„Chemnitz ist das punktuelle Brennglas“ – Wilhelm Heitmeyer im Interview – www.NachDenkSeiten.de

08-09-18 08:11:00,

7. September 2018 um 10:00 Uhr | Verantwortlich:

„Chemnitz ist das punktuelle Brennglas“ – Wilhelm Heitmeyer im Interview

Veröffentlicht in: Erosion der Demokratie, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Interviews, Rechte Gefahr

Wilhelm Heitmeyer

Die Eruptionen von Chemnitz haben sich lange angekündigt, sagt der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer im Interview. Die Rufe nach einer „klaren Kante“ gegen „Nazis“ bezeichnet er ebenso als „leere Eliten-Rituale“ wie die aktuelle „Empörung“ weiter Teile der Politik. In Chemnitz äußere sich dieser Tage eine explosive Mischung aus kulturellen und sozialen Problemen – frühe Warnungen seien als „Alarmismus“ abgetan worden. Das Interview führte Tobias Riegel.

Als Sie letzte Woche die Bilder der Demonstrationen in Chemnitz gesehen haben – haben Sie sich da im Stillen gedacht: „Ich habe es schon immer gesagt“? Schließlich stellen Sie – basierend auf Ihren anerkannten Langzeitstudien – seit den 90er Jahren die nun aufbrechende Problementwicklung dar.

Die Ereignisse von Chemnitz sind ja nicht plötzlich vom Himmel gestürzt. Insofern sind auch manche Äußerungen und Verwunderungen insbesondere von politischen Eliten selbst verwunderlich. Außerdem muss man die Analyse breiter anlegen. In 2001 habe ich einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel „Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus“. Die These war, dass der globale Kapitalismus immer mehr Kontrollgewinne erzielt, während die nationalstaatliche Politik immer mehr Kontrollverluste erfährt. Daraus entstehen auch soziale Desintegrationserfahrungen bzw. Ängste in Teilen der Bevölkerung mit Gefühlen der individuellen Kontrollverluste über das eigene Leben. Damit geht eine Demokratieentleerung einher, dass Teile der Gesellschaft nicht mehr das Gefühl haben, dass die regierende Politik die sozialen und auch kulturellen Probleme lösen kann. Am Ende habe ich 2001 behauptet, dass ein rabiater Rechtspopulismus der Gewinner sein wird. Die These war wohl nicht völlig falsch.

Sie bezeichnen die Phrasen von der „klaren Kante“ gegen „Nazis“ als leere Eliten-Rituale. Wie beurteilen Sie aktuelle Aufrufe von an der sozialen Fehlentwicklung mitverantwortlichen Politikern, die Bürger sollten mehr Engagement gegen Rechts zeigen? Ist das Heuchelei? Oder wichtige Handlungsanweisung? Oder beides?

Das mit der „klaren Kante“ ist wie das Pfeifen im Walde. Selbstverständlich müssen sich mehr Menschen in der Öffentlichkeit und vor allem im privaten Rahmen quasi als Basisarbeit engagieren. Gerade der private Rahmen in der Verwandtschaft, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz,

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