Die Gesinnungspolizei

07-09-18 07:23:00,

Es will zuweilen scheinen, als habe sich in den letzten Jahren der in Deutschland vorherrschende Diskurs über den Antisemitismus von seinem Gegenstand, dem real vorwaltenden Antisemitismus, solchermaßen gelöst, dass man den Eindruck gewinnen könnte, mehr als um die vorgebliche Bekämpfung des realen Antisemitismus gehe es um die Perpetuierung des Eigenwerts, den seine ideologische Zerredung erlangt hat.

War es der deutschen politischen Kultur der Nachkriegsära weitgehend um die Überwindung dessen zu tun, was der deutsche Sonderweg mit zwei Weltkriegen, der NS-Diktatur und dem am europäischen Judentum verübten Genozid gezeitigt hatte, mithin um die unermüdliche Aufdeckung der den »Rückfall in die Barbarei« subkutan bedingenden sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen, vor allem aber um die rigorose Bekämpfung von perennierendem Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass, so hat sich diese ursprünglich emanzipativ ausgerichtete Politisierung des Sozialen mittlerweile dermaßen verdinglicht, dass ihre Praxis zu einer durchideologisierten Reihe von als »öffentliche Debatten« ausgegebenen, leeren Worthülsen verkommen ist.

Rang man früher noch beharrlich um den Begriff des weltgeschichtlich Monströsen, weil man das Unsagbare als solches zu respektieren trachtete; verbat sich für Adorno nach Auschwitz Lyrik als kulturelle Gedenkleistung, weil Kultur Verrat begangen hatte, so ist »Antisemitismus«, mithin »Auschwitz«, inzwischen solch inflationärem Gebrauch ausgesetzt, dass das postulierte Einzigartige der Shoah zum Fungiblen, das Unsagbare zum allzeit Abrufbaren entartet und die Bekämpfung dessen, was als Vorstufen der Barbarei herausgearbeitet worden war, in die befindlichkeitsbeseelte Arena des diskursiven Kampfes um deutsch-normale beziehungsweise normalisierende »antideutsche« Identitätsfindungen entglitten ist.

Der erste Aufschrei ist bereits hier deutlich vernehmbar: Darf man die vom real vorwaltenden Antisemitismus ausgehenden Bedrohungen und die Überspanntheiten, die seiner verhunzten Rezeption innewohnen, auf eine Vergleichsebene stellen?

Geht es beim einen nicht um eine praktisch verübte Repression Juden gegenüber, während es sich beim anderen lediglich um schiefe Bewusstseinslagen handelt? Zweierlei muss bei der Beantwortung dieser Fragen angegangen werden: zum einen das Problem einer antisemitisch motivierten, realen Bedrohung von Juden. Dazu einiges später. Zum anderen aber das akute Problem der heteronomen Ideologisierung rhetorischer Praktiken bei der vorgeblichen Bekämpfung von Antisemitismus.

Denn man kann sich schlechterdings kaum noch des Eindrucks erwehren, dass beim vermeintlichen anti-antisemitischen Diskurs in Deutschland etwas ganz anderes ausgetragen wird, als was (zumindest gemessen am mantrahaften Gerede über die den Juden drohende antisemitische Gefahr) zu erwarten stünde: Juden, will es scheinen, haben deutsche Antisemitismuskritiker nie konkret interessiert.

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