michail Juchma (82), vielfach prämierter Autor, Mitglied des russischen und tschuwaschischen Schriftstellerverbandes, Autor von Büchern zur tschuwaschischen und russischen Geschichte.

Er sammelt Märchen und vom Vergessen bedrohte alter Erzählungen der Völker Russlands, ist Autor vieler, über die Grenzen der tschuwaschischen Republik hinaus gesungener Lieder, Verfasser von Komödien und Kurzdramen, Begründer und seit 1992 Leiter des tschuwaschischen Kulturzentrums in Tscheboksary an der Wolga. Er lebt heute als Rentner zusammen mit seiner Frau Rosa Schewlebi, ebenfalls Schriftstellerin, in einer Altbauwohnung im vierten Stock eines Hauses in Tscheboksary – ohne Aufzug.

Ich kenne Michail Juchma bereits seit 1992, habe in meinen Büchern mehrfach über ihn und seine Tätigkeit berichtet, die an jene der Brüder Grimm erinnert – so etwa in meinem 1994 erschienenen Reisebericht „Jenseits von Moskau“, der die Zeit des Umbruchs von 1992 zum Thema hat.

Später habe ich zusammen mit Freunden zwei von ihm wiederentdeckte tschuwaschische Epen ins Deutsche übersetzt: 2006 „Attil und Krimkilte – das tschuwaschische Epos zum Sagenkreis der Nibelungen“, 2011 „Yltanbik – der letzte Zar der Wolgabolgaren“. Die Übersetzung einer weiteren Arbeit Juchmas zum eurasischen Götterhimmel, in dessen Geist Juchma lebt, befindet sich bei mir zurzeit noch in Arbeit. (Genaueres zu den genannten Büchern unter www.kai-ehlers.de.)

Entlang der Aufs und Abs der neueren russischen Geschichte, von Gorbatschow zu Jelzin, von Jelzin zu Putin bis zur jetzigen Situation, haben Michail Juchma und ich immer wieder Gespräche zum Leben in Tschuwaschien, bei den Völkern an der Wolga, zu den Umbrüchen in Russland und zur Rolle Russlands in der Welt geführt.

Das Gespräch, aus dem ich im Folgenden berichte, fand in der ersten Augusthälfte dieses Jahres auf Juchmas ausdrücklichen Wunsch hin statt, nachdem ich wieder einmal viele Tage zu Gast bei ihm und Rosa sein durfte. Ich verzichte darauf, das Gespräch, das im vertraulichen Du geführt wurde, in den distanzierteren „Sie“-Modus zu übersetzen. Michail Juchma heißt deshalb im Folgenden einfach Mischa.

„Mich beunruhigt in Russland heute der Anstieg der Preise auf alles“, beginnt Mischa.

„Soeben hat Medwedew angekündigt, dass auch die Mietpreise steigen werden, und das, obwohl wir schon jetzt teuer bezahlen: Preise für Benzin, für alles; auf alles steigen die Preise fast jeden Monat. Pensionäre bekommen bei uns hier sehr wenig, 6.000 bis 7.000 Rubel.

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