Alte Freunde, neue Feinde – Die Türkei am geopolitischen Scheideweg – www.NachDenkSeiten.de

10-09-18 10:20:00,

10. September 2018 um 9:12 Uhr | Verantwortlich:

Alte Freunde, neue Feinde – Die Türkei am geopolitischen Scheideweg

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Finanzen und Währung, Ressourcen

Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei sind in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten. Ein türkischer Geistlicher im amerikanischen Exil, ein amerikanischer Geistlicher unter türkischem Hausarrest – in Ankaras Augen beides Terroristen. Ein gescheiterter Putschversuch, die Erdoğan-Regierung fordert Loyalität vom Westen; und bekommt sie nicht. Washington unterstützt jene Kurden, gegen die Ankara Krieg führt. Sanktionierung von Ministern, Strafzölle, Drohgebärden, Sanktionen und Gegensanktionen, die türkische Lira bricht ein, Twitter-Attacken, eine medienwirksame Schlammschlacht und nationalistisches Getöse – die Türkei-Krise als Paradebeispiel einer wild rotierenden Eskalationsspirale. Von Jakob Reimann[*].

Gern wird die gegenwärtige Krise auf einen Faustkampf seiner zwei Populisten an der Spitze reduziert, während der geopolitische Kontext einer aufstrebenden Türkei vernachlässigt wird. Denn angesichts eines Wirtschaftswachstums in Rekordhöhe in den letzten anderthalb Jahrzehnten strebt Ankara weiter danach, diesen Wirtschaftsboom derart in politische und militärische Macht zu übersetzen, dass im Nahen und Mittleren Osten keine Politik mehr an der Türkei vorbei implementiert werden kann.

Und so will sich die Türkei mehr und mehr als globalen Player positionieren und strebt dafür etwa die Aufnahme in die Gemeinschaft der BRICS-Staaten an – Erdoğan hat mit BRICST bereits das Update des Akronyms parat. Doch anders als etwa Griechenland, oder auch Irland und Portugal, die unter Preisgabe ihrer Souveränität unter den Europäischen Rettungsschirm gezwängt wurden, verfügt die Türkei über keine finanzstarken Akteure hinter sich, die den Fall der Lira ernsthaft aufhalten wollten – und ein demütiger Gang zum IWF käme politischem Selbstmord Erdoğans gleich. So bleibt es unwahrscheinlich, dass trotz gewisser Annäherungen kurzfristig substanzielle Hilfen aus den BRICS-Staaten zu erwarten wären. Gewiss nicht aus Moskau. Und auch wenn Peking zwar entsprechende Möglichkeiten durchspielt, würde es sich bei eventuellen Hilfszahlungen „eher um eine politische Geste handeln als um eine fundamentale Unterstützung der Lira“, wie chinesische Medien analysieren.

Katar und die türkische Lira

Erste Finanzspritzen kamen daher auch nicht aus den zumindest auf dem Papier noch immer befreundeten NATO-Staaten oder der EU, sondern aus Katar – einem Land, das wie die Türkei selbst im Zentrum sich verschiebender Bündnisse und Allianzen im Nahen Osten steht.

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